Ich wende mich nicht gegen eine Nation im besonderen, sondern gegen Nationen im allgemeinen. Was ist eine Nation?

Es ist die Erscheinung eines ganzen Volkes als organisierte Macht. Diese Organisation zielt beständig dahin, daß die Bevölkerung stark und leistungsfähig werde. Aber dies rastlose Streben nach Stärke und Leistungsfähigkeit entzieht der höheren Natur des Menschen, die ihn aufopfernd und schöpferisch machte, ihre Kraft. Seine Opferfähigkeit wird von ihrem eigentlichen, sittlichen und lebendigen Ziel abgelenkt auf ein mechanisches und lebloses, die Erhaltung dieser Organisation. Und doch fühlt er in der Erreichung dieses Zieles die ganze Genugtuung sittlicher Erhebung und wird daher der Menschheit äußerst gefährlich. Er fühlt sich in seinem Gewissen beruhigt, wenn er seine Verantwortlichkeit auf diese Maschine schieben kann, die eine Schöpfung seines Intellekts und nicht seiner ganzen sittlichen Persönlichkeit ist. So kommt es, daß das Volk, welches die Freiheit liebt, in einem großen Teil der Welt die Sklaverei fortbestehen läßt mit dem wohltuenden Gefühl des Stolzes, seine Pflicht getan zu haben. Menschen, die von Natur gerecht sind, können sowohl im Handeln wie im Denken grausam ungerecht sein und dabei das Gefühl haben, daß sie den Menschen nur zu dem verhelfen, was sie verdienen. Menschen, die sonst ehrlich sind, können, ohne zu wissen, was sie tun, andern dauernd ihr Menschenrecht auf höhere Entwicklung rauben und dabei die Beraubten schmähen, daß sie keine bessere Behandlung verdient hätten. Wir haben im täglichen Leben gesehen, wie sogar kleine Geschäfts- und Berufsorganisationen Menschen, die von Natur nicht schlecht sind, gefühllos machen, und wir können uns wohl vorstellen, welch eine Zerstörung in der sittlichen Welt angerichtet wird, wenn ganze Völker sich mit rasendem Eifer organisieren, um Macht und Reichtum zu gewinnen.

Der Nationalismus ist eine sehr schwere Gefahr. Er ist seit Jahren die Ursache von allen Leiden Indiens. Und da wir von einer Nation regiert und beherrscht werden, die in ihrer Haltung ausschließlich politisch ist, haben wir trotz des Erbes unserer Vergangenheit versucht, den Glauben in uns zu entwickeln, daß wir auch vielleicht eine politische Aufgabe haben.

Es gibt in Indien verschiedene Parteien, die ihre verschiedenen Ideale haben. Einige streben nach politischer Unabhängigkeit. Andere glauben, daß die Zeit dazu noch nicht gekommen ist, aber sie meinen, Indien sollte die Rechte der englischen Kolonien haben. Sie wollen soweit wie möglich Selbstregierung.

Als die politische Bewegung in Indien anfing, da gab es noch keinen Parteistreit wie heute. Damals gab es eine Partei, die sich Indischer Kongreß nannte. Sie hatte kein wirkliches Programm; sie wies auf einige Mißstände hin und forderte ihre Abstellung von seiten der Behörden. Sie wünschte eine größere Vertretung im Regierungsrat und mehr Freiheit in der Gemeindeverwaltung. Sie verlangte lauter Kleinigkeiten, aber sie hatte kein aufbauendes Ideal. Daher konnte ich mich für ihr Vorgehen nicht begeistern. Es war meine Überzeugung, daß das, was Indien am meisten braucht, schöpferische, aus seinem eigenen Geist geborene Arbeit ist. Und bei dieser Arbeit müssen wir alle Gefahren auf uns nehmen und selbst noch in des Verfolgers Rachen nicht aufhören, unsere uns vom Schicksal auferlegte Pflicht zu tun, und so durch Leiden und Mißerfolg bei jedem Schritt moralische Siege gewinnen. Wir müssen denen über uns zeigen, daß wir sittliche Kraft und Stärke haben, für die Wahrheit zu leiden. Haben wir aber selber nichts aufzuweisen, so können wir nur betteln. Es würde verderblich für uns sein, wenn uns die Gaben, um die wir bitten, sogleich gewährt würden, und ich habe meinen Landsleuten immer wieder gesagt, daß sie sich zusammenschließen sollen, nicht um zu betteln, sondern um Möglichkeiten zu schaffen, daß unser Geist der Selbstaufopferung sich wirksam erweisen kann.

