Aber wir fühlen, daß unsere Arbeit noch nicht getan ist. Die Flut der Welt ist über unser Land hingefegt, neue Elemente sind uns zugeströmt, und Anpassungen größeren Stils sind nötig.

Wir fühlen dies um so mehr, als die Lehre und das Beispiel des Westens dem, was wir für unsere Aufgabe halten, gerade zuwiderläuft. Im Westen wird durch den nationalen Mechanismus von Handel und Politik die Menschheit schön ordentlich in Ballen zusammengepreßt, die ihren Nutzen und hohen Marktwert haben; sie sind mit eisernen Reifen umspannt, mit Aufschrift versehen und mit wissenschaftlicher Sorgfalt und Genauigkeit sortiert. Gott schuf doch wahrlich den Menschen, daß er menschlich sei; aber dieses moderne Produkt ist so wunderbar regelmäßig zugeschnitten und poliert, hat so sehr den Charakter der Fabrikware, daß der Schöpfer Mühe haben wird, es als ein geistiges Wesen zu erkennen, als das Geschöpf, das er nach seinem göttlichen Bilde schuf.

Aber ich greife schon vor. Was ich sagen wollte, ist dies. Nehmt es, wie ihr wollt: dieses Indien hat seit wenigstens fünf Jahrtausenden versucht, in Frieden zu leben, und dies Indien war ohne Politik, ohne Nationalismus; sein einziger Ehrgeiz war, diese Welt als beseelt zu erkennen und jeden Augenblick seines Lebens zu leben in demutsvoller Anbetung und im frohen Bewußtsein der ewigen und persönlichen Verwandtschaft mit ihr. Über diesen abgelegenen Teil der Menschheit, der die Harmlosigkeit des Kindes und die Weisheit des Alters hatte, brach die Nation des Westens herein.

Bei allen Kämpfen und Ränken und Betrügereien seiner früheren Geschichte war Indien selbst unbeteiligt geblieben. Denn seine Heimstätten, seine Felder, seine Tempel, seine Schulen, in denen Lehrer und Schüler in Einfachheit und Frömmigkeit und stiller Arbeit zusammenlebten, seine Dörfer mit ihrer friedlichen Selbstverwaltung und ihren einfachen Gesetzen – alles dies gehörte wirklich zu Indien. Aber nicht seine Throne. Sie berührten es so wenig wie die Wolken, die über sein Haupt hingingen, bald mit purpurner Pracht gefärbt, bald schwarz, gewitterdrohend. Oft hatten sie Verheerungen in ihrem Gefolge, aber sie waren wie Naturkatastrophen, deren Spuren bald verschwinden.

Aber diesmal war es anders. Diesmal war es kein bloßes Dahinjagen über die Oberfläche seines Lebens – ein Dahinjagen von Reitern und Fußsoldaten, von Elefanten mit reichen Schabracken, weißen Zelten und Sonnendächern, von Reihen geduldiger Kamele, die die Lasten des königlichen Hofes trugen, von Flötenbläsern und Paukenschlägern, Marmordomen und Moscheen, Palästen und Gräbern. Dies alles kam und ging sonst wie Perlen von schäumendem Wein, und mit ihm die Geschichten von Verrat und Treue, von plötzlichem Aufstieg und jähem Fall. Diesmal aber trieb die Nation des Westens die Fühlhörner ihres Mechanismus tief in den Boden hinein. Deshalb, sage ich euch, müssen wir selbst Zeugnis ablegen von dem, was unser Volk für die Menschheit bedeutete. Wir hatten die Horden der Mongolen und Afghanen kennengelernt, die in Indien einfielen, aber wir hatten sie kennengelernt als menschliche Rassen mit ihren besonderen Religionen und Sitten, Neigungen und Abneigungen – wir hatten sie nicht als Nation kennengelernt. Wir liebten und haßten sie, wie die Anlässe es ergaben, wir kämpften für oder gegen sie, sprachen mit ihnen in einer Sprache, die sowohl ihre als unsere war, und halfen so an unserm Teile mit, das Schicksal unseres Reiches zu lenken. Aber diesmal hatten wir es nicht mit Königen, nicht mit menschlichen Rassen zu tun, sondern mit einer Nation – wir, die wir selbst keine Nation sind.

Wir wollen jetzt einmal aus unserer eigenen Erfahrung heraus die Frage beantworten: Was ist eine Nation?

