Von nun an konnte ich meine Gedanken nicht auf irgendeine Arbeit richten. Wenn am Mittag die Schüler in meiner Klasse durcheinandersummten, wenn draußen die Mittagshitze brütete, wenn die laue Brise den süßen Duft der Paternosterblüten ins Zimmer trug, dann wünschte ich mir, – ich weiß nicht, was ich wünschte, aber so viel ist gewiß, daß ich mir nicht wünschte, mein ganzes Leben damit zuzubringen, die grammatischen Aufgaben jener Zukunftshoffnungen Indiens zu verbessern.

Wenn die Schule aus war, konnte ich es in meinem einsamen Hause nicht aushalten; und doch langweilte mich jeglicher Besuch. Wenn ich in der Dämmerung am Teich saß und hörte, wie die Brise seufzend durch die Blätter der Areka- und Kokospalmen strich, dann dachte ich, daß doch die menschliche Gesellschaft ein einziges Gewebe von Fehlern sei; niemand hat Verstand genug, das Richtige zur richtigen Zeit zu tun, und wenn die Gelegenheit vorbei ist, zermartern wir uns das Herz in vergeblichem Sehnen.

Ich hätte Surabala heiraten und zeitlebens glücklich sein können. Aber ich wollte durchaus ein Garibaldi werden, – und wurde schließlich der zweite Lehrer an einer Landschule! Und der Rechtsanwalt Ram Lotschan Ray, der gar kein Anrecht darauf hatte, Surabalas Gatte zu werden, für den vor seiner Heirat Surabala durchaus nichts anderes bedeutete, als hundert andere Mädchen, hat sie ganz ruhig geheiratet und verdient als Staatsanwalt einen Haufen Geld; wenn ihm das Essen nicht schmeckt, so schilt er Surabala, und wenn er guter Laune ist, schenkt er ihr eine Spange! Er ist glatt und rund, gut gekleidet und frei von jeder Sorge; er bringt nie seinen Abend damit zu, am Teich zu sitzen und seufzend die Sterne anzustarren.

Ram Lotschan wurde in einem wichtigen Rechtsfall auf ein paar Tage aus der Stadt abberufen. Surabala war in ihrem Hause ebenso einsam wie ich in meiner Schule.

Ich erinnere mich, es war an einem Montag. Der Himmel war schon am frühen Morgen mit Wolken bedeckt. Um zehn Uhr setzte ein feiner Sprühregen ein. Bei dem drohenden Himmel hielt unser Direktor es für ratsam, die Schule früh zu schließen. Den ganzen Tag lang liefen dunkle Wolken über den Himmel hin, als ob sie sich zu einem großartigen Schauspiel rüsteten. Am nächsten Tage, gegen Nachmittag, erhob sich ein Sturm, und der Regen kam in Strömen herab. Wie die Nacht vorrückte, wuchs die Wut des Sturmes und des Regens. Zuerst blies der Sturm aus Osten, aber dann wandte er sich und raste nach Süden und Südwesten zu.

Es war nutzlos, zu versuchen, in solch einer Nacht zu schlafen. Ich dachte daran, daß Surabala in diesem furchtbaren Wetter in ihrem Hause allein war. Unsere Schule war viel stärker gebaut, als ihr leichtes Sommerhaus. Immer wieder schickte ich mich an, sie in das Schulhaus herüberzurufen, mit der Absicht, selbst die Nacht draußen am Teich zu verbringen. Aber ich konnte mir kein Herz dazu fassen.

Um halb zwei Uhr gegen Morgen hörte ich plötzlich das Rauschen der Flutwoge – die See kam zu uns heraufgestürzt! Ich lief aus meinem Zimmer, Surabalas Hause zu. Dazwischen war ein Damm, eine Eindeichung unseres Teiches, und als ich daraufzu watete, kam mir das Wasser schon bis an die Knie. Als ich den Damm erstieg, war gerade die zweite Woge heraufgekommen und brach zerschellend dagegen. Der höchste Teil des Dammes war mehr als siebzehn Fuß über der Ebene.

Als ich oben ankam, kam gleichzeitig mit mir jemand anders von der entgegengesetzten Seite. Jede Fiber in mir wußte sofort, wer es war, und meine ganze Seele erzitterte in diesem Bewußtsein. Ich zweifelte nicht, daß auch sie mich erkannt hatte.

Auf einer Insel von etwa drei Meilen im Geviert standen wir beide; alles andere um uns her war mit Wasser bedeckt.

Es war eine Zeit der Sintflut; die Sterne am Himmel waren ausgelöscht, und alle Lichter auf Erden waren verschwunden. Wenn wir damals miteinander gesprochen hätten, so wäre es kein Unrecht gewesen. Aber keiner von uns konnte ein Wort finden, keiner von uns fragte auch nur, wie es dem andern ginge. Wir standen da und starrten in die Dunkelheit. Zu unseren Füßen wirbelte der schwarze, wilde, heulende Todesstrom.