Wenn diese Organisation von Politik und Handel, die man Nation nennt, allmächtig wird auf Kosten der Harmonie der höheren Lebensformen, dann steht es schlimm um die Menschheit. Wenn ein Familienvater sich dem Spiel ergibt und die Pflichten gegen die Seinen an zweite Stelle treten, dann ist er nicht mehr ein Mensch, sondern eine von der Gewinnsucht getriebene Maschine. Dann kann er Dinge tun, deren er sich im normalen Zustande schämen würde. Wie beim einzelnen, so ist es auch bei der menschlichen Gesellschaft. Wenn sie nichts mehr ist als organisierte Kraft, so gibt es wenig Verbrechen, deren sie nicht fähig ist. Denn Zweck einer Maschine und das, was ihr ihre Daseinsberechtigung gibt, ist der materielle Erfolg, während Ziel und Zweck des Menschen allein das Gute ist. Wenn diese Organisationsmaschine anfängt, großen Umfang anzunehmen, und die Maschinenarbeiter zu Teilen der Maschine werden, dann wird der persönliche Mensch zu einem Phantom verflüchtigt, alles was Mensch war, wird Maschine und dreht das große Rad der Politik ohne das leiseste Gefühl von Mitleid und sittlicher Verantwortung. Es mag wohl vorkommen, daß selbst in diesem seelenlosen Getriebe die sittliche Natur des Menschen noch versucht, sich zu behaupten, aber all die Seile und Rollen knarren und kreischen, die Fäden des menschlichen Herzens verstricken sich in dem Räderwerk der menschlichen Maschine, und nur mit Mühe kann der sittliche Wille ein blasses, verkümmertes Abbild dessen, was er erstrebte, zustande bringen.

Dies abstrakte Wesen, die Nation, regiert Indien. Es werden bei uns eine Art Konserven angezeigt, die hergestellt und verpackt sein sollen, ohne von Händen berührt zu sein. Diese Beschreibung paßt auf die Art, wie Indien regiert wird; auch hier ist fast nichts von einer menschlichen Hand zu spüren. Die Gouverneure brauchen unsere Sprache nicht zu kennen, brauchen nicht in persönliche Berührung mit uns zu kommen, außer in ihrer Eigenschaft als Beamte, sie können aus hochmütiger Entfernung unsere Bestrebungen fördern oder hindern, sie können uns auf einen bestimmten politischen Weg führen und dann am Draht ihrer Amtsmaschinerie wieder zurückziehen; die englischen Zeitungen, deren Spalten mit dem Pathos, das die Sache verlangt, ausführlich von Unfällen auf den Londoner Straßen erzählen, brauchen nur eine knappe Notiz zu bringen von dem Elend, das weite Strecken Indiens heimsucht, die zuweilen mehr Raum einnehmen als die britischen Inseln.

Aber wir, die wir regiert werden, sind keine bloße Abstraktion. Wir sind Individuen mit lebendigem Gefühl. Was in Form einer leblosen Politik zu uns kommt, kann uns ins innerste Lebensmark dringen, kann unser Volk vielleicht für immer schwächen und hilflos machen, ohne daß auf der andern Seite ein menschliches Rühren sich fühlbar macht, oder jedenfalls sich so fühlbar macht, daß es irgendwelche Wirkung hätte. So umfassende und summarische Handlungen von so furchtbarer Verantwortung wird der Mensch nie mit solchem Grad von systematischer Unbekümmertheit da begehen, wo er individueller Mensch ist. Solche Handlungen werden nur möglich, wo der Mensch ein Polyp von Abstraktionen ist, der seine sich schlängelnden Arme mit ihren unzähligen Saugscheiben weit nach allen Seiten ausstreckt, selbst in die ferne Zukunft hinein. Unter solcher Regierung der Nation werden die Regierten von Mißtrauen verfolgt, und dies Mißtrauen erfüllt eine gewaltige Masse von organisiertem Hirn und Muskeln. Strafen werden zuerkannt, die in unzähligen Menschenherzen blutige Spuren zurücklassen; aber diese Strafen werden von einer rein abstrakten Gewalt ausgeteilt, in der die menschliche Persönlichkeit der ganzen Bevölkerung eines fernen Landes untergegangen ist.

Ich will hier jedoch nicht die Frage erörtern, insofern sie mein eigenes Land angeht, sondern ich will über ihre Bedeutung für die Zukunft der ganzen Menschheit sprechen. Es handelt sich hier nicht um die englische Regierung, sondern um die Regierung durch die Nation – die Nation, die die organisierte Selbstsucht eines ganzen Volkes ist und alles das von ihm verkörpert, was am wenigsten menschlich und am wenigsten geistig ist. Wir haben intime Erfahrung nur mit der englischen Regierung gemacht, und man darf wohl annehmen, daß, soweit es sich um Regierung durch eine Nation handelt, die englische noch eine der besten ist. Wir müssen auch in Betracht ziehen, daß der Osten den Westen notwendig braucht. Wir ergänzen einander wegen unserer verschiedenen Art auf das Leben zu blicken, die uns zu verschiedenen Auffassungen von der Wahrheit geführt hat. Wenn es daher wahr ist, daß der Geist des Westens wie ein Sturmwind über unsere Felder hingefegt ist, so hat er doch auch lebendigen Samen mit sich gebracht, der unsterblich ist. Und wenn wir in Indien dahin kommen, das, was in der westlichen Kultur dauernd ist, in unser Leben aufzunehmen, so werden wir einst in der Lage sein, eine Versöhnung zwischen diesen beiden großen Welten zustande zu bringen. Dann wird der drückende und verletzende Zustand der einseitigen Herrschaft ein Ende haben. Und was mehr bedeutet, wir müssen bedenken, daß die Geschichte Indiens nicht einer bestimmten Rasse angehört, sondern daß in ihrem Verlauf verschiedene Rassen daran schöpferischen Anteil genommen haben – die Drawiden und Arier, die alten Griechen und die Perser, die Muhammedaner des Westens und die von Zentralasien. Jetzt ist die Reihe an den Engländern, dieser Geschichte ihr Recht zu geben und sie mit dem Einschlag ihres Lebens zu bereichern, und wir haben weder das Recht noch die Macht, dies Volk zu hindern, am Geschick Indiens mitzubauen. Daher geht das, was ich über die Nation sage, mehr die Geschichte der Menschheit an als die Indiens im besonderen.

