Auch dürfen wir uns nicht verhehlen, daß unsere sozialen Beschränkungen noch immer so tyrannisch sind, daß sie die Menschen zu Feiglingen machen. Wenn mir jemand sagt, er habe ketzerische Ansichten, wage aber nicht, ihnen zu folgen, weil er sonst gesellschaftlich geächtet würde, so verzeihe ich es ihm, daß er ein unwahres Leben führt, um überhaupt leben zu können. Dieser bei uns herrschende soziale Geist, der uns dazu treibt, unseren Mitmenschen das Leben zur Last zu machen, wenn sie auch nur in der Wahl ihrer Nahrung von uns abweichen, wird sich sicher in unserer politischen Organisation behaupten und schließlich Zwangsmaschinen erzeugen, die jeden vernunftgemäßen Unterschied und damit jedes wirkliche Leben zermalmen werden. Und die Tyrannei wird die unvermeidliche Lüge und Heuchelei im politischen Leben nur noch schlimmer machen. Ist denn der bloße Name Freiheit so wertvoll, daß wir um seinetwillen unsere sittliche Freiheit opfern sollen?

Die Wirkung unserer ausschweifenden Gewohnheiten zeigt sich noch nicht gleich, wenn wir noch in der vollen Kraft unserer Jugend sind. Aber sie zehrt allmählich diese Kraft auf, und wenn die Zeit des Abstiegs beginnt, da haben wir unsere Rechnungen zu begleichen und unsere Schulden zu bezahlen und stehen bald vor dem Bankrott. Noch könnt ihr im Westen den Kopf hoch tragen, obgleich eure Menschlichkeit aus dem Rausch organisierender Macht nicht mehr herauskommt. Auch Indien konnte auf der Höhe seiner Jugend die Last seiner sozialen Organisationen, die auf seine Lebensorgane drückten, tragen und hielt sich tadellos gerade dabei, aber es ist ihm zum Verhängnis geworden und hat seine lebendige Natur allmählich gelähmt. Und so ist es gekommen, daß die gebildeten Schichten Indiens kein Gefühl haben für seine sozialen Nöte. Sie sind gerade stolz auf die Steifheit unseres sozialen Rückgrats, – und weil das gesunde Schmerzgefühl in den Gliedern unseres sozialen Organismus abgestorben ist, so lassen sie sich zu dem Glauben verleiten, daß alles in Ordnung sei. Daher glauben sie, daß das politische Feld jetzt der einzige Spielraum für alle ihre Kräfte ist. Sie machen es wie jemand, dessen Beine eingeschrumpft und unbrauchbar geworden sind und der sich einzureden versucht, er fühle diese Glieder nicht, weil sie ganz wiederhergestellt seien, nur die Krücken seien nicht in Ordnung.

Dies ist es, was ich über die soziale und politische Wiedergeburt Indiens sagen wollte. Nun ein Wort über seine Industrie. Man hat mich oft gefragt, ob seit dem Beginn der britischen Herrschaft die Industrie in Indien sich gehoben habe. Ich muß daran erinnern, daß die britische Regierung gleich am Anfang unsere Industrie unterdrückt hat und daß wir seit der Zeit keinerlei wirkliche Hilfe oder Ermutigung gefunden haben, uns den ungeheuren Handelsorganisationen der modernen Welt gegenüber zu behaupten. Die Nationen haben entschieden, daß wir ein lediglich ackerbautreibendes Volk bleiben und sogar den Gebrauch der Waffen für alle Zeiten verlernen sollen. So wird Indien in eine Reihe leicht verdaulicher Bissen verwandelt, die jede Nation, auch wenn sie ein noch so unentwickeltes Gebiß hat, zu jeder Zeit verschlucken kann.

Indien hat daher wenig Gelegenheit, seine Originalität auf dem Gebiete der Industrie zu zeigen. Ich meinesteils glaube nicht an die plumpen Riesenorganisationen unserer heutigen Zeit. Schon die Tatsache ihrer Häßlichkeit zeigt, daß sie in Disharmonie mit der ganzen Schöpfung sind. Die großen Kräfte der Natur offenbaren ihre Wahrheit nicht in Häßlichkeit, sondern in Schönheit. Schönheit ist das Siegel, das der Schöpfer unter seine Werke setzt, wenn er mit ihnen zufrieden ist. Alle unsere Erzeugnisse, die die Gesetze der Vollkommenheit frech verletzen und sich schamlos in ihrer häßlichen Plumpheit zeigen, sind beständig unter dem Gewicht von Gottes Zorn. Wenn euer Handel nicht die Würde der Schönheit hat, ist er unwahr. Die Schönheit und ihre Zwillingsschwester, die Wahrheit, brauchen zu ihrer Entfaltung Muße und Selbstbeherrschung. Aber die Gewinnsucht kennt keine Schranken, wenn sie sich nur ausdehnen kann. Ihr einziges Ziel ist Hervorbringen und Verschlingen. Sie hat weder Mitleid mit der schönen Natur noch mit lebendigen menschlichen Wesen. Sie ist unbarmherzig bereit, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, Schönheit und Leben zu zermalmen und sie zu Geld zu machen. Diese häßliche Roheit im Handel stand in Verachtung bei unseren Vorfahren, die noch Muße hatten, das Idealbild der Menschheit ruhigen, ungetrübten Blickes zu schauen. Die Menschen jener Zeiten schämten sich mit Recht des niederen Triebes, der nur auf Gewinn geht. Aber in unserem Zeitalter der Naturwissenschaften hat das Geld durch das Gewicht seiner Masse sich den Thron erworben. Und wenn es nun vom Gipfel seiner aufgehäuften Schätze aus die höheren Instinkte des Menschen verhöhnt und die Schönheit und alle edlen Gefühle aus seiner Nähe verbannt, so unterwerfen wir uns ihm. Denn wir haben uns in unserer Armseligkeit von ihm bestechen lassen, und unsere Einbildungskraft, von seinem Riesenumfang überwältigt, kriecht vor ihm im Staube.

