Dasselbe geschah, als Indien es versuchte, die Zusammenstöße der verschiedenen Handelsinteressen zu vermeiden. Es wies bestimmte Gewerbe und Berufe bestimmten Kasten zu. Dies hatte die Wirkung, daß der endlose Neid und Haß des Wettstreits für immer beseitigt war – dieses Wettstreits, der soviel Grausamkeiten im Gefolge hat und die ganze Atmosphäre mit Lügen und Betrug vergiftet. Aber auch hierbei legte Indien, das Gesetz der Wandlung außer acht lassend, den ganzen Nachdruck auf das Gesetz der Vererbung und setzte so allmählich Kunst auf Kunstfertigkeit, und schöpferische Kraft auf Geschicklichkeit herab.

Was jedoch dem westlichen Beobachter entgeht, ist die Tatsache, daß Indien, als es das Kastensystem schuf, mit ganzem Ernst und im vollen Bewußtsein seiner Verantwortlichkeit daran ging, das Rassenproblem so zu lösen, daß alle Reibung vermieden, und doch jeder Rasse innerhalb ihrer Grenzen Freiheit gewährt wurde. Wir wollen zugeben, daß Indien dies nicht in vollem Maße gelungen ist. Aber eines müßt ihr auch einräumen: daß der Westen, da er in bezug auf Gleichartigkeit der Rasse in einer viel günstigeren Lage ist, dem Rassenproblem nie seine Aufmerksamkeit zugewandt hat, und daß er, wenn er vor dies Problem gestellt wurde, sich leicht damit abfand, ohne eine ernsthafte Lösung zu suchen. So macht er es auch jetzt, wo er die Asiaten systematisch von den Küsten dieses Landes fernzuhalten sucht und sie ihres Rechtes beraubt, ihren Lebensunterhalt hier ehrlich zu erwerben. In den meisten eurer Kolonien laßt ihr sie nur unter der Bedingung zu, daß sie die niedern Dienste von Holzhauern und Wasserträgern auf sich nehmen. Entweder verschließt ihr den Fremden eure Türen, oder ihr würdigt sie zu Sklaven herab. Dies ist eure Art, das Problem des Rassenstreites zu lösen. Welche Vorzüge diese Art auch haben mag, ihr werdet zugeben müssen, daß sie nicht höheren sittlichen Motiven entspringt, sondern den niederen Leidenschaften der Gier und des Hasses. Ihr sagt: So ist die menschliche Natur. Indien glaubte auch, die menschliche Natur zu kennen, als es seine verschiedenen Rassen durch feste soziale Ranggrenzen voneinander absperrte. Aber wir haben durch teure Erfahrung gelernt, daß die menschliche Natur nicht das ist, was sie scheint, sondern daß ihre Wahrheit in ihren unendlichen Möglichkeiten liegt. Und wenn wir in unserer Blindheit die Menschheit wegen ihres zerlumpten Gewandes schmähen, so läßt sie diese Verkleidung fallen, und wir sehen, daß wir die Gottheit geschmäht haben. Die Erniedrigung, die wir in unserem Stolz oder Eigennutz andern antun, fällt auf unsere eigene Menschheit – und dies ist die furchtbarste Strafe, denn wir spüren sie erst, wenn es zu spät ist.

Nicht nur in eurer Beziehung zu fremden Völkern, sondern auch in der Beziehung eurer verschiedenen Gesellschaftsklassen zueinander habt ihr keine versöhnende Harmonie zustande gebracht. Der Geist des Kampfes und Wettstreits darf ungezügelt seinen Lauf nehmen. Und da er der Sprößling von Habsucht und Machtgier ist, kann er nicht anders enden als mit gewaltsamem Tode. In Indien wurde die Herstellung von Waren unter das Gesetz sozialer Ordnung gebracht. Ihre Grundlage war Zusammenwirken, ihr Ziel vollkommene Befriedigung der sozialen Bedürfnisse. Im Westen ist Wettstreit ihre Triebkraft und Erwerb von Reichtum für die Einzelnen ihr Ziel. Aber der Einzelne ist wie die geometrische Linie, die nur eine Ausdehnung hat. Sie hat keine Breite und keine Tiefe und kann nicht irgend etwas umfassen und dauernd halten. Und daher läuft sie ewig suchend und unbefriedigt fort. Sie kann in ihrer endlosen Verlängerung andere Linien kreuzen und Verwicklungen verursachen, aber sie wird immer dünn und isoliert bleiben und das Ideal der Vollständigkeit nicht erreichen.