Diese Geschichte ist in ein Stadium gekommen, wo der sittliche Mensch, der ganze Mensch, fast ohne es zu wissen immer mehr und mehr dem politischen Menschen und dem Geschäftsmenschen, dem Menschen des begrenzten Ziels, Platz macht. Dieser Vorgang, der unterstützt wird durch die erstaunlichen Fortschritte der Naturwissenschaft, wird immer riesiger und gewaltiger und bringt den Menschen aus seinem sittlichen Gleichgewicht, indem er die menschliche Seite seines Wesens durch seelenlose Organisation überwiegen läßt. Wir haben seinen eisernen Griff an der Wurzel unseres Lebens gespürt, und um der Menschheit willen müssen wir aufstehen und unsern Warnungsruf erschallen lassen, daß dieser Nationalismus eine furchtbare Epidemie ist, die die heutige Menschheit erfaßt hat und an ihrer sittlichen Lebenskraft zehrt.

Ich schätze und liebe die Engländer als Menschen. Sie haben großherzige Männer erzeugt, große Denker und große Männer der Tat. Sie haben eine große Literatur hervorgebracht. Ich weiß, daß sie Gerechtigkeit und Freiheit lieben und die Lüge hassen. Sie sind rein in ihrem Fühlen, offen in ihrem Wesen, treu in ihrer Freundschaft; sie sind ehrlich und zuverlässig in ihrer Handlungsweise. Die persönlichen Erfahrungen, die ich mit ihren Gelehrten und Literaten gemacht habe, haben meine Bewunderung erregt, nicht nur für ihre Gedankentiefe und Kraft des Ausdrucks, sondern auch für ihre ritterliche Menschlichkeit. Wir haben die Größe dieses Volkes gefühlt, wie wir die Sonne fühlen; aber was die Nation betrifft, so ist sie für uns ein dichter, erstickender Nebel, der die Sonne selbst verdeckt.

Diese Regierung durch die Nation ist weder englisch noch irgendeinem andern Volk besonders eigentümlich; sie ist eine angewandte Wissenschaft und daher, wo auch immer sie geübt wird, in ihren Grundsätzen mehr oder weniger sich ähnlich. Sie ist wie eine hydraulische Presse, deren Druck unpersönlich und deswegen von unfehlbarer Wirkung ist. Die Größe ihrer Kraft kann bei den verschiedenen Maschinen verschieden sein. Es gibt sogar solche, die mit der Hand getrieben werden und daher noch einen gewissen Spielraum für loseren Druck lassen, aber in bezug auf Geist und Methode sind die Unterschiede gering. Wenn unsere Regierung holländisch oder französisch oder portugiesisch wäre, so würde sie im wesentlichen doch dieselben Züge haben wie jetzt. Vielleicht nur, daß in einzelnen Fällen die Organisation nicht so unerbittlich vollkommen wäre und noch ein verlorener Rest von Menschlichkeit am Rad der Maschine hängenbleiben würde, bei dem unser pochendes Herz Antwort finden könnte.

Bevor die Nation zur Herrschaft über uns gelangte, hatten wir andere fremdländische Regierungen, und diese hatten, wie alle Regierungen, auch etwas von der Maschine an sich. Aber der Unterschied zwischen ihnen und der Regierung durch die Nation ist wie der zwischen Handweberei und Maschinenweberei. In den Erzeugnissen des Handwebstuhls drückt sich der Zauber der lebendigen, fühlenden Menschenhand aus, und sein friedliches Summen ist in Harmonie mit der Musik des Lebens. Aber die Webemaschine ist starr und unerbittlich genau und monoton in ihrer Arbeit.

Wir müssen zugeben, daß in den früheren Zeiten der persönlichen Regierung Fälle von Tyrannei, Ungerechtigkeit und Erpressung vorkamen. Sie brachten Leiden und Unruhe, und wir sind dankbar, davon befreit zu sein. Der Schutz des Gesetzes ist nicht nur ein Geschenk, das uns zuteil wurde, sondern auch eine wertvolle Lehre. Er lehrt uns, welche Zucht nötig ist, wenn die Kultur Bestand haben und der Fortschritt dauern soll. Durch ihn wird uns klar, daß es eine allgemeine Norm der Gerechtigkeit gibt, auf die alle Menschen, ohne Rücksicht auf ihre Kaste und Farbe, gleiches Anrecht haben.

Diese Herrschaft des Gesetzes in der gegenwärtigen Regierung Indiens hat Ordnung hergestellt in diesem weit ausgedehnten Lande, das von Völkern verschiedener Rassen und verschiedener Sitten bewohnt wird. Sie hat es diesen Völkern möglich gemacht, näher miteinander in Berührung zu kommen und sich zu höherem Streben zu verbinden.