Er hat nie geahnt, wie in seiner sittlichen Natur ein Prozeß von langsamem und unmerklichem Absterben und Verwesen vor sich ging, der sich bald in skeptizistischen Lehren kund gab, bald und noch öfter und anscheinend harmloser, aber darum gefährlicher, in der Ahnungslosigkeit von all der Verstümmelung und Schmach, die er einem großen Teil der Menschheit zugefügt hat. Jetzt muß er die Wahrheit durch eigene Erfahrung lernen.
Und dann werden unter seinen eigenen Kindern solche aufstehen, die sich aus der Knechtschaft der gegenwärtigen Illusion befreien, aus dieser Verderbtheit einer Verbrüderung, die auf Selbstsucht gegründet ist. Sie werden erkennen, daß sie Gottes Kinder sind und nicht Sklaven einer Maschinerie, die Seelen in Ware verwandelt und das Leben in Fächer einteilt, die mit ihren eisernen Klauen der Welt das Herz ausreißt und nicht weiß, was sie getan hat.
Und wir Nationslosen, deren Haupt bis in den Staub gebeugt ist, wir wollen uns sagen, daß dieser Staub heiliger ist als die Ziegelsteine, aus denen die Macht ihr stolzes Schloß aufrichtet. Denn dieser Staub ist fruchtbar an Leben und Schönheit und Erhabenheit. Wir wollen Gott danken, daß es unser Los war, in Schweigen die Nacht der Trübsal und Verzweiflung hindurch zu wachen, den Hohn der Stolzen und die Last des Gewaltigen zu tragen, daß wir in all dem Leiden, obgleich unser Herz von Zweifeln und Furcht bebte, dem blinden Glauben an das Heil durch die Maschine widerstanden und festhielten an unserem Vertrauen auf Gott und die menschliche Seele. Und wir hegen doch noch die Hoffnung, daß, wenn die Macht beschämt von ihrem Thron herabsteigt und der Liebe Platz macht, wenn der Morgen kommt, wo die blutigen Spuren, die die Nation zurückließ, als sie durch die Menschheit hinschritt, hinweggewaschen werden, man uns ruft, auf daß wir unser heiliges Gefäß mit Weihwasser bringen, um die menschliche Geschichte wieder zu reinigen und den zertretenen Staub der Jahrhunderte wieder mit Fruchtbarkeit zu segnen.
[NATIONALISMUS IN JAPAN]
Die schlimmste Form der Knechtschaft ist es, wenn wir der Verzagtheit anheimfallen, denn sie raubt uns den Glauben an uns selbst und damit jede Hoffnung auf Befreiung. Man hat uns wiederholt und mit einem gewissen Recht gesagt, daß Asien in der Vergangenheit lebt – es ist wie ein reiches Mausoleum, das alle seine Pracht entfaltet, um die Toten unsterblich zu machen. Man hat von Asien gesagt, daß es niemals den Pfad des Fortschritts beschreiten könne, weil es nicht anders könne als den Blick nach rückwärts richten. Wir nahmen diesen Vorwurf hin und hielten ihn schließlich für berechtigt. Ich weiß, daß in Indien eine große Anzahl unserer Gebildeten die Demütigung, die in diesem Vorwurf liegt, nicht ertragen kann und nun ihre ganze Fähigkeit zum Selbstbetrug aufbietet, um ihn in ein Lob zu verwandeln und damit zu prahlen. Aber Prahlerei ist nur Schamgefühl unter falscher Maske, sie glaubt nicht wirklich an sich.
Als die Dinge so standen und wir Bewohner Asiens uns in den Glauben hinein hypnotisierten, daß es immer so bleiben müsse und auf keine Weise anders werden könne, erwachte plötzlich Japan aus seinem Schlummer, holte mit Riesenschritten die müßig verträumten Jahrhunderte nach und stand bald mit seinen Leistungen in der vordersten Reihe seiner modernen Zeitgenossen. Dies hat den Zauber gebrochen, in dem wir jahrhundertelang gebannt lagen, als wir glaubten, unser Los sei nun einmal das Los bestimmter Völker unter bestimmten Himmelsstrichen. Wir hatten vergessen, daß in Asien einst große Königreiche gegründet wurden, daß Philosophie, Wissenschaft, Kunst und Literatur bei uns blühten und alle großen Religionen hier ihre Wiege hatten. Man kann daher nicht sagen, daß in dem Boden und Klima Asiens irgend etwas ist, was geistige Untätigkeit erzeugt oder im Menschen den Trieb zum Fortschritt verkümmern läßt. Jahrhundertelang haben wir in Asien die Fackel der Kultur hochgehalten, als der Westen noch im Dunkel schlummerte und dies kann doch nicht das Zeichen von geistiger Schwerfälligkeit und engem Horizont sein.
Dann kam eine Zeit, wo das Dunkel der Nacht sich auf alle Länder des Ostens legte. Der Strom der Zeit schien plötzlich stillzustehen, und Asien hörte auf, neue Nahrung zu sich zu nehmen; es fing an, sich von seiner Vergangenheit, das heißt in Wahrheit, von sich selbst zu nähren. Es lag in Totenstille da, und die Stimme, die einst ewige Wahrheiten mit lautem Ruf verkündet und viele Menschenalter hindurch das Menschenleben rein gehalten hatte, wie der Ozean von Luft die Erde umspült und reinigt, – diese Stimme war verstummt.
Aber das Leben braucht auch seinen Schlaf, seine Perioden der Untätigkeit, wo seine Bewegungen aufhören, wo es keine neue Nahrung zu sich nimmt und von den Vorräten seiner Vergangenheit lebt. Dann wird es hilflos, seine Muskeln erschlaffen, und es ist leicht, es wegen seiner Stumpfheit zu verhöhnen. Im Rhythmus des Lebens sind diese Pausen nötig, damit das Leben sich erneuern kann. Ein tatenvolles Leben verausgabt sich beständig, verbrennt all sein Öl. Diese Verschwendung kann nicht unbegrenzt weitergehen, sondern immer muß ihr eine Zeit der Passivität folgen, wo keine Kräfte mehr verbraucht und keine Abenteuer mehr unternommen werden dürfen, wo Ruhe erste Pflicht ist, damit die Lebenskraft allmählich wieder wachsen kann.
Unser Geist neigt von Natur zur Sparsamkeit, er liebt es, Gewohnheiten anzunehmen und sich auf ausgefahrenen Gleisen zu bewegen, die ihm die Mühe sparen, bei jedem Schritt nachzudenken. Fertig übernommene Ideale machen den Geist träge. Er fürchtet, seinen Besitz zu verlieren, im Ringen nach neuem Erwerb. Er versucht, ihn sich zu sichern, indem er