Man muß zugeben, daß dies das wahre Bild der Welt der Nation ist, und die einzige Lehre, die die Völker der Erde daraus ziehen können, ist, daß sie alle physischen, geistigen und sittlichen Kräfte anstrengen sollten, einander in dem großen Ringkampf um die Macht zu Boden zu werfen. In den alten Zeiten richtete Sparta sein ganzes Augenmerk darauf, wie es mächtig werden könnte; es gelang ihm dadurch, daß es seine Menschheit verstümmelte, und es starb an der Amputation.

Aber es ist für uns kein Trost, zu wissen, daß das Verkümmern der menschlichen Natur, unter dem die heutige Zeit leidet, sich nicht auf die unterworfenen Völker beschränkt, daß das Übel bei den Völkern, die sich frei glauben, noch schlimmer ist, weil es nicht als solches erkannt und ihm freiwillig Raum gegeben wird. Wenn ihr eure höheren Lebensgüter um Gewinn und Macht verschachert, so ist es eure freie Wahl, und meinetwegen steht da und freut euch über euer wachsendes Gedeihen, während eure Seele Schiffbruch leidet. Aber werdet ihr nie Rechenschaft ablegen müssen dafür, daß ihr die selbstsüchtigen Triebe in ganzen Völkern auf den höchsten Grad entwickelt und organisiert und dies gut nennt? Ich frage euch, gibt es in der ganzen Menschheitsgeschichte, selbst in ihren dunkelsten Perioden, etwas so Ungeheuerliches wie diese Untat der Nation, die ihre Pranken tief in das nackte Fleisch der Welt schlägt, und deren einzige Sorge ist, daß sie nur keinen Augenblick den Griff lockert?

Ihr Völker des Westens, die ihr dieses Ungeheuer ausgebrütet habt, könnt ihr euch die trostlose Verzweiflung derer vorstellen, die diesem abstrakten Gespenst des organisierenden Menschen zum Opfer gefallen sind? Könnt ihr euch an die Stelle der Völker versetzen, die zum ewigen Verlust ihrer Menschheit verdammt scheinen, die nicht nur beständig in ihrer Menschheit gekränkt werden, sondern Loblieder anstimmen müssen auf die Güte eines mechanischen Apparats, der die Rolle ihrer Vorsehung spielt?

Habt ihr nicht gesehen, daß, seit es eine Nation gibt, die ganze Welt vor ihr wie vor einer Spukgestalt zittert? Wo es nur eine dunkle Ecke gibt, da hat man Angst vor ihrer heimlichen Bosheit, und wo sie ihre Augen nicht zu fürchten brauchen, da haben die Menschen beständig Angst vor ihrem Rücken. Jedes Geräusch eines Trittes, jeder Laut in der Nachbarschaft läßt alle vor Schrecken zusammenfahren. Und diese Angst ruft alles Böse in der Menschennatur wach. Sie bewirkt es, daß er sich seiner Unmenschlichkeit fast nicht mehr schämt. Auf kluge Lügen tut er sich etwas zugute. Feierliche Gelübde werden ihm gerade durch ihre Feierlichkeit zur lächerlichen Farce. Die Nation mit all ihrer Ausstaffierung von Macht und Erfolg, mit ihren Fahnen und frommen Hymnen, ihren gotteslästerlichen Gebeten in den Kirchen und den prahlerischen Donnerworten ihrer patriotischen Großsprecherei, kann doch die Tatsache nicht verbergen, daß die Nation selbst das größte Übel für die Nation ist, daß alle ihre Vorsichtsmaßregeln gegen sie gerichtet sind und daß die Geburt jeder neuen Nation in der Welt in ihr die Furcht vor einer neuen Gefahr erweckt. Ihr einziger Wunsch ist, sich die Schwäche der übrigen Welt zunutze zu machen, wie einige Insektenarten, die den Opfern, in deren wehrlosem Fleisch sie ihre Brut großziehen, nur gerade so viel Leben lassen, daß sie genießbar und nahrhaft sind. Daher ist sie immer bereit, ihre giftige Flüssigkeit in die Lebensorgane der andern Völker zu flößen, die nicht Nationen und daher wehrlos sind. Aus diesem Grunde hat die Nation von jeher ihre reichste Weide in Asien gehabt. Das große China, mit seinem Reichtum an alter Weisheit und sozialer Ethik, mit seiner Erziehung zu Fleiß und Selbstbeherrschung, ist wie ein Walfisch, der die Beutegier im Herzen der Nation erweckt. Schon sitzen in seinem bebenden Fleisch die Harpunen, die die nie ihr Ziel verfehlende Nation, die Tochter der modernen Wissenschaft und des Egoismus, nach ihm schleuderte. Sein kläglicher Versuch, seine alten Traditionen von Menschlichkeit und seine sozialen Ideale abzuschütteln und den letzten Rest seiner erschöpften Kräfte darauf zu verwenden, sich für die moderne Welt tüchtig zu machen, wird bei jedem Schritt von der Nation vereitelt. Diese zieht die Schlinge seiner finanziellen Verpflichtungen immer fester um seinen Leib und versucht, ihn aufs Trockene zu ziehen und in Stücke zu zerlegen, um dann hinzugehen und öffentlich Dankgottesdienst zu halten, weil Gott verhindert hat, daß neben dem einen großen Übel ein zweites aufkomme und es gefährde. Und für alles dies erhebt die Nation Anspruch auf den Dank der Geschichte und auf das Recht, die Welt in alle Ewigkeit auszubeuten, und läßt von einem Ende der Welt bis zum andern Loblieder auf sich singen als auf das Salz der Erde, die Zierde der Menschheit, den Segen Gottes, den er mit aller Gewalt den Nationslosen auf die nackten Schädel schleudert.

