Heute hat Surabala die ganze Welt verlassen und ist zu mir gekommen. Heute hat sie niemanden außer mir. In ihrer fernen Kindheit war diese Surabala aus einer andern Welt, aus irgendeinem dunklen, urzeitlichen Reich des Geheimnisses gekommen und hatte im hellen Licht dieser menschenvollen Erde neben mir gestanden, und heute, nach einem langen Zeitraum, hat sie jene Erde verlassen, die so voll ist von Licht und Leben, um in diesem furchtbaren, trostlosen Dunkel, in diesem Todeskampfe der Natur allein an meiner Seite zu sein. Der Strom des Lebens hatte jene zarte Knospe einst mir vor die Füße gespült, und die Flut des Todes hat dieselbe Blume, die jetzt zu voller Blüte sich entfaltet hat, ergriffen und mir zugetragen, mir und niemandem anders! Noch eine Woge, und wir werden von diesem äußersten Rand der Erde, auf dem wir jetzt getrennt sitzen, hinabgefegt und eins werden im Tode.

Möge diese Woge nie kommen! Möge Surabala lange und glücklich in ihrem Heim leben, umgeben von ihrem Gatten, ihren Kindern und Verwandten! Diese eine Nacht, wo ich am Abgrund des Todes gestanden, habe ich ewige Seligkeit gekostet.

Die Nacht ging hin, der Sturm legte sich, die Flut ebbte ab; ohne ein Wort zu sagen, ging Surabala nach Hause zurück, und auch ich kehrte heim zu meinem Schuppen, ohne ein Wort gesagt zu haben.

Ich saß lange und sann: Es ist wahr, ein Nazir oder oberster Gerichtssekretär oder Garibaldi bin ich nicht geworden; ich bin nur der zweite Lehrer an einer armseligen Landschule. Aber die eine kurze Nacht hat auf den ganzen Weg meines Lebens einen Glanz geworfen.

Von allen Tagen und Nächten, die mir zugeteilt sind, war jene eine Nacht die höchste Erfüllung meines Daseins.


[DER SIEG]

SIE war die Prinzessin Adschita. Und der Sänger des Königs Narajan hatte sie nie gesehen. Wenn er dem Könige ein neues Lied vortrug, dann erhob er seine Stimme immer genau so weit, daß unsichtbare Hörer hinter den Vorhängen des Balkons hoch oben über der Halle sie vernehmen konnten. Er sandte sein Lied hinauf zu dem fernen Sternenlande, wo der Planet, der sein Schicksal beherrschte, lichtumflossen thronte, unbekannt und unerreichbar seinem Blick.

Bisweilen erspähte er einen Schatten, der sich hinter dem Vorhang bewegte. Oder sein Ohr vernahm einen leisen, fernen Klang, und er träumte von den Fußspangen, deren goldene Glöckchen jeden Schritt mit Gesang begleiteten. Ach, die rosigen zarten Füße, die über den Staub der Erde hinschwebten und ihn segneten wie Gottes Gnade die Sünder! Der Dichter hatte sie auf den Altar seines Herzens gestellt, wo er zum Ton jener goldenen Glocken seine Lieder wob. Niemals stieg ein Zweifel darüber in seiner Seele auf, wessen Schatten es war, der sich hinter dem Vorhang bewegte, und wessen Fußspangen zu dem Takt seines pochenden Herzens erklangen.