So vergingen Monate. Im April, zur Zeit der Sonnenfinsternis, kamen ungeheure Scharen hierher, um im Ganges zu baden. Unter den Akazienbäumen wurde ein Jahrmarkt abgehalten. Viele von den Pilgern suchten den Sannjasin auf, und unter ihnen waren einige Frauen aus dem Dorfe, wo Kusum verheiratet gewesen war.

Es war an einem Morgen. Der Sannjasin saß auf meinen Stufen und sprach seine Gebete, als plötzlich eine der Pilgerinnen ihre Nachbarin anstieß und sagte: „Ei sieh doch! Es ist ja der Gatte unserer Kusum!“ Die andere hielt vorsichtig mit zwei Fingern ihren Schleier ein klein wenig auseinander und rief aus: „O Himmel, er ist es wirklich! Es ist der jüngste Sohn der Familie Tschattergu aus unserm Dorfe!“ Und eine dritte, die ihren Schleier nicht so geflissentlich zur Schau trug, rief: „Ja gewiß muß er es sein! Er hat genau dieselbe Stirn und Nase und Augen!“ Doch eine andere Frau sagte seufzend, indem sie ihren Krug ins Wasser tauchte und sich nicht weiter nach dem Sannjasin umsah: „Ach nein! Der junge Mann lebt nicht mehr; er kommt nicht zurück. Die arme Kusum!“

„Er hatte auch keinen so großen Bart,“ wandte eine andere ein. „Und so mager war er auch nicht.“ „Und auch nicht so groß,“ meinten noch andere. Damit war die Frage erledigt, und man sprach nicht mehr darüber.

Eines Abends, als der Vollmond aufging, kam Kusum und setzte sich auf meine unterste Stufe dicht über dem Wasser, und ihr Schatten fiel auf mich.

Es war sonst niemand an dem Badeplatz. Die Heimchen zirpten um mich her. Das Geläute der Tempelglocken hatte aufgehört, die letzte Tonwelle verebbte langsam, bis sie sich allmählich im verdämmernden Hain des andern Ufers verlor. Auf dem dunklen Wasser des Ganges lag ein Streifen glitzernden Mondlichts. Am Uferrand, in den Büschen und Hecken, unter dem Tempelportal, in den Ruinen verfallener Häuser, am Rand des Teiches, im Palmenhain, überall stiegen Schatten auf von phantastischer Gestalt. Die Fledermäuse hingen an den Zweigen der Tschatimbäume und schwangen leise hin und her. In der Nähe erhob sich das laute Geheul der Schakale und verstummte dann wieder.

Langsam trat der Sannjasin aus dem Tempel. Als er die Badetreppe herabsteigen wollte, sah er eine Frau allein dort sitzen und war schon im Begriff umzukehren, als Kusum plötzlich den Kopf hob und sich umsah. Ihr Schleier glitt herab, und das Mondlicht fiel voll auf ihr Gesicht, als sie ihn anblickte.

Eine Eule flog schreiend über die beiden hinweg. Kusum schrak zusammen bei dem Laut, kam zu sich und zog den Schleier über den Kopf. Dann neigte sie sich tief vor dem Sannjasin.

Er segnete sie und fragte: „Wer bist du?“

„Ich heiße Kusum“, erwiderte sie.

Weiter wurde an jenem Abend kein Wort gesprochen. Kusum ging langsam zu ihrem Hause zurück, das ganz in der Nähe war. Aber der Sannjasin blieb in jener Nacht noch stundenlang auf meinen Stufen sitzen. Endlich, als der Mond seinen Weg von Osten nach Westen zurückgelegt hatte und der Schatten des Sannjasin von hinten nach vorn gerückt war, stand er auf und ging in den Tempel.