Die Männer, die in der Indigofabrik beschäftigt waren, hatten keine Zeit; sie waren auch wohl kaum wünschenswerte Gesellschaft für Leute seines Standes. Dazu kommt noch, daß ein junger Kalkuttaer sich schwer an andre anschließt. Unter Fremden macht er immer den Eindruck, als ob er stolz sei oder sich nicht wohl unter ihnen fühle. So war der Postmeister recht einsam; zu tun hatte er auch nicht viel.

Zuweilen versuchte er sich in Versen. Er versuchte zum Ausdruck zu bringen, daß das Rauschen der Blätter und das Wandern der Wolken am Himmel genug seien, um das Leben mit Freude zu füllen. Aber Gott weiß, daß der arme Bursche sich wie neugeboren gefühlt hätte, wenn irgendein Geist aus Tausendundeiner Nacht plötzlich Bäume, Blätter und alles hinweggefegt und sie durch eine gutgepflasterte Straße ersetzt hätte, deren hohe Häuserreihen ihm die Wolken verdeckten.

Des Postmeisters Gehalt war gering. Er mußte sich seine Mahlzeiten selbst zubereiten und teilte sie mit Ratan, einem Waisenmädchen aus dem Dorf, die allerlei kleine Dienste für ihn verrichtete.

Wenn am Abend der Rauch aus den Kuhställen aufzusteigen begann[30] und in jedem Busch die Heimchen zirpten; wenn die Fakire der Baul-Sekte an ihren täglichen Versammlungsorten ihre schrillen Lieder sangen, wenn einem Dichter, der etwa versucht hätte, auf das Rauschen der Blätter im Bambusdickicht zu horchen, ein eiskalter Schauer über den Rücken gelaufen wäre – dann zündete der Postmeister seine kleine Lampe an und rief: „Ratan!“

Ratan saß draußen und wartete auf diesen Ruf, aber statt sogleich hereinzukommen, antwortete sie erst: „Haben Sie mich gerufen, Herr?“

„Was tust du?“ fragte dann der Postmeister.

„Ich muß jetzt wohl das Küchenfeuer anzünden“, kam als Antwort zurück.

Und dann sagte der Postmeister: „Ach, laß das Feuer noch eine Weile, zünde mir erst meine Pfeife an.“

Nach einem Augenblick kam Ratan herein, mit aufgeblasenen Backen, denn sie blies aus Leibeskräften in ein Stück brennende Kohle, womit sie den Tabak anzündete. Dies gab dem Postmeister dann eine Gelegenheit zur Unterhaltung. „Nun, Ratan,“ begann er dann wohl, „hast du noch irgendwelche Erinnerungen an deine Mutter?“

Das war ein ergiebiges Thema. Ratan hatte nicht mehr viel Erinnerungen an sie. Ihr Vater hatte mehr von ihr gehalten als ihre Mutter, an ihn erinnerte sie sich noch viel lebhafter. Er pflegte am Abend nach der Arbeit heimzukommen, und ein paar solcher Abende hatten sich ihrem Gedächtnis wie deutliche Bilder eingegraben. Ratan hockte auf dem Boden, während sie sich in diesen Erinnerungen erging. Sie gedachte eines kleinen Bruders, und wie sie einmal an einem trüben Tag am Teich mit ihm Fischen gespielt hatte, mit einem Zweig als Angelrute. Solche kleinen Erlebnisse wurden in der Erinnerung groß und bedeutungsvoll und verdrängten die größeren. Während sie so plauderten, wurde es oft sehr spät, und der Postmeister fühlte sich zu schläfrig, um noch irgend etwas zu kochen. Dann machte Ratan eilig ein Feuer an und röstete etwas ungesäuertes Brot, das ihnen, zusammen mit den kalten Resten der Mittagsmahlzeit, als Abendessen genügte.