Als der Postmeister am andern Morgen aufstand, fand er sein Bad bereit. Er hatte an seiner Kalkuttaer Gewohnheit festgehalten, im Hause zu baden, statt, wie man es sonst im Dorfe tat, sein Bad im Fluß zu nehmen. Das Mädchen hatte ihn nicht fragen können, um welche Zeit er abreisen wolle, daher hatte sie schon lange vor Sonnenaufgang das Wasser vom Fluß geholt, damit er es bereit fände, sobald er es brauchte. Nach dem Bade hörte sie ihn rufen. Sie trat leise ein und sah ihrem Herrn schweigend ins Gesicht, seine Befehle erwartend. „Du brauchst dir keine Sorge zu machen wegen meines Fortgehens, Ratan,“ sagte er zu ihr, „ich werde meinem Nachfolger sagen, daß er sich um dich kümmert.“ Diese Worte waren ohne Zweifel freundlich gemeint, aber ein Frauenherz ist unberechenbar.

Ratan hatte, ohne zu klagen, manche Schelte von ihrem Herrn hingenommen, aber diese freundlichen Worte konnte sie nicht ertragen. „Nein, nein!“ rief sie, in Tränen ausbrechend, „Sie brauchen niemandem irgend etwas über mich zu sagen; ich will hier nicht länger bleiben.“

Der Postmeister war sprachlos. So hatte er Ratan nie gesehen. –

Pünktlich kam der Nachfolger an, und nachdem der Postmeister ihm das Amt übergeben hatte, schickte er sich an, abzureisen. Bevor er aufbrach, rief er Ratan und sagte: „Hier ist etwas für dich; ich hoffe, damit kommst du eine kleine Zeitlang aus.“ Und damit zog er aus seiner Tasche sein ganzes Monatsgehalt und behielt nur eine geringfügige Summe für seine Reiseausgaben zurück. Doch Ratan fiel ihm zu Füßen und rief: „Ach nein, Dada, bitte geben Sie mir nichts, kümmern Sie sich überhaupt gar nicht um mich!“ Dann lief sie hinaus.

Der Postmeister seufzte, nahm seine Reisetasche, hängte seinen Regenschirm über die Schulter, und begleitet von einem Manne, der seinen bunten, mit Eisenblech beschlagenen Koffer trug, ging er langsam nach dem Schiff.

Als er einstieg und das Schiff abfuhr und die vom Regen geschwollenen Wasser des Flusses schweigend seinen Bug umsprudelten wie Tränenströme, die von der Erde aufstiegen, da wurde ihm eigentümlich weh ums Herz. Das gramerfüllte Antlitz des Dorfmädchens schien ihm ein Abbild zu sein von dem großen, unausgesprochenen, unermeßlich tiefen Leid der Mutter Erde selbst. Schon spürte er den Drang, umzukehren und das einsame, von der Welt verlassene Geschöpf mitzunehmen. Aber der Wind hatte gerade die Segel gebläht, das Schiff war mitten in der heftigen Strömung, das Dorf lag schon hinter ihm, und der weit außerhalb des Dorfes liegende Verbrennungsplatz wurde bereits sichtbar.

So ließ sich denn der Reisende auf den Wogen des schnell strömenden Flusses dahintragen und tröstete sich mit philosophischen Betrachtungen über die zahllosen Trennungen in der Welt und über den Tod, die letzte große Trennung.

Aber Ratan hatte keine Philosophie. Sie wanderte ruhelos im Postamt umher, und ihre Tränen flossen unaufhaltsam. Vielleicht hegte sie noch in irgendeinem Winkel ihres Herzens eine leise Hoffnung, daß ihr Dada zurückkehren werde, und dies war der Grund, weshalb sie sich nicht losreißen konnte. Ach, um das törichte Menschenherz!