Wenn wir die Lösung unseres Problems gefunden haben, so haben wir damit zugleich geholfen, das Weltproblem zu lösen. Denn was Indien gewesen ist, das ist die ganze Welt jetzt. Die Welt ist im Begriff, durch die technischen Erleichterungen zu einem einzigen Lande zu werden. Und der Augenblick kommt, wo ihr auch nach einer Basis für eure Einheit suchen müßt, die nicht politischer Art ist. Wenn Indien seine Aufgabe gelöst hat, so hat es dies für die ganze Menschheit getan. Es gibt überhaupt nur eine Geschichte – die Geschichte des Menschen. Die Geschichten der Völker sind nur einzelne Kapitel dieser großen Geschichte. Und wir Inder wollen gern für eine so große Sache leiden.

Jedes Individuum hat seine Selbstliebe. Daher wird es von seinem tierischen Instinkt getrieben, nur um seines eigenen Interesses willen mit andern zu kämpfen. Aber der Mensch hat auch seine höheren Instinkte: Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. Die Menschen, denen es an dieser höheren sittlichen Kraft fehlt, und die sich daher nicht mit andern zu einer Gemeinschaft verbinden können, müssen umkommen oder in einem Zustande der Erniedrigung leben. Nur die Völker haben fortgelebt und es zur Kultur gebracht, in denen dieser Gemeinschaftsgeist stark lebendig ist. So finden wir, daß vom Anfang der Geschichte an die Menschen zu wählen hatten zwischen Kampf und Gemeinschaft, Eigeninteresse und Allgemeininteresse.

In den Zeiten unserer frühen Geschichte, als die geographischen Grenzen des einzelnen Landes nur klein und die Verkehrsmöglichkeiten gering waren, hatte auch dies Problem nur verhältnismäßig geringen Umfang. Es genügte, wenn die Menschen ihr Gemeinschaftsgefühl nur innerhalb der Grenzen ihres abgesonderten Gebiets entwickelten. Zu jenen Zeiten schlossen sie sich zusammen und kämpften gegen andere. Aber es war dies sittliche Gefühl der Gemeinschaft, das die wahre Grundlage ihrer Größe wurde, auf der sich Kunst, Wissenschaft und Religion entwickeln konnten. In jenen frühen Zeiten war die wichtigste Tatsache, deren der Mensch sich bewußt sein mußte, daß er in einer engeren Rassengemeinschaft lebte. Wem diese Tatsache wahrhaft in sein sittliches Bewußtsein eingegangen war, der machte sich um die Geschichte verdient.

Die wichtigste Tatsache der heutigen Zeit ist, daß die verschiedenen Menschenrassen in nahe Berührung miteinander gekommen sind. Und wieder haben wir zwischen zwei Wegen die Wahl: die Frage ist, ob die verschiedenen Völkergruppen fortfahren sollen einander zu bekämpfen, oder ob sie versuchen sollen, eine Grundlage für Versöhnung und gegenseitige Hilfe zu finden; ob ewiger Wettstreit oder Zusammenarbeiten die Losung sein soll.

Ich bin gewiß, daß die, die mit der sittlichen Kraft der Liebe und dem Ideal einer geistigen Einheit unter den Völkern begnadet sind, die am wenigsten von Feindseligkeit den fremden Nationen gegenüber wissen und Verständnis und Mitgefühl genug haben, um sich in die Lage der andern zu versetzen, ich glaube, daß diese die Geeignetsten sein werden, ihren Platz in dem kommenden Zeitalter zu behaupten, während die, die beständig ihren angeborenen Trieb zu Kampf und Unduldsamkeit pflegen, untergehen werden. Denn dies ist das Problem, das jetzt vor uns liegt, und wir müssen unser höheres Menschentum dadurch beweisen, daß wir es auf sittlichem Wege lösen. Die riesigen Organisationen, die dazu dienen, andere anzugreifen und ihre Angriffe abzuwehren, Geld zu erringen, indem man andere beiseite stößt, diese werden uns nicht helfen. Im Gegenteil, durch ihr zermalmendes Gewicht, ihre ungeheuren Kosten und ihre ertötende Wirkung auf das lebendige Menschentum werden sie unsere Kraft in dem großzügigeren Leben einer höheren Kultur ernstlich gefährden.

Als die Nation noch in der Entwicklung begriffen war, da war die sittliche Kultur der Brüderlichkeit in geographische Grenzen eingeschlossen, weil damals jene Grenzen auch wirkliche Grenzen waren. Jetzt sind sie zu traditionellen Linien geworden, die nur in der Einbildung bestehen und den Charakter wirklicher Schranken verloren haben. So ist die Zeit gekommen, wo die sittliche Natur des Menschen in allem Ernst mit dieser wichtigen Tatsache rechnen oder sich verloren geben muß. Die erste Folge von diesem Wechsel der Umstände war, daß die niederen Leidenschaften des Menschen, Gier und wilder Haß, jäh emporschäumten. Wenn dies unbegrenzt weitergeht, wenn die Kriegsrüstungen immer weiter bis ins Phantastische und Sinnlose gesteigert werden, wenn Maschinen und Lagerhäuser mit ihrem Rauch und Schmutz und mit all ihrer Scheußlichkeit diese schöne Erde einhüllen, so wird sie in einem Weltbrand ein selbstmörderisches Ende nehmen. Daher muß der Mensch die ganze Kraft seiner Liebe und seines schauenden Geistes anstrengen, um eine neue sittliche Ordnung aufzurichten, die die ganze Menschheit umfaßt und nicht nur einzelne Nationen, die immer nur einen Bruchteil ausmachen. Der Ruf ergeht heute an jeden einzelnen, sich und seine Umgebung vorzubereiten für die Morgendämmerung einer neuen Weltperiode, wo der Mensch in der geistigen Einheit aller menschlichen Wesen seine Seele entdecken wird.

