An manchen Abenden, wenn der Postmeister so an seinem Pult in der Ecke des großen, leeren Strohschuppens saß, rief auch er die Erinnerungen an sein Heim wach, an seine Mutter und Geschwister, an die, nach denen sich sein Herz in seiner Verbannung sehnte – an die er immer dachte, aber von denen er mit den Fabrikleuten nicht sprechen konnte, obgleich es ihm ganz natürlich war, in Gegenwart des einfachen kleinen Mädchens ihrer zu gedenken. Und so kam es, daß das Mädchen, wenn sie von den Seinen sprach, sie als Mutter, Bruder und Schwester[31] bezeichnete, als ob sie sie ihr Leben lang gekannt hätte. Sie hatte ja auch in ihrem kleinen Herzen ein deutliches Bild von jedem einzelnen.

Es war in der Regenzeit, an einem Mittage. Der Regen hatte gerade aufgehört, und es wehte eine leise, kühle Brise. Der Duft des feuchten Grases und Laubes in der heißen Sonne berührte den Körper wie der warme Atem der ermüdeten Erde. Ein Vogel wiederholte den ganzen Nachmittag unermüdlich den Kehrreim seines Klageliedes im Audienzraum der Natur.

Der Postmeister hatte nichts zu tun. Der Glanz des frischgewaschenen Laubes und die aufgetürmten Wolkenmassen am Himmel waren ein herrlicher Anblick, und der Postmeister sah den abziehenden Regenwolken nach und dachte bei sich: „Ach, wenn ich nur eine verwandte Seele hier hätte, ein liebendes Wesen, das ich an mein Herz schließen könnte!“ Genau dasselbe, so dachte er weiter, versuchte auch jener Vogel zu sagen, genau dasselbe seufzte das Laub des alten Baumes, an dessen Stamm er müßig seinen Rücken lehnte. Aber das wußte und glaubte niemand, daß auch in einem schlecht bezahlten Dorfpostmeister in der tiefen Stille der Mittagspause solche Gefühle aufsteigen könnten.

Der Postmeister seufzte und rief: „Ratan!“ Ratan lag ausgestreckt unter dem Guajavabaum und war eifrig damit beschäftigt, unreife Guajavafrüchte zu essen. Sobald sie die Stimme ihres Herrn hörte, kam sie atemlos angelaufen und fragte: „Haben Sie mich gerufen, Dada[32]?“ – „Ich dachte eben,“ sagte der Postmeister, „ich könnte dich eigentlich lesen lehren.“ Und er brachte den Rest des Tages damit zu, ihr das Alphabet beizubringen.

Auf diese Weise kam Ratan in ganz kurzer Zeit schon bis zu den Doppelkonsonanten.

Es schien, als ob die Regenzeit nicht enden wollte. Kanäle, Gräben und Gruben strömten über von Wasser. Tag und Nacht hörte man das Prasseln des Regens und das Quaken der Frösche. Die Dorfstraßen wurden unpassierbar, und man mußte seine Einkäufe in flachen Booten machen.

Eines Morgens, als der Himmel wieder schwer von Wolken war, hatte die kleine Schülerin des Postmeisters schon lange vor der Tür auf seinen Ruf gewartet. Als sie immer noch nichts hörte, nahm sie endlich ihr arg zerlesenes Buch und ging leise hinein. Sie fand ihren Herrn auf seiner Matratze ausgestreckt, und in dem Glauben, er schliefe noch, wollte sie schon auf den Zehen wieder hinausschleichen, als sie plötzlich ihren Namen hörte: „Ratan!“ Sie wandte sich sogleich um und fragte: „Schliefen Sie, Dada?“ Der Postmeister sagte in klagendem Ton: „Ich bin nicht wohl. Fühl' einmal meinen Kopf, ist er nicht ganz heiß?“

In der Einsamkeit seiner Verbannung und in dem trüben Dunkel der Regenzeit brauchte sein schmerzender Körper etwas zarte und liebevolle Pflege. Er gedachte mit Sehnsucht der Zeit, wo eine weiche Hand mit leise klirrendem Armband sanft über seine Stirn gestrichen hatte, und er versuchte sich vorzustellen, daß Frauenliebe an seinem Lager saß in Gestalt von Mutter und Schwester. Und er wurde nicht enttäuscht. Ratan hörte auf, ein kleines Mädchen zu sein. Sie trat sofort an die Stelle der Mutter, rief den Dorfarzt, gab dem Patienten zu den vorgeschriebenen Zeiten seine Pillen, wachte die ganze Nacht an seinem Lager, kochte ihm seine Hafersuppe und fragte von Zeit zu Zeit: „Fühlen Sie sich ein wenig besser, Dada?“

Es dauerte einige Zeit, bis der Postmeister mit sehr geschwächtem Körper sein Krankenlager verlassen konnte. „Dies geht nicht so weiter“, sagte er entschlossen. „Ich muß um Versetzung einkommen.“ Er schrieb sofort in diesem Sinne ein Gesuch nach Kalkutta mit der Begründung, daß der Ort zu ungesund sei.

Nachdem Ratan ihrer Pflichten als Krankenpflegerin enthoben war, nahm sie wieder ihren alten Platz draußen vor der Tür ein. Aber sie wartete vergebens auf den altgewohnten Ruf. Mitunter blickte sie verstohlen hinein; dann sah sie den Postmeister auf seinem Stuhl sitzen oder auf seiner Matratze ausgestreckt und geistesabwesend in die Luft starren. Während Ratan auf ihren Ruf wartete, wartete der Postmeister auf eine Antwort auf sein Gesuch. Die Kleine las ihre alten Aufgaben immer wieder durch; ihre größte Angst war, daß sie, wenn sie gerufen würde, die Doppelkonsonanten nicht richtig lesen könnte. Endlich, nach einer Woche, kam eines Abends wirklich der Ruf. Mit überquellendem Herzen stürzte Ratan ins Zimmer: „Haben Sie mich gerufen, Dada?“