Bei allen unseren physischen Begierden erkennen wir eine Grenze. Wir wissen, daß, wenn wir darüber hinausgehen, es auf Kosten unserer Gesundheit geschieht. Aber hat denn diese Gier nach Reichtum und Macht nicht auch Grenzen, jenseits welcher das Reich des Todes ist? Verbrauchen die westlichen Völker bei diesen nationalen Karnevalfesten des Materialismus nicht den größten Teil ihrer Lebenskraft dabei, daß sie tote Dinge schaffen statt lebendiger Ideale? Und kann das eine wirkliche Kultur sein, die das Gesetz der sittlichen Gesundheit außer acht läßt und dadurch, daß sie unaufhaltsam materielle Stoffe in sich hineinschlingt, zu scheußlicher Aufgedunsenheit anschwillt? Im sozialen Leben sucht der Mensch seine Begierden zu zügeln und den höheren Zwecken seiner Natur zu unterwerfen. Aber im wirtschaftlichen Leben kennen unsere Begierden keine anderen Schranken als die von »Angebot und Nachfrage«, und diese können künstlich verrückt werden, so daß der Einzelne seinen ausschweifenden Gelüsten, soviel er will, sich hingeben kann. In Indien legten unsere sozialen Ideale unseren Begierden Zügel an – vielleicht unterdrückten sie sie gänzlich –, im Westen jedoch treibt der Geist der wirtschaftlichen Organisation, der kein sittliches Ziel kennt, die Menschen zum fortwährenden Jagen nach Reichtum; aber ist dem keine heilsame Grenze gesetzt?

Die Ideale, die sich in den sozialen Einrichtungen zu verwirklichen suchen, haben ein doppeltes Ziel. Einmal sollen sie unsere Leidenschaften und Begierden zügeln und dadurch unsere harmonische Entwicklung möglich machen, und dann sollen sie uns helfen, in selbstloser Liebe für unsere Mitmenschen zu wirken. Daher ist die Gesellschaft der Ausdruck jenes sittlichen und geistigen Strebens, das zur höheren Natur des Menschen gehört.

Unsere Nahrung ist schöpferisch, sie baut unseren Körper auf; aber der Wein, der nur aufregt, ist es nicht. Unsere sozialen Ideale schaffen die menschliche Welt, aber wenn unser Geist von ihnen abgelenkt wird auf Gier nach Macht, dann leben wir in einem Zustande des Rausches und infolgedessen in einer naturwidrigen Welt, wo unsere Kraft nicht Gesundheit und unsere Freiheit nur Ungebundenheit ist. Daher kann uns die politische Freiheit keine wahre Freiheit geben, solange der Geist nicht frei ist. Ein Automobil kann mir nicht Freiheit der Bewegung geben, weil es eine bloße Maschine ist. Wenn ich selbst frei bin, so kann ich das Automobil im Dienst meiner Freiheit brauchen.

Wir dürfen in der gegenwärtigen Zeit nicht vergessen, daß die Menschen, die politische Freiheit erlangt haben, darum noch nicht frei zu sein brauchen, sie sind nur mächtig. Die Leidenschaften, die ungezügelt in ihnen wirken können, schaffen riesige Organisationen einer Sklaverei, die sich für Freiheit ausgibt. Die sich Gelderwerb als höchstes Ziel gesetzt haben, verkaufen, ohne daß sie sich dessen bewußt sind, ihre Seele dem Reichtum, entweder einzelnen oder Gemeinschaften. Jene, die in ihre politische Macht verliebt sind und sich an der Ausdehnung ihrer Herrschaft über fremde Rassen weiden, liefern allmählich ihre eigene Freiheit und Menschlichkeit den Organisationen aus, die nötig sind, um andere Völker in Sklaverei zu halten. In den sogenannten freien Ländern ist die Mehrzahl des Volkes nicht frei; sie wird von der Minderheit nach einem Ziel hingetrieben, das sie nicht einmal kennt. Dies wird nur dadurch möglich, daß die Menschen die sittliche und geistige Freiheit nicht als ihr Ziel anerkennen. Sie schaffen mit ihren Leidenschaften riesige Strudel, und wenn sie von der bloßen Geschwindigkeit ihrer wirbelnden Bewegung ganz berauscht und schwindlig sind, so halten sie dies für Freiheit. Aber das Verhängnis, das ihrer wartet, ist so gewiß wie der Tod, – denn die Wahrheit des Menschen ist sittliche Wahrheit, und seine wahre Befreiung geschieht nur im Geiste.

