Eine Ähnlichkeit besteht zwischen Amerika und Indien: beide müssen verschiedene Rassen zu einer Einheit verschmelzen.
In meinem Lande haben wir versucht, etwas zu finden, was allen Rassen gemeinsam ist und worauf sich ihre wirkliche Einheit gründen läßt. Eine Nation, die diese Einheit auf eine rein politische oder wirtschaftliche Basis zu gründen sucht, wird finden, daß diese Basis nicht genügt. Denkende und einflußreiche Männer werden entdecken, worin diese geistige Einheit besteht, sie werden sich ihr Bild im Geiste ausmalen und es ihrem Volk verkünden.
Indien hat nie den wirklichen Sinn für Nationalismus gehabt. Obgleich man mich von klein auf gelehrt hat, daß der Götzendienst der Nation fast noch besser ist als die Ehrfurcht vor Gott und der Menschheit, so bin ich, glaube ich, doch dieser Lehre entwachsen, und ich bin überzeugt, daß meine Landsleute ihr Indien in Wahrheit dadurch gewinnen werden, daß sie gegen eine Lehre kämpfen, die ihnen sagt, ein Land stände höher als die Ideale der Menschheit.
Der gebildete Inder versucht heutzutage Lehren aus der Geschichte zu entnehmen, die den Lehren unserer Vorfahren widersprechen. Ja, der Osten versucht, sich eine Geschichte anzueignen, die gar nicht das Ergebnis seines eigenen Lebens ist. Japan zum Beispiel glaubt, dadurch mächtig zu werden, daß es europäische Methoden übernimmt, aber nachdem es sein eigenes Erbe vergeudet hat, wird es nur die geborgten Waffen der äußeren Kultur in der Hand behalten. Denn es hat sich nicht aus sich heraus entwickelt.
Europa hat seine Vergangenheit. Europas Stärke liegt daher in seiner Geschichte. Wir in Indien müssen uns klarmachen, daß wir nicht die Geschichte eines andern Volkes übernehmen können und daß wir Selbstmord begehen, wenn wir unsere eigene ersticken. Wer seinem Leben künstlich etwas Fremdes aufsetzt, der erdrückt es.
Und daher glaube ich, daß es nicht gut für Indien ist, wenn es sich mit der westlichen Kultur auf ihrem Felde zu messen sucht. Wenn wir dagegen der uns vom Schicksal gewiesenen Bahn treu bleiben, so werden uns alle Schmähungen, mit denen man uns überhäufen mag, reichlich vergütet werden.
Es gibt Lehren, die uns unterweisen und uns zu geistiger Arbeit tüchtig machen. Diese sind einfach und können mit Nutzen erworben und angewandt werden. Aber es gibt andere, die uns tiefer berühren und unsere Lebensrichtung ändern. Bevor wir sie annehmen und ihren Wert mit unserem eigenen Erbe bezahlen, müssen wir haltmachen und ernsthaft nachdenken. Es kommen in der menschlichen Geschichte zuweilen Perioden, wo gewaltige Ereignisse wie Feuerwerke uns blenden durch ihre Stärke und Schnelligkeit. Sie verlachen nicht nur die bescheidenen Lampen unseres Heims, sondern auch die ewigen Sterne. Aber laßt uns durch ihre Herausforderung nicht zu dem Wunsch gereizt werden, unsere Lampen wegzuwerfen. Laßt uns geduldig den gegenwärtigen Schimpf ertragen und bedenken, daß diese Feuerwerke wohl hellen Glanz, aber keine Dauer haben wegen ihrer großen Explosionskraft, die die Ursache ihrer Stärke, aber auch zugleich die ihres schnellen Erlöschens ist. Sie verbrauchen ein verhängnisvolles Quantum von Energie und Substanz im Verhältnis zu dem, was sie leisten und einbringen.
Jedenfalls sind unsere Ideale durch unsere eigene Geschichte entwickelt worden, und wenn wir ein Feuerwerk aus ihnen machen wollten, so würde es doch nur kläglich ausfallen, da sie aus anderem Stoff sind als eure, wie auch ihr sittliches Ziel ein anderes ist. Wenn wir den Wunsch hegen, unsere ganze Habe gegen politischen Nationalismus einzutauschen, so ist dies ebenso unsinnig, als wenn die Schweiz ihr Leben an die Erfüllung des ehrgeizigen Wunsches setzte, eine Flotte zu bauen, die es mit der englischen aufnehmen könnte. Der Fehler, den wir machen, ist der, daß wir glauben, es gäbe nur einen Weg zu menschlicher Größe – den, den wir heute zu unserem Schmerz als breite Straße über die Welt des Westens laufen sehen und auf dem freche Anmaßung die Führerin ist.
Wir müssen die Gewißheit haben, daß eine Zukunft vor uns liegt und daß diese Zukunft die erwartet, welche reich an sittlichen Idealen sind und nicht an bloßen Dingen. Und es ist das Vorrecht des Menschen, für Früchte zu arbeiten, die er noch nicht sogleich sammeln kann, und sein Leben nicht durch den Erfolg des Augenblicks bestimmen zu lassen oder auch durch eine vorsichtige, in ihren Zielen begrenzte Vergangenheit, sondern durch eine unendliche Zukunft, die unsere höchsten Ideale in sich birgt.
Wir müssen erkennen, daß die göttliche Vorsehung selbst den Westen nach Indien führte. Und doch muß jemand kommen, der dem Westen den Osten deutet und ihm klarmacht, daß der Osten sein Teil beizusteuern hat zur Geschichte der Kultur. Indien kommt nicht als Bettler zum Westen. Und mag auch der Westen dies glauben, so rate ich doch nicht, daß wir die westliche Kultur verschmähen und uns in stolzer Unabhängigkeit absondern. Nein, laßt uns uns innerlich mit ihm tief verbinden. Wenn die Vorsehung England dazu ausersehen hat, daß es diesen Bund, diesen inneren Bund, stifte und leite, so will ich mich dem in aller Demut beugen. Ich habe einen großen Glauben an die menschliche Natur, und so glaube ich auch, daß der Westen seine wahre Mission erkennen wird. Ich spreche mit Bitterkeit von der westlichen Kultur, wenn ich sehe, wie sie das ihr Anvertraute verrät und ihrem eigenen Ziel entgegenarbeitet. Der Westen darf sich nicht zu einem Fluch für die Welt machen, indem er seine Macht zu selbstischen Zwecken braucht, sondern dadurch, daß er die Unwissenden belehrt und den Schwachen hilft, sollte er sich vor der Gefahr schützen, die dem Starken drohen kann, wenn er den Schwachen stark genug werden läßt, seinem Eindringen zu widerstehen. Auch muß er seinen Materialismus nicht als das Höchste und Letzte predigen, sondern er muß erkennen, daß er sich um die Menschheit verdient macht, wenn er den Geist von der Tyrannei der Materie befreit.