Aber es ist der Geist des Westens, nicht die Nation des Westens, die in den verschiedenen Rassen Indiens die Sehnsucht nach brüderlicher Vereinigung geweckt hat. Wo auch immer ein Volk Asiens eine höhere Weisheit vom Westen gelernt hat, da geschah es gegen den Willen der westlichen Nation. Nur weil Japan der Herrschaft der westlichen Nation hatte trotzen können, konnte es sich die Gaben der westlichen Kultur in vollstem Maße zu eigen machen. Und China, das von dieser Nation an der Quelle seines moralischen und physischen Lebens vergiftet worden ist, kann es vielleicht noch gelingen, dem Westen seine besten Lehren abzulauschen, wenn die Nation es nicht daran hindert. Erst jüngst geschah es, daß Persien, durch den Ruf des Westens aus seinem jahrhundertelangen Schlummer aufgeweckt, sich erhob, um sofort wieder von der Nation niedergetreten und zum Schweigen gebracht zu werden. Dieselbe Erscheinung zeigt sich auch hier bei euch in Amerika, wo das Volk gastfrei ist, aber nicht die Nation, die einem Gast aus dem Orient so begegnet, daß er sich als Vertreter seines Vaterlandes vor euch gedemütigt fühlt.

Wir in Indien leiden unter dem Konflikt zwischen dem Geist des Westens und der Nation des Westens. Die Wohltaten der westlichen Kultur werden uns von der Nation mit dem knappsten Maße zugeteilt. Sie versucht, unsere Ernährung dem Nullpunkt der Lebensfähigkeit so nah wie möglich zu halten. Was unserm Volk an Erziehung gewährt wird, ist so kärglich und armselig, daß es das Anstandsgefühl eines europäischen Menschen empören müßte. Wir haben gesehen, wie in den westlichen Ländern das Volk auf jede Weise ermutigt wird, sich zu bilden, und wie ihm jede Gelegenheit gegeben wird, sich tüchtig zu machen für den großen Wettkampf auf dem Weltmarkt, während in Indien das einzige, was die Nation für uns tut, ist, daß sie uns verhöhnt, weil wir zurückgeblieben sind. Während sie uns alle Möglichkeiten verschließt und unsere Erziehung auf das Minimum beschränkt, das eine fremde Regierung für ihre Durchführung braucht, beruhigt diese Nation ihr Gewissen damit, daß sie uns herabzusetzen sucht, indem sie geschäftig die zynische Weisheit verbreitet, daß Osten Osten und Westen Westen bleibt und die beiden nie eins werden können. Wenn wir glauben müssen, was unser westlicher Lehrer uns höhnend vorwirft, daß nach fast zwei Jahrhunderten seiner Vormundschaft Indien nicht nur unfähig geblieben ist, sich selbst zu regieren, sondern auch auf geistigem Gebiete keine Originalität hat aufweisen können – müssen wir dies der Art der westlichen Kultur und unserer angeborenen Unfähigkeit, sie aufzunehmen, zuschreiben, oder dem berechnenden Geiz der Nation, die die Aufgabe der Europäer, den Osten zu zivilisieren, auf sich genommen hat? Daß das japanische Volk Gaben hat, die uns fehlen, geben wir gern zu, aber daß unser Geist von Natur unschöpferisch ist im Vergleich zu ihrem, dies können wir selbst denen nicht zugeben, denen zu widersprechen für uns gefährlich ist.

In Wahrheit ist nämlich der westliche Nationalismus nicht auf soziales Zusammenwirken gegründet, sondern von Anfang an und bis in seinen innersten Kern vom Geist des Kampfes und der Eroberungssucht beherrscht. Er hat die Organisation der Macht bis zur Vollkommenheit entwickelt, aber keinen geistigen Idealismus. Er hat den Geist des Raubtiers, das seine Beute haben muß. Um keinen Preis will er dulden, daß seine Jagdgründe in Kulturland umgeschaffen werden. Ja, im Grunde kämpfen diese Nationen miteinander nur um größere Ausdehnung ihres Jagdgebietes. Daher stellt sich die westliche Nation wie ein Damm auf, um den freien Strom der westlichen Kultur in das nationslose Land aufzuhalten. Weil diese Kultur eine Kultur der Macht ist, sucht sie sich abzuschließen und will ihre Quellen nicht öffnen, die sie sich zur Ausbeutung erwählt hat.