Wenn es überhaupt dem Westen beschieden ist, aus diesem Gestrüpp der tieferen Abhänge sich zu dem geistigen Gipfel der Menschheit emporzuarbeiten, so ist es, glaube ich, die besondere Mission Amerikas, diese Hoffnung Gottes und der Menschheit zu erfüllen. Ihr seid das Land der Erwartung, das über das Gegebene hinausstrebt. Europa hat seine geistigen Gewohnheiten und Konventionen. Aber Amerika hat sich bis jetzt noch nirgends festgelegt. Mir ist klar geworden, wie frei Amerika von allen Traditionen der Vergangenheit ist, und ich weiß die Neigung zum Experimentieren als ein Zeichen seiner Jugend zu schätzen. Amerikas Ruhm und Größe gründet sich mehr auf die Zukunft als auf die Vergangenheit, und wer die Gabe des Hellsehens hat, wird das Amerika der Zukunft lieben müssen.

Amerika hat die Aufgabe, dem Osten gegenüber die westliche Kultur zu rechtfertigen. Europa hat den Glauben an die Menschheit verloren und ist mißtrauisch und kränklich geworden. Amerika dagegen ist weder pessimistisch noch blasiert. Ihr wißt als Volk, daß, wenn man das Gute hat, man das Bessere und Beste suchen kann, und daß man um so mehr zu wissen strebt, je mehr man weiß. Traditionen aber und Gewohnheiten bewirken das Gegenteil. Und es gibt Gewohnheiten, die nicht nur durch träges Beharren hemmen, sondern anmaßend und aggressiv sind. Sie sind nicht bloße Mauern, sondern stachlige Distelhecken. Europa hat jahrelang diese Hecken von Gewohnheiten großgezogen, bis sie es dicht und stark und hoch eingeschlossen haben. Der Stolz auf seine Traditionen hat tief in seinem Herzen Wurzel geschlagen. Ich will nicht behaupten, daß dieser Stolz unberechtigt ist. Aber jede Art von Stolz macht schließlich blind. Wie bei allen künstlichen Reizmitteln ist seine erste Wirkung eine Erhöhung des Lebensgefühls, aber bei vermehrter Dosis wird das Bewußtsein getrübt und ein Rausch erzeugt, der es irreführt. Europas Herz hat sich allmählich verhärtet in dem Stolz auf seine Traditionen. Es kann nicht nur nicht vergessen, daß es der kultivierte Westen ist, sondern ergreift auch jede Gelegenheit, andern die Tatsache ins Gesicht zu schleudern, um sie zu demütigen. Dadurch macht es sich unfähig, sowohl dem Osten sein Bestes zu geben als auch im rechten Geiste die Weisheit aufzunehmen, die der Osten seit Jahrhunderten aufgespeichert hat.

In Amerika haben nationale Gewohnheiten und Traditionen noch nicht Zeit gehabt, ihre klammernden Wurzeln um euer Herz zu schlagen. Ihr habt beständig die Nachteile auf eurer Seite empfunden und beklagt, wenn ihr eure nomadische Ruhelosigkeit mit den festen Traditionen Europas vergleicht, jenes Europas, das das Bild seiner Größe so wirkungsvoll vom Hintergrund seiner Vergangenheit sich abheben lassen kann. Aber in dieser gegenwärtigen Übergangszeit, wo ein neues Zeitalter der Kultur seinen Trompetenruf erschallen läßt an alle Völker der Welt in eine unbegrenzte Zukunft hinein, da wird gerade diese Ungebundenheit euch befähigen, seinem Ruf zu folgen und das Ziel zu erreichen, das Europa erstrebte, aber zu dem es auf halbem Wege steckenblieb. Denn es ließ sich durch den Stolz auf seine Macht und durch die Gier nach Besitz von seiner Bahn ablenken.

Nicht nur die Freiheit der einzelnen von festen Denkgewohnheiten, sondern auch die Freiheit eurer Geschichte von allen Verwicklungen, die sie hätten beflecken können, macht euch fähig, die Bannerträger der künftigen Kultur zu sein. Alle großen Nationen Europas haben irgendwo in der Welt ihre Opfer. Dies ertötet nicht nur ihre seelische, sondern auch ihre intellektuelle Sympathie, die zum Verständnis fremder Rassen so nötig ist. Die Engländer können Indien nie wahrhaft verstehen, weil ihr Geist in bezug auf dies Land nicht frei von eigennützigem Interesse ist. Wenn man England mit Deutschland oder Frankreich vergleicht, so findet man, daß es die kleinste Anzahl von Gelehrten aufzuweisen hat, die indische Literatur und Philosophie mit einem gewissen Grad von Verständnis und Gründlichkeit studiert haben. Diese Haltung von Gleichgültigkeit und Verachtung ist natürlich, wo das Verhältnis unnormal und auf nationalen Stolz und Egoismus gegründet ist. Aber eure Geschichte ist selbstlos gewesen, und daher habt ihr Japan helfen können, als es nach westlicher Kultur verlangte; daher kann auch China in seiner gegenwärtigen so schwer wie noch nie bedrohten Lage auf euch seine beste Hoffnung setzen. Ja, ihr tragt die ganze Verantwortung für eine große Zukunft, weil ihr nicht in den Klauen einer engherzigen Vergangenheit zurückgehalten werdet. Daher muß von allen Völkern der Erde Amerika am festesten diese Zukunft ins Auge fassen; es darf seinen Blick nicht trüben lassen, und sein Glaube an die Menschheit muß jugendlich stark bleiben.