Mandschari, das Mädchen der Prinzessin, kam jeden Tag auf ihrem Wege zum Fluß an dem Hause des Dichters vorbei, und sie versäumte nie, verstohlen ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Wenn die Straße leer war und die Dämmerung ihren Schatten über das Land breitete, dann trat sie kühn in sein Zimmer und setzte sich auf eine Ecke seines Teppichs. Und es schien wohl, daß sie mit besonderer Sorgfalt die Farbe ihres Schleiers und die Blume für ihr Haar gewählt hatte.
Die Leute lächelten darüber und flüsterten allerlei, und man konnte sie deswegen nicht tadeln. Denn der Dichter Schekhar gab sich keine Mühe zu verbergen, daß diese Begegnungen eine Quelle reiner Freude für ihn waren.
Ihr Name bedeutete: Blütensträußchen. Jeder muß zugeben, daß dies ein lieblicher Name ist für ein gewöhnliches sterbliches Wesen. Aber Schekhar genügte er noch nicht, und er nannte sie Frühlingsblütensträußchen. Und die gewöhnlichen Sterblichen schüttelten den Kopf und sagten: Ach, du lieber Himmel!
In den Frühlingsliedern, die der Dichter sang, wiederholte sich auffallend oft das Lob der Frühlingsblütensträußchen. Der König lächelte und blinzelte ihn bedeutungsvoll an, wenn er es hörte, und dann lächelte der Dichter auch.
Der König fragte ihn wohl manchmal: „Hat die Biene nichts anderes zu tun, als im Hof des Frühlings umherzusummen?“
Dann antwortete der Dichter: „O doch, sie muß auch den Honig von den Frühlingsblütensträußchen nippen.“
Und alle, die in der Halle des Königs waren, lachten. Und man sagte, auch die Prinzessin Adschita habe gelacht, daß ihr Mädchen den Namen angenommen, den der Dichter ihr gegeben, und Mandschari war heimlich im Herzen froh.
So vermischt sich im Leben Wahrheit und Irrtum – und zu dem, was Gott baut, fügt der Mensch seinen eigenen Zierat.
Nur das, was der Dichter sang, war reine Wahrheit. Er sang von Krischna, dem göttlichen Liebenden, und von Radha, der Geliebten, dem ewig Männlichen und ewig Weiblichen; er sang von dem Leid, das so alt ist wie die Zeit selbst, und von der Freude, die nie enden wird. Und jeder, vom Bettler bis zum König selbst, erprobte die Wahrheit dieser Lieder in seinem innersten Herzen. Die Lieder des Dichters waren auf aller Lippen. Beim fernsten Mondenschimmer und beim leisesten Flüstern der Sommerbrise brachen seine Lieder in zahllosen Stimmen hervor aus Fenstern und Höfen, aus den Segelboten auf dem Fluß und aus den Schatten der Bäume am Wege.
So rannen die Tage glücklich dahin. Der Sänger sang, der König lauschte seinem Lied, und die Zuhörer riefen Beifall. Mandschari kam immer wieder auf ihrem Wege zum Fluß an dem Hause des Dichters vorüber – der Schatten huschte oben hinter dem Vorhang des Balkons, und die goldenen Glöckchen erklangen von fern.