Aber trotz alledem ist doch das sittliche Gesetz das Gesetz der menschlichen Natur, und der sich abschließenden Kultur, die sich von denen nährt, denen sie ihre Wohltaten versagt, wird ihre sittliche Halbheit zum Verderben. Die Sklaverei, die sie züchtet, trocknet allmählich die Brunnen ihrer Freiheitsliebe aus. Die Hilflosigkeit, zu der sie ihre Opfer verdammt, hängt sich mit ihrer ganzen Schwere an sie, und es wird ein Tag kommen, wo all die Länder der Welt, die die Nation am Eigenleben und an der Selbsterhaltung hindert, die furchtbarste aller Lasten für sie werden und sie in den Abgrund ziehen. Wenn die Macht so weit geht, daß sie, um ungehindert ihren Weg fortzusetzen, alle Hindernisse beiseite schiebt, dann endet ihre triumphierende Siegesfahrt mit jähem Sturz. Ihr sittlicher Hemmschuh gibt mit jedem Tage, ohne daß sie es merkt, immer mehr nach, und der Pfad, auf dem sie so leicht dahinglitt, wird ihr zum Verhängnis.

Von allen Gaben der europäischen Kultur sind es nur Gesetz und Ordnung, die uns die westliche Nation mit freigebigem Maß zugeteilt hat. Während die kleine Saugflasche, in der sie uns Erziehung verabfolgt, fast leer ist und die Gesundheitspflege am Hungertuch nagt, sind Einrichtungen wie die Heeresorganisation, das Verwaltungs- und Polizeiwesen, die Geheimpolizei, das geheime Spionagesystem zu abnormer Körperfülle gediehen und machen sich in jedem Winkel unseres Landes breit. Sie sind nötig, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Aber ist nicht diese Ordnung ein rein negatives Gut? Sollte Ordnung nicht dazu da sein, dem Volke mehr Möglichkeiten zu schaffen, sich ungehindert zu entwickeln? Hat sie nicht die Aufgabe der Eierschale, deren Wert darin besteht, daß sie dem Küchlein und seiner Nahrung Schutz gibt, nicht darin, daß sie dem Menschen in bequemer Form eine Frühstücksspeise bietet? Bloße Verwaltung ist unfruchtbar, ist nicht schöpferisch, da sie etwas Lebloses ist. Sie ist eine Dampfwalze, die furchtbar an Gewicht und Kraft ist, auch ihren Nutzen hat, aber nichts dazu tun kann, den Boden fruchtbar zu machen. Wenn sie, nachdem sie ihr ungeheures Werk getan hat, uns die Gabe des Friedens bietet, so können wir nur leise murmeln: »Friede ist gut, aber Leben ist besser, und das ist die Gabe, die Gott uns verliehen hat.«

Andererseits fehlte es unsern früheren Regierungen an vielen Vorteilen der heutigen Regierung. Aber weil sie nicht Regierungen der Nation waren, war ihr Gewebe so lose gewoben und ließ Raum genug, daß unser eigenes Leben seine Fäden hindurchschießen und seine Muster heimlich hineinweben konnte. Sicher hatten wir in jener Zeit Dinge zu ertragen, die uns äußerst unangenehm waren. Aber wir wissen, daß, wenn wir barfuß auf Kieswegen gehen, unsere Füße sich allmählich den Launen der ungastlichen Erde anbequemen, während der kleinste Kiesel uns plagt und nicht zur Ruhe kommen läßt, sobald er in unsern Schuh dringt. Und die Regierung durch die Nation ist solch ein Schuh – er schließt knapp an, er regelt unsere Schritte nach einem festen System und läßt unsern Füßen so gut wie keine Freiheit, sich darin einzurichten. Wenn ihr daher eure Statistiken aufweist, die die Anzahl von Kieseln, an die unsere Füße früher stießen, mit der geringen Zahl unter dem gegenwärtigen System vergleichen, so treffen diese kaum das Wesentliche. Es handelt sich nicht um die Zahl der äußeren Hindernisse, sondern um die Ohnmacht des einzelnen, sie aus dem Wege zu räumen. Diese Beschränkung der Freiheit ist ein Übel, das nicht sowohl durch seinen Umfang als durch seine Art unerträglich wird. Und wir können nicht umhin, den Widerspruch zu sehen, daß, während der Geist des Westens unter dem Banner der Freiheit dahinschreitet, die Nation des Westens ihre eisernen Ketten der Organisation schmiedet, die härtesten und unzerbrechlichsten, die je in der Menschheitsgeschichte geschmiedet wurden.