Die große Mehrzahl der heutigen Nationalisten in Indien ist der Meinung, daß wir mit der Entwicklung unserer sozialen und geistigen Ideale endgültig fertig sind, daß diese Arbeit des Aufbaus der Gesellschaft schon seit Jahrtausenden bei uns getan ist, und daß wir jetzt unsere ganze Schaffenskraft in politischer Richtung betätigen können. Wir denken nicht im entferntesten daran, unsere gegenwärtige Hilflosigkeit auf soziale Unzulänglichkeit zurückzuführen, denn unser Nationalismus hat den Glauben, daß dies System schon für alle Zukunft zur Vollendung gebracht wurde von unseren Vorfahren, die die übermenschliche Gabe prophetischen Schauens und die übernatürliche Kraft der Fürsorge für unendliche Zukunft hatten. Daher machen wir für alles Elend und für alle Unzulänglichkeiten die geschichtlichen Ereignisse verantwortlich, die plötzlich von außen über uns hereinbrachen. Und aus diesem Grunde glauben wir, daß es unsere einzige Aufgabe ist, ein politisches Wunder von Freiheit auf dem Flugsand sozialer Sklaverei aufzubauen. Ja, wir wollen den Strom unserer eigenen Geschichte abdämmen und aus den Quellen der Geschichte anderer Völker Macht borgen.

Die unter uns, die dem Wahn erlegen sind, daß politische Freiheit uns frei machen würde, haben die Lehre des Westens als Evangelium angenommen und ihren Glauben an die Menschheit verloren. Wir müssen bedenken, daß jede soziale Schwäche, an der wir festhalten, in der Politik zu einer Quelle von Gefahren wird. Dieselbe Passivität, die uns bei unseren sozialen Einrichtungen an toten Formen hängen läßt, wird in der Politik starre Kerkermauern um uns aufrichten. Die Engherzigkeit, die es möglich macht, daß wir einem großen Teil der Menschheit das drückende Joch der Minderwertigkeit auflegen, wird sich in der Politik als Tyrannei und Ungerechtigkeit behaupten.

Wenn unsere Nationalisten von ihren Idealen sprechen, so vergessen sie, daß bei uns dem Nationalismus die Grundlage fehlt. Dieselben Leute, die diese Ideale hochhalten, sind in ihrer sozialen Haltung die Konservativsten. Die Nationalisten sagen z. B.: »Seht die Schweiz, wo sich trotz der Rassenunterschiede die Völker zu einer Nation zusammengeschlossen haben.« Aber ihr müßt bedenken, daß sich in der Schweiz die Rassen vermischen und untereinander heiraten können, weil sie eines Stammes sind. In Indien ist dies nicht der Fall. Und wenn wir von den verschiedenen Nationalitäten Europas sprechen, so denken wir nicht daran, daß dort die Nationen nicht den physischen Widerwillen gegeneinander haben wie unsere verschiedenen Kasten. Gibt es irgendwo in der Welt ein Beispiel dafür, daß Glieder eines Volkes, die ihr Blut nicht mischen dürfen, doch ihr Blut für einander vergießen, es sei denn gezwungen oder um Sold? Und können wir jemals hoffen, daß diese moralischen Schranken, die der Vermischung unserer Rassen im Wege stehen, nicht auch ein Hindernis für unsere politische Einheit sein werden?