Aber gerade dieser Riesenumfang und seine endlose Kompliziertheit sind sichere Zeichen seines Versagens und seiner inneren Schwäche. Ein geübter Schwimmer zeigt seine Muskelkraft nicht durch heftige Bewegungen; seine Kraft ist unsichtbar und äußert sich in vollkommener Anmut und Ruhe. Was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist seine innere Kraft und sein innerer Wert, die beide nicht von außen sichtbar sind. Aber die heutige Handelskultur braucht nicht nur zuviel Zeit und Raum, sondern tötet Zeit und Raum. Ihre Bewegungen sind heftig, ihre Stimme laut und mißtönend. Sie trägt ihren Fluch in sich, weil sie die Menschheit, auf der sie steht, zu einer unförmlichen Masse zertrampelt. Sie ist rastlos bemüht, Glück in Geld umzuwandeln. Der Mensch sucht seine Menschlichkeit in die kleinste Ecke zusammenzudrücken, um für ihre Organisation ausgiebigen Raum zu schaffen. Er spottet seine menschlichen Gefühle zuschanden, weil sie seinen Maschinen im Wege sein könnten.

In unserer Mythologie haben wir die Sage, daß der, der sich Kasteiungen auferlegt, um die Unsterblichkeit zu gewinnen, Versuchungen zu bestehen hat, die ihm von Indra, dem Herrn der Unsterblichen, geschickt werden. Wenn er sich von ihnen verlocken läßt, ist er verloren. Der Westen hat seit Jahrhunderten nach Unsterblichkeit gestrebt. Indra hat ihm die Versuchung geschickt, um ihn zu prüfen. Diese ungeheure Versuchung heißt Reichtum. Der Westen hat nicht widerstanden, und seine menschliche Kultur hat sich in der Wüste des Maschinenwesens verirrt.

Dieser Handelsgeist mit seinem barbarisch häßlichen Schmuck ist eine furchtbare Gefahr für die ganze Menschheit, weil er das Ideal der Macht über das der Vollkommenheit stellt. Er läßt den Kultus der Selbstsucht in schamloser Nacktheit triumphieren. Unsere Nerven sind zarter als unsere Muskeln. Das Feinste und Wertvollste in uns wird hilflos und schwach, wenn wir ihm den Schutz nehmen, den es gerade wegen seiner Feinheit braucht. Wenn daher die gefühllose, rohe Macht in blinder Wut über die Straße der Menschheit hinstürmt, so verscheucht sie durch ihre Roheit die Ideale, die wir in jahrhundertelangem Martyrium gehegt haben.

Die Versuchung, die schon dem Starken verhängnisvoll ist, wird es dem Schwachen noch mehr. Und daher kann ich sie bei uns in Indien nicht willkommen heißen, wenn auch der Herr der Unsterblichen sie gesandt hat. Laßt unser Leben einfach in seiner äußeren Erscheinung und reich an innerem Gewinn sein. Laßt unsere Kultur sich auf die feste Basis sozialen Zusammenwirkens gründen, und nicht auf Kampf und wirtschaftliche Ausbeutung. Wie wir dies heute können, wo wir in den Zähnen des wirtschaftlichen Drachen sind, der unser Lebensblut aussaugt, dies zu finden, ist die Aufgabe der Denker aller östlichen Völker, die an die menschliche Seele glauben. Es ist ein Zeichen von Ohnmacht und Trägheit, wenn wir Lebensbedingungen annehmen, die andere mit andern Idealen uns auferlegen. Wir sollten uns aufraffen und die Kräfte der Welt uns dazu dienstbar machen, unsere Geschichte zu ihrem eigenen Ziel, der Vollkommenheit, zu führen.

Aus dem Gesagten wird man sehen, daß ich kein Volkswirtschaftler bin. Ich will zugeben, daß es ein Gesetz von Angebot und Nachfrage gibt und daß der Trieb des Menschen immer dahin geht, mehr haben zu wollen, als gut für ihn ist. Und doch halte ich an meinem Glauben fest, daß es so etwas gibt wie die Harmonie vollen Menschentums. Wer sie hat, der ist reich bei aller Armut, er ist Sieger, wenn er auch besiegt wird, ihn führt der Tod zur Unsterblichkeit, wo die ewige Gerechtigkeit seine Schmach in strahlenden Triumph wandelt.