Als Indien noch nicht unter der Herrschaft der Organisation stand, waren die Möglichkeiten, daß die Zustände sich verändern könnten, groß genug, um kraftvollen und mutigen Männern das Gefühl zu geben, daß sie ihr Schicksal in ihre eigene Hand nehmen konnten. Die Hoffnung auf das Unerwartete war immer da, und ein freieres Spiel der Einbildungskraft, sowohl auf Seiten der Regierenden als der Regierten, beeinflußte den Werdegang der Geschichte. Wir standen nicht vor einer Zukunft, die wie eine kalte weiße Mauer von Granitblöcken der Auswirkung und Ausbreitung unserer Kräfte sich entgegenstellte, wobei das Hoffnungslose darin liegt, daß diese Kräfte infolge des künstlichen Lähmungsverfahrens an der Wurzel absterben. Denn jeder einzelne Mensch in dem nationslosen Lande ist vollständig in der Gewalt einer ganzen Nation, deren nie ermüdender Wachsamkeit – da es die Wachsamkeit einer Maschine ist – die Möglichkeit menschlicher Nachsicht und Unterscheidung fehlt. Bei dem geringsten Druck auf ihren Knopf wird das Ungeheuer ganz Auge, und kein einziger in der unendlichen Menge der von ihr Beherrschten kann ihrem scheußlich starrenden Aufpasserblick ausweichen. Und sobald nur ein klein wenig an der Schraube gedreht wird, fühlt die ganze große Bevölkerung, Männer, Frauen, Kinder, wie ihr Griff sie fester umklammert und ihnen den Atem raubt, und kein Entweichen ist möglich, weder im eigenen Lande noch selbst in irgendein fremdes Land.

Dieser beständige ungeheure mechanische Druck des Leblosen auf das Lebendige ist es, worunter die heutige Welt stöhnt. Nicht nur die unterworfenen Rassen, sondern ihr selbst, die ihr glaubt frei zu sein, opfert täglich eure Freiheit und Menschheit dem Götzen Nationalismus und lebt in der dumpfen, vergifteten Atmosphäre von Mißtrauen, Gier und Angst, die sich über die ganze Welt erstreckt.

Ich habe in Japan gesehen, wie das ganze Volk sich freiwillig geistig zurechtstutzen und seine Freiheit beschneiden läßt von einer Regierung, die durch allerlei erziehliche Maßnahmen ihre Gedanken regelt, ihre Gefühle künstlich erzeugt, argwöhnisch aufpaßt, wenn sie Miene machen, sich geistigen Dingen zuzuwenden, und sie auf engem Pfade nicht zu ihrem wahren Ziele führt, sondern dahin, wo sie sie nach ihrem Rezept zu einer gleichförmigen Masse zusammenschweißen kann. Und das Volk fügt sich freudig und stolz in diese allgemeine geistige Sklaverei, weil es den krankhaften Wunsch hat, auch so eine Kraftmaschine, die man Nation nennt, zu werden und es andern Maschinen an Kollektiveigennutz gleichzutun.

Wenn man so einen neu bekehrten Fanatiker des Nationalismus nach der Weisheit seines Strebens fragt, so antwortet er: »Solange Nationen in dieser Welt so um sich greifen, haben wir nicht mehr das Recht, unser höheres Menschentum frei zu entwickeln. Wir brauchen alle unsere Kräfte, um dem Übel zu widerstehen, und das tun wir am besten, wenn wir es uns selbst im höchsten Grade zu eigen machen. Denn die einzige Verbrüderung, die in der modernen Welt möglich ist, ist die Spießgesellenschaft des Banditentums.« Die Stiftung des Bruderbundes zwischen Japan und Rußland, die jüngst mit so viel Jubel in Japan gefeiert wurde, hatte ihren Grund nicht in dem plötzlichen Wiederaufleben des christlichen oder buddhistischen Geistes, sondern sie gründete sich auf etwas, was nach den modernen Glaubenssätzen sicherer und zuverlässiger ist, auf gegenseitige Bedrohung.