Eine Nation im Sinne politischer und wirtschaftlicher Vereinigung eines Volkes ist die Erscheinung, die eine ganze Bevölkerung bietet, wenn sie zu einem mechanischen Zweck organisiert wird. Die menschliche Gesellschaft als solche hat keinen über sie hinausreichenden Zweck. Sie ist Selbstzweck. Sie ist die Form, in der der Mensch als soziales Wesen sich von selbst ausdrückt. Sie ist die natürliche Ordnung menschlicher Beziehungen, die den Menschen die Möglichkeit gibt, in gemeinsamem Streben ihre Lebensideale zu entwickeln. Sie hat auch eine politische Seite, aber diese dient nur einem besonderen Zweck, dem der Selbsterhaltung. Es ist die Seite der Macht, nicht die des Lebensideals. Und so war in früheren Zeiten die Politik nur ein besonderes Gebiet, das Fachleuten vorbehalten war. Aber wenn mit Hilfe der Wissenschaft und der immer vollkommener werdenden Organisation dies Gebiet zu erstarken beginnt und reiche Ernten einbringt, dann wächst es mit erstaunlicher Schnelle über seine Grenzen hinaus. Denn dann spornt es alle seine Nachbargebiete zur Gier nach materiellem Gewinn und infolgedessen zu gegenseitiger Eifersucht an. Und weil jeder den andern fürchten muß, muß jeder nach Macht streben. Die Zeit kommt, wo es kein Halten mehr gibt, denn der Wettbewerb wird hitziger, die Organisation nimmt immer größern Umfang an, und die Selbstsucht wird übermächtig. Indem die Politik aus der Gewinnsucht und Furcht des Menschen Vorteil zieht, nimmt sie in der Gesellschaft einen immer größeren Raum ein und wird zuletzt ihre beherrschende Macht.

Es ist wohl möglich, daß ihr, durch die Gewohnheit abgestumpft, das Gefühl dafür verloren habt, daß heutzutage die natürlichen Bande der menschlichen Gesellschaft zerreißen und rein mechanischer Organisation Platz machen. Aber ihr könnt die Zeichen davon überall sehen. Ihr seht, wie Mann und Weib sich gegenseitig den Krieg erklären, weil das natürliche Band, das sie miteinander in Harmonie verbindet, gerissen ist. Der Mann ist nur noch Berufsmensch, der für sich und andere Reichtümer erzeugt, indem er beständig das große Rad der Macht dreht – sich selbst und der allgemeinen Bureaukratie zuliebe. Die Frau mag hinwelken und sterben oder ihren Lebenskampf allein ausfechten. Und so ist an die Stelle von natürlichem Zusammenwirken Wettbewerb getreten. So wandelt sich sogar die seelische Beschaffenheit von Mann und Weib hinsichtlich ihrer Beziehung zueinander, und ihr Verhältnis wird das roher, kämpfender Elemente, nicht das von Menschen, die in einer auf gegenseitige Hingabe gegründeten Vereinigung ihre Ergänzung suchen. Denn die Elemente, die sich nicht mehr natürlich verbinden können, haben den Sinn ihres Daseins verloren. Wie Gasmoleküle, die in einem zu engen Raum zusammengepreßt sind, sind sie miteinander in beständigem Kampf, bis sie das Gefäß selbst zersprengen, das sie einzwängt.

Und dann denkt an jene, die sich Anarchisten nennen, die den Druck der Macht auf das Individuum in keiner Form dulden wollen. Der Grund ihrer Auflehnung ist, daß die Macht etwas zu Abstraktes geworden ist; sie ist ein wissenschaftliches Produkt, das in dem politischen Laboratorium der Nation erzeugt wird durch Einschmelzung der menschlichen Persönlichkeit.

Und was bedeuten im wirtschaftlichen Leben diese Streiks, die wie Dornsträucher auf unfruchtbarem Boden jedesmal, wenn sie niedergeschlagen sind, mit erneuter Kraft wieder emporschießen? Was anders, als daß der Reichtum erzeugende Mechanismus immer mehr ins Ungeheure anwächst und in keinem Verhältnis mehr steht zu allen andern Bedürfnissen der Gesellschaft – und daß der wirkliche Mensch immer mehr und mehr unter seinem Gewicht erdrückt wird? Solch ein Zustand bringt unvermeidlich beständige Fehden mit sich zwischen den Elementen, die nicht mehr von dem Ideal des vollen Menschentums beherrscht werden, und Kapital und Arbeit sind in ewigem wirtschaftlichem Kampf miteinander. Denn Gier nach Reichtum und Macht kennt keine Grenze, und aus einem Vergleich aus Eigennutz kann nie endgültige Versöhnung werden. Sie müssen bis ans Ende Eifersucht und Mißtrauen brüten, und dies Ende kann nur ein plötzlich hereinbrechendes Verderben sein oder geistige Wiedergeburt.