Dann kam das Zeitalter des Intellekts, der Wissenschaft. Wir wissen alle, daß der Intellekt etwas Unpersönliches ist. Unser Leben und unser Herz sind eins mit uns, aber unser Geist kann vom persönlichen Menschen losgelöst werden, und nur dann kann er frei schweifen in der Welt der Gedanken. Unser Intellekt ist wie ein Asket, der keine Kleider trägt, keine Nahrung zu sich nimmt, keinen Schlaf kennt, keine Wünsche hat, nicht Liebe noch Haß noch Mitleid mit menschlichen Unzulänglichkeiten fühlt, der, unberührt durch alle Wechselfälle des Lebens, nur seinen Gedanken nachhängt. Er gräbt bis an die Wurzeln der Dinge, weil er kein persönliches Gefühl für die Dinge selbst hat. Der Grammatiker geht durch alle Poesie ungehindert zu den Wurzeln der Wörter, denn er sucht nicht lebendige Wirklichkeit, sondern Gesetz. Wenn er das Gesetz gefunden hat, kann er die Leute lehren die Worte zu meistern. Dies ist eine Kraft, eine Kraft, die ihren besondern Nutzen hat und einem besondern Bedürfnis des Menschen entspricht.
Die lebendige Wirklichkeit aber ist die Harmonie, die die einzelnen Teile eines Dinges zu einem Ganzen verbindet. Löst ihr dies Band, so fliegen alle Teile auseinander, bekämpfen einander und haben den Sinn ihres Daseins verloren. Die nach Macht begierig sind, suchen sich die sich bekämpfenden Urelemente zu unterwerfen und sie gewaltsam durch enge Kanäle so zu leiten, daß sie den besonderen Bedürfnissen der Menschheit dienstbar werden.
Es ist etwas Großes um diese Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse. Sie gibt ihm Freiheit innerhalb der physischen Welt. Sie gibt ihm Herrschaft über Raum und Zeit. Er kann in kürzerer Zeit etwas ausrichten und mit mehr Vorteil einen großem Raum einnehmen. Daher kann er leicht die überholen, die in einer Welt von langsamerem Tempo und weniger ausgenutztem Raum leben.
Dies Anwachsen der Macht geschieht in immer schnellerem Tempo. Und weil sie etwas vom Menschen Losgelöstes ist, wird sie bald die ganze Menschheit überholen. Der sittliche Mensch bleibt hinter ihr zurück, weil er seinen Blick auf die Dinge selbst und nicht nur auf das unpersönliche und abstrakte Gesetz der Dinge richtet.
So ist der Mensch, wenn seine geistige und körperliche Kraft sich weit über seine sittliche Kraft hinaus entwickelt, wie eine Giraffenkarikatur, deren Kopf plötzlich meilenweit über ihren übrigen Körper hinaus emporgeschossen und kaum noch in Verbindung mit ihm ist. Dieser gierige Kopf mit seinem gewaltigen Gebiß hat alle Gipfel der Bäume abgefressen, aber die Nahrung gelangt zu spät in die Verdauungsorgane, so daß das Herz an Blutmangel leidet. Aber der Westen selbst scheint in glücklicher Unwissenheit über diese Disharmonie in seiner Natur zu leben. Die erstaunliche Größe seines materiellen Erfolgs nimmt seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, und er wünscht sich Glück zu seinem Wachstum. Der Optimismus seiner Logik berechnet sein zunehmendes Gedeihen nach der Ausbreitung seines Eisenbahnnetzes und sieht noch unendliche Möglichkeiten. Er ist oberflächlich genug zu denken, daß alle Morgen dem Heute gleichen und ihm nur vierundzwanzig Stunden hinzufügen. Er fürchtet die Kluft nicht, die sich mit jedem Tag weiter öffnet zwischen seinen sich füllenden Vorratshäusern und der hungernden Menschheit. Seine Logik weiß nicht, daß tief unter den endlosen Schichten von Reichtum und Behagen Erdbeben sich vorbereiten, die das Gleichgewicht in der sittlichen Welt wiederherstellen sollen, und daß eines Tages der gähnende Abgrund geistiger Leere den ganzen aufgehäuften Reichtum dieser staubgeborenen Dinge verschlingen wird.