Ich weiß, welchen Rat ihr uns gebt. Ihr werdet sagen: Schließt euch selbst zu einer Nation zusammen und widersetzt euch den Übergriffen der »Nation«. Aber ist das der rechte Rat? Der Rat, den der Mensch dem Menschen gibt? Warum sollte dies notwendig sein? Ich würde euch gern glauben, wenn ihr sagtet: »Werdet besser, gerechter, wahrer in eurem Verhältnis zu den Menschen, zügelt eure Gier, macht euer Leben gesund durch größere Einfachheit und zeigt mehr, daß ihr an das Göttliche im Menschen glaubt.« Aber dürft ihr sagen, daß nicht die Seele, sondern die Maschine das Wertvollste für uns ist und daß das Heil des Menschen davon abhängt, daß er es in der Kunst, sich dem Rhythmus des toten Räderwerks anzupassen, zur Vollkommenheit bringt? Daß Maschine gegen Maschine, Nation gegen Nation kämpfen muß in einem endlosen Stiergefecht?

Ihr sagt, daß diese Maschinen ein Übereinkommen treffen werden zu gegenseitigem Schutz, das sich auf ihre Furcht voreinander gründet. Aber wo bleibt bei diesem Bündnis von Dampfkesseln die Seele, die Seele, die ihr Gewissen und ihren Gott hat? Und was soll aus dem großen Teil der Welt werden, den anzugreifen keine Furcht euch zurückhalten kann? Die einzige Sicherheit, die jene nationslosen Länder jetzt haben gegen die Zügellosigkeit von Schmiede, Hammer und Schraubenzieher, ergibt sich aus der gegenseitigen Eifersucht der Mächte. Aber wenn sie aus zahlreichen Einzelmaschinen sich zu einer organisierten Herdeneinheit verbinden, um gemeinsam auf den Gebieten des Handels und der Politik ihre Gier noch besser stillen zu können, welche leiseste Hoffnung, sich zu retten, bleibt dann jenen andern, die gelebt und gelitten, geliebt und angebetet, in tiefem Sinnen und friedlicher Arbeit ihre Tage verbracht haben, und deren einziges Verbrechen es war, daß sie sich nicht organisierten?

»Aber«, sagt ihr, »das macht nichts, was nicht widerstandsfähig ist, muß zugrunde gehen, das ist Naturgesetz. Dann müssen sie eben sterben.«

»Nein,« sage ich, »um eurer selbst willen sollen sie leben und werden sie leben.« Es ist sehr kühn von mir, dies in unserer Zeit zu sagen, aber ich behaupte, daß die Welt des Menschen eine sittliche Welt ist, nicht weil wir übereingekommen sind, es blindlings zu glauben, sondern weil es wirklich so ist und weil es gefährlich für uns ist, diese Wahrheit nicht zu sehen. Und das sittliche Gesetz im Menschen kann nicht auf verschiedenen Gebieten verschiedene Geltung haben. Ihr könnt nicht daheim strenge Strafen auf seine Übertretung setzen und es draußen für euch so dehnen, daß es sich euren ungezügelten Begierden anpaßt.

Habt ihr diese Wahrheit nicht schon jetzt erkannt, wo dieser grausame Krieg seine Klauen in die Eingeweide Europas geschlagen hat? Wo seine angehäuften Schätze in Rauch aufgehen und seine Menschheit auf den Schlachtfeldern in Stücke zerrissen wird? Ihr fragt erstaunt: Was hat Europa getan, daß es dies verdient hätte? Die Antwort ist, daß der Westen systematisch seine sittliche Natur versteinert hat, um eine solide Grundlage zu haben, auf der diese abstrakten Ungetüme die größte Wirksamkeit entfalten können. Er hat die ganze Zeit den persönlichen Menschen darben lassen, damit der Berufsmensch gedeihe.

Der einfache und natürliche Mensch des mittelalterlichen Europas mit all seinen heftigen Leidenschaften und Begierden versuchte, eine Versöhnung zu finden in dem Kampf zwischen Fleisch und Geist. In der ganzen stürmischen Zeit seiner kraftvollen Jugend haben die weltlichen und geistlichen Mächte gleichzeitig auf den europäischen Menschen eingewirkt und ihn zu einer vollen sittlichen Persönlichkeit gebildet. Europa verdankt alle seine menschliche Größe jener Zeit der Zucht, der Zucht des noch unverkümmerten Menschen.