An einem schulfreien Tage machte ich Herrn Ram Lotschan einen Besuch. Ich weiß nicht mehr, worüber wir uns unterhielten, wahrscheinlich über die unglückliche Lage des heutigen Indiens. Nicht als ob sie ihm besonders am Herzen gelegen hätte, aber man konnte sich so gut ein paar Stunden über diesen Gegenstand breit und behaglich ergehen, während man dazu seine Pfeife schmauchte.
Während wir uns so unterhielten, hörte ich im Nebenzimmer leichte Tritte, das Rauschen eines Gewandes und ein ganz leises Klirren von Armbändern, und ich war gewiß, daß zwei neugierige Augen mich durch den Spalt eines kleinen Fensters beobachteten.
Plötzlich tauchte vor meinem Geiste ein Augenpaar auf, dunkle Augen, aus denen Vertrauen, Unschuld und mädchenhafte Liebe leuchteten, – schwarze Pupillen, lange, dunkle Wimpern, – und die Augen waren ruhig und fest auf mich gerichtet. Mein Herz wurde wie mit eisernem Griff gepackt und krampfte sich in jähem Schmerz zusammen.
Ich kehrte nach Hause zurück, aber der Schmerz wollte nicht weichen. Ob ich las, schrieb oder irgend etwas anderes tat, ich konnte die Last nicht von meinem Herzen abschütteln, sie lag wie ein schwerer Alp auf mir und preßte mir die Brust zusammen.
Am Abend wurde ich etwas ruhiger, und ich versuchte zu überlegen. „Was fehlt mir denn eigentlich?“ In mir fragte etwas: „Wo ist deine Surabala jetzt?“ Ich erwiderte: „Ich habe sie freiwillig aufgegeben. Ich konnte nicht erwarten, daß sie ewig auf mich warten würde.“
Aber die Stimme in mir beharrte: „Damals konntest du sie haben, wenn du nur wolltest. Heute kannst du tun, was du willst, du hast nicht einmal das Recht, sie anzusehen. Die Surabala deiner Knabenzeit mag dir noch so nahe sein; du kannst das Klirren ihrer Armspangen hören und den Duft ihres Haares in der Luft spüren, – und doch wird immer eine Mauer zwischen euch beiden sein.“
Ich antwortete: „Nun gut, sei dem so. Was ist mir Surabala?“
Mein Herz fuhr fort: „Heute ist Surabala dir nichts. Aber was hätte sie dir sein können?“
Ach, das ist wahr. Was hätte sie mir sein können! Das geliebteste aller Wesen, das mir näher stände als die ganze Welt, das alle meine Freuden und Leiden teilte, – das hätte sie sein können. Und jetzt ist sie mir so fern, so fremd, daß sie anzusehen verboten, mit ihr zu sprechen unschicklich, an sie zu denken Sünde ist! – während dieser Ram Lotschan plötzlich von irgendwoher auftaucht, ein paar auswendig gelernte religiöse Formeln murmelt und dann mit einem Griff Surabala davonträgt als seinen alleinigen und unbestrittenen Besitz.
Ich will kein neues Sittengesetz predigen oder die Gesellschaftsordnung stürzen, ich habe nicht die Absicht, Familienbande zu zerreißen. Ich will nur genau das ausdrücken, was in mir vorging, wenn es auch nicht vernünftig ist. Ich konnte auf keine Weise das Gefühl loswerden, daß Surabala, die da im Schutze von Ram Lotschans Heim waltete, weit mehr mir als ihm gehörte. Diese Vorstellung war – das gebe ich zu – unvernünftig und ungehörig, aber unnatürlich war sie nicht.