Der Mensch in seiner Ganzheit ist nicht mächtig, sondern vollkommen. Wenn ihr ihn daher zu einer bloßen Kraft machen wollt, so müßt ihr seine Seele soviel wie möglich beschneiden. Wenn wir ganze Menschen sind, so können wir nicht einander an die Kehle fahren; unsere sozialen Instinkte, die Traditionen unserer sittlichen Ideale hindern uns daran. Wenn man mich dazu bringen will, daß ich menschliche Wesen hinschlachte, so muß man die Ganzheit meines Menschentums durch etwas zerstören, das meinen Willen tötet, mein Denken lähmt, meine Bewegungen mechanisiert, und dann wird aus der Auflösung der vollen menschlichen Persönlichkeit jene Abstraktion hervorgehn, jene zerstörende Kraft, die nichts mehr mit wahrer Menschlichkeit zu tun hat, und die daher leicht brutal wird. Nehmt den Menschen heraus aus seiner natürlichen Umgebung, aus seinem reichen Gemeinschaftsleben mit seinen sozialen Pflichten und all seiner Fülle von Liebe und Schönheit, und nichts ist mehr da, was seine Ganzheit zusammenhält, ihr könnt ihn stückweise in das Räderwerk eurer großen Maschine einfügen, die dazu dient, in riesigem Maßstabe Reichtümer zu erzeugen. Macht einen Baum zu einem Holzblock, und er wird euch Feuer geben, aber nicht lebendige Blüten und Früchte.
Diese systematische Entmenschlichung ist auf dem Gebiete des Handels und der Politik vor sich gegangen. Und aus den langen Geburtswehen der mechanischen Energie ist dieses vollentwickelte Ungeheuer von erstaunlicher Kraft und überraschendem Appetit hervorgegangen, das der Westen auf den Namen Nation getauft hat. Wie ich schon sagte, ist sie, weil sie eine Abstraktion ist, mit der größten Leichtigkeit dem Vollmenschen als sittlichem Wesen weit vorausgeeilt. Und da sie das Gewissen eines seelenlosen Gespenstes und die fühllose Vollkommenheit eines Automaten hat, führt sie zu Katastrophen, die die vulkanischen Ausbrüche des jungen Mondes durch ihre zerstörende Wildheit beschämen. Die Folge ist, daß das Mißtrauen von Mensch zu Mensch beständig wie Nesseln diese Kultur an allen Gliedern reizt. Jedes Land wirft sein Spionagenetz in die trüben Wasser des andern und fischt nach dessen Geheimnissen, die in den schlammigen Tiefen der Diplomatie ausgebrütet werden. Und was ist ihr geheimes Wirken anders als das lichtscheue Gewerbe der Nation: Raub, Mord, Verrat und all die scheußlichen Verbrechen, die in den tiefsten Abgründen der Verderbtheit gezeugt werden? Da jede Nation ihre eigene Geschichte von Raub und Lüge und Treulosigkeit hat, so kann im Verkehr zwischen ihnen nur Mißtrauen und Eifersucht gedeihen, und internationale sittliche Scham wird in einem Grade blutarm, daß sie ganz jämmerlich anzusehen ist. Die Nation hat auf ihrem Dudelsack frommer Entrüstung so oft die Melodie gewechselt, je nachdem der Wechsel der Zeiten und der diplomatischen Bündnisse es forderten, daß man es als amüsante Varietévorstellung im politischen Tingeltangel genießen kann.
Ich komme eben von einer Reise nach Japan zurück, wo ich diese junge Nation ermahnte, an ihren höheren Idealen der Menschlichkeit festzuhalten und nie vom Westen die organisierte Selbstsucht des Nationalismus als Religion zu übernehmen, sich nie an der Schwäche seiner Nachbarn zu weiden, nie gewissenlos den Schwachen gegenüber zu handeln, an denen man ungestraft und mit billigem Ruhm Gemeinheiten begehen kann, während man seine rechte, von Menschlichkeit strahlende Wange zum Kuß der Bewunderung denen reicht, die die Macht dazu haben, ihr einen Streich zu versetzen. Einige Zeitungen lobten meine Rede wegen ihrer poetischen Eigenschaften, während sie mit bezeichnendem Seitenblick hinzufügten, daß es die Poesie eines unterworfenen Volkes sei. Ich fühlte, daß sie recht hatten. Japan hat in einer modernen Schule gelernt, wie man mächtig wird. Es hat seine Lehrzeit beendet und will nun die Früchte seiner Ausbildung genießen. Der Westen hatte mit der Stimme seiner donnernden Kanonen vor den Toren Japans gerufen: Es werde eine Nation! Und siehe da, es ward eine Nation. Und nun, da sie da ist, warum habt ihr nicht im innersten Herzen ein reines Gefühl der Freude und sagt, daß sie gut ist? Wie kommt es, daß ich in einer englischen Zeitung eine Äußerung der Bitterkeit las, als Japan sich seiner Überlegenheit in der Kultur rühmte – etwas, was die Engländer sowie die andern Nationen jahrhundertelang ohne zu erröten getan haben? Weil der Idealismus der Selbstsucht sich beständig mit einer Dosis von Eigenlob berauschen muß. Aber dieselben Laster, die ihnen bei sich selbst so natürlich und harmlos erscheinen, fallen ihnen unangenehm auf und empören sie, sobald sie sie an andern Nationen gewahren. Wenn ihr daher die japanische Nation, nach eurem eigenen Bilde geschaffen, auf dem Fahrwasser nationaler Prahlerei vom Stapel laufen seht, so schüttelt ihr den Kopf und sagt: »Es ist nicht gut.« Ist Japan nicht auch eine Ursache, daß man hier bei euch die Losung ausgegeben hat, sich angesichts des neuen drohenden Übels mit noch größerer Schadenskraft zu rüsten? Japan versichert, daß es sein bushido[1] hat, daß es Amerika gegenüber, dem es Dank schuldet, nie treulos handeln kann. Aber es wird euch schwer, ihm zu glauben, denn die Weisheit der Nation besteht nicht im Glauben an die Menschheit, sondern im absoluten Mißtrauen. Ihr sagt euch, daß ihr es nicht mit dem Japan des bushido, mit dem Japan der sittlichen Ideale zu tun habt, sondern mit der Abstraktion der Selbstsucht des Volkes, mit der Nation; und eine Nation kann nur der andern trauen, soweit ihre Interessen zusammengehen, oder wenigstens sich nicht entgegenstehen. Euer Instinkt sagt euch, daß das Eintreten eines neuen Volkes in die Arena der Nationalität das Übel vergrößert, das alledem widerspricht, was das Höchste im Menschen ist, und das durch seinen Erfolg beweist, daß Gewissenlosigkeit der Weg zum Gedeihen ist – und Gutsein gut für die Schwachen, und Gott der einzig bleibende Trost der Unterworfenen.
[1] bushido, gewöhnlich mit »Ritterlichkeit« übersetzt, das ungeschriebene Gesetzbuch des japanischen Rittertums (der Samurai), überhaupt der Inbegriff der moralischen Grundsätze des japanischen Volkes.
Ja, dies ist die Logik der Nation. Und sie wird nie auf die Stimme von Recht und Wahrheit hören. Sie wird diesen Reigen sittlicher Verderbtheit fortsetzen und Stahl an Stahl, Maschine an Maschine fügen und all die holden Blumen des frommen Glaubens und der lebendigen Ideale des Menschen niedertreten.