Aber wir lassen uns zu dem Glauben verleiten, daß in unserer Zeit mehr Menschlichkeit herrsche als jemals früher. Der Grund dieser Selbsttäuschung ist, daß unsere Lebensbedürfnisse reichlicher befriedigt und unsere physischen Leiden wirksamer gelindert werden als früher. Doch dies geschieht in der Hauptsache nicht durch sittliche Opferfreudigkeit, sondern durch intellektuelle Kraft. An Umfang ist dieses Gute groß, aber es kommt nicht aus der Tiefe und geht nicht in die Tiefe. Kenntnisse und Leistungsfähigkeit sind mächtig gemessen an ihrer Wirkung nach außen, aber sie sind die Diener des Menschen, nicht der Mensch selbst. Ihr Dienst ist wie die Bedienung in einem Hotel, wo alles tadellos eingerichtet ist, aber der Wirt fehlt; es ist mehr bequem als gastlich.
Daher dürfen wir nicht vergessen, daß die systematischen Organisationen, die sich nach allen Seiten weithin ausbreiten, zwar unsere Macht stärken, aber nicht unsere Menschlichkeit. Mit der zunehmenden Macht der Nation wächst ihre Selbstanbetung und erhält das Übergewicht. Der einzelne läßt die Nation bereitwillig auf seinem Rücken reiten, und so geschieht das Naturwidrige, das so großes Unglück im Gefolge hat, daß der Mensch mit allen Opfern einen Gott verehrt, der sittlich viel tiefer steht als er selbst. Dies hätte nie geschehen können, wenn der Gott so wirklich wäre, wie der Mensch selbst.
Laßt mich hierzu eine treffende Erläuterung geben. In einigen Teilen Indiens wird es der Witwe als besonderer Akt der Frömmigkeit auferlegt, sich alle vierzehn Tage einen ganzen Tag lang des Essens und Trinkens gänzlich zu enthalten. Dies führt oft zu sinnloser und unmenschlicher Grausamkeit. Und doch sind die Menschen von Natur nicht in dem Maße grausam. Aber da diese Frömmigkeit nichts als ein toter Begriff ist, so tötet sie das sittliche Gefühl des Menschen vollständig, ebenso wie ein Mensch, der sonst kein Tier unnötig quälen würde, doch einer großen Menge unschuldiger Geschöpfe furchtbare Leiden verursacht, wenn er sein Gefühl mit der Idee »Sport« betäubt hat. Weil diese Ideen Erzeugnisse des Intellekts, logische Klassifikationen sind, können sie den persönlichen Menschen so leicht in ihren Nebel einhüllen.
Und die Idee der Nation ist eins der wirksamsten Betäubungsmittel, die der Mensch erfunden hat. Unter dem Einfluß seiner Dünste kann ein ganzes Volk sein systematisches Programm krassester Selbstsucht ausführen, ohne sich im geringsten seiner sittlichen Verderbtheit bewußt zu werden – ja, es wird gefährlich gereizt, wenn man es darauf hinweist.
Aber kann dies in alle Ewigkeit so fortgehen, daß das sittliche Gefühl des Menschen immer mehr abstumpft? Wird es sich nicht irgendeinmal rächen? Wird diese riesige Organisationsmaschine in dieser Welt nicht eines Tages auf eine Schranke stoßen, die ihre rasende Fahrt aufhält und sie zertrümmert? Glaubt ihr denn wirklich, daß man das Böse auf die Dauer dadurch in Schach halten kann, daß man es zu überbieten sucht, und daß kluge Beratung den Teufel in dem Käfig der »gegenseitigen Vereinbarungen« festhalten kann, in dem man ihn provisorisch untergebracht hat?
Dieser Krieg der europäischen Nationen ist ein Vergeltungskrieg. Der Mensch als solcher muß sich mit allen Kräften dagegen wehren, daß tote Dinge an Stelle des Herzens treten und Systeme und Staatskunst an Stelle lebendiger Beziehung von Mensch zu Mensch. Die Zeit ist gekommen, wo um der ganzen schmählich mißhandelten Menschheit willen Europa am eigenen Leibe die furchtbare Sinnwidrigkeit dessen, was man Nation nennt, in ihrem ganzen Umfange spüren muß.
Die Nation ist lange auf Kosten der verstümmelten Menschlichkeit gediehen. Die Menschen, die vollkommensten Geschöpfe Gottes, gingen aus dieser nationalen Fabrik zu großen Scharen als Krieg und Geld machende Drahtpuppen hervor, lächerlich eitel auf die erbärmliche Vollkommenheit ihres Mechanismus. Die menschliche Gesellschaft wurde immer mehr zu einem Marionettentheater von Politikern, Soldaten, Fabrikanten und Bureaukraten, die durch großartig funktionierende Drahteinrichtungen hin- und herbewegt werden.
Aber die ganze Brut der Selbstsucht: Haß und Gier, Furcht und Heuchelei, Argwohn und Tyrannei, ist auf die Dauer nicht lebensfähig. Diese Ungeheuer wachsen zu einer Riesengröße an, aber das Ebenmaß fehlt ihnen. Und der Leib dieser Nation, der nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Stahl und Dampf und Amtsgebäuden besteht, kann zu einer immer phantastischeren Ungeheuerlichkeit anschwellen, bis endlich die Mißgestalt ihren ganzen Umfang nicht mehr zusammenhalten kann – sie wird anfangen zu krachen und zu bersten, keuchend giftige Dämpfe und Feuer auszuspeien, und wir hören im Donner der Kanonen ihr Todesröcheln. In diesem Kriege hat der Todeskampf der Nation angefangen. Ihr ganzer Mechanismus ist plötzlich toll geworden und hat einen Furientanz begonnen, indem er seine eigenen Glieder zerschmettert und in den Staub wirft. Es ist der fünfte Akt der Tragödie des falschen Scheins.
Die irgendwelchen Glauben an die Menschheit haben, können nur sehnlichst hoffen, daß die Tyrannei der Nation nicht ihre frühere Gestalt unversehrt zurückerhält: ihre Zähne und Klauen, ihre weitreichenden Eisenarme und ihre ungeheure innere Hohlheit, wo alles Magen ist und kein Herz; sie müssen hoffen, daß der Mensch aus dem Nebelmeer von Abstraktionen, das ihn einhüllte, zur Freiheit der Persönlichkeit neu geboren wird.
Dieser furchtbare Krieg hat den Schleier gehoben, und der Westen steht Antlitz in Antlitz seiner Schöpfung gegenüber, der er seine Seele geopfert hat. Jetzt muß er wissen, was das für eine Schöpfung ist.