Der Indische Kongreß verlor jedoch an Einfluß, da das Volk bald sah, wie nutzlos die Halbheit seiner politischen Bestrebungen war. Die Partei spaltete sich, und es bildeten sich die Radikalen, die die bisherige Methode des Bittens – die leichteste Methode, sich der Verantwortlichkeit gegen sein Land zu entschlagen – verwarfen und für absolute Freiheit des Handelns eintraten. Ihre Ideale gründeten sich auf die Geschichte des Westens. Sie hatten kein Gefühl für die besonderen Probleme Indiens. Sie erkannten die offenbare Tatsache nicht an, daß unsere Gesellschaftsordnung uns unfähig macht, es mit den fremden Völkern aufzunehmen. Denn was würde aus uns werden, wenn England irgendwie aus Indien vertrieben würde? Wir würden nur andern Nationen zum Opfer fallen. Dieselben sozialen Übel würden bestehen bleiben. Was wir in Indien erstreben müssen, ist dies: wir müssen suchen, mit den sozialen Sitten und Idealen aufzuräumen, die uns unsere Selbstachtung genommen und uns von denen, die uns beherrschen, ganz abhängig gemacht haben – mit dem Kastensystem und mit der blinden und trägen Gewohnheit, uns auf die Autorität von Traditionen zu verlassen, die heutzutage vernunftwidrige Anachronismen geworden sind.

Ich lenke noch einmal eure Aufmerksamkeit auf die Schwierigkeiten hin, mit denen Indien zu kämpfen gehabt hat. Sein Problem war das Weltproblem im kleinen. Indien hat eine zu große Ausdehnung und beherbergt zu verschiedene Rassen. Es sind in ihm viele Länder in einen geographischen Behälter zusammengepackt. Es ist gerade das Gegenteil von dem, was Europa in Wahrheit ist: ein einziges Land, das in viele Länder zerteilt ist. So hat Europa bei seinem Wachstum und Fortschritt den doppelten Vorteil gehabt: es hatte die Stärke der Vielheit und die Stärke der Einheit. Indien dagegen, das von Natur eine Vielheit und nur durch Zufall eine Einheit ist, hat immer unter dem losen Zusammenhang der ersteren und unter der Schwäche der letzteren gelitten. Wahre Einheit ist wie eine runde Kugel, sie rollt von selbst und trägt ihr Gewicht mit Leichtigkeit; aber Vielheit ist ein Ding mit vielen Ecken und Kanten, das man mit aller Kraft ziehen und vorwärtsstoßen muß. Es muß zu Indiens Rechtfertigung gesagt werden, daß es diese Vielheit nicht selbst geschaffen hat, es hat sie von Anfang seiner Geschichte an als eine Tatsache hinnehmen müssen. In Amerika und Australien hat Europa sich sein Problem dadurch vereinfacht, daß es die Urbevölkerung fast ganz ausrottete. Und noch heute macht sich dieser Ausrottungsgeist bei den Europäern bemerkbar, indem sie Fremde ungastlich ausschließen, sie, die selbst als Fremde kamen in die Länder, die sie nun beherrschen. Aber Indien duldete von Anfang an die Verschiedenheit der Rassen, und diesen Geist der Duldsamkeit hat es in seiner ganzen Geschichte gezeigt.

In ihm hat auch sein Kastensystem seinen letzten Grund. Denn Indien hat immer versucht, eine soziale Einheit zu entwickeln, die alle die verschiedenen Völker zusammenhielt und ihnen doch die Freiheit ließ, die bei ihnen bestehenden Unterschiede zu wahren. Das Band war so lose wie möglich, und doch so fest, wie die Umstände es gestatteten. So ist etwas wie ein sozialer Bund von Vereinigten Staaten entstanden, dessen gemeinsamer Name Hinduismus ist.

Indien hat gefühlt, daß Rassenunterschiede sein müssen und sollen, was auch ihre Nachteile sein mögen, und daß wir nie die Natur in enge, uns bequeme Grenzen zwingen können, ohne es eines Tages teuer bezahlen zu müssen. Soweit war Indien im Recht; aber es bedachte nicht, daß die Unterschiede, die die Menschen trennen, nicht wie Gebirgsgrenzen sind, die für immer bestehen, sondern fließend mit des Lebens Fluß und Lauf, Gestalt und Größe wechseln.

Indien erkannte durch seine Kasteneinteilung die Unterschiede an, aber nicht die Wandelbarkeit, die das Gesetz des Lebens ist. Indem es versuchte, Zusammenstöße zu vermeiden, stellte es unbewegliche Mauern als Schranken auf und gab so seinen zahlreichen Rassen die negative Wohltat der Ordnung und Ruhe, aber nicht die positive Möglichkeit der freien Bewegung und Ausbreitung. Es ließ die Natur gelten, wo sie Verschiedenheiten geschaffen hatte, aber hinderte sie, diese Verschiedenheiten im ewigen Spiel ihrer schöpferischen Tätigkeit neu zu wandeln. Es wurde der Buntheit des Lebens gerecht, aber es versündigte sich an seiner ewigen Bewegung. Und so entfloh ihm das Leben aus seiner Gesellschaftsordnung, und Indien betet nun statt seiner den prächtigen Käfig mit den vielen Abteilen an, wohinein es das Leben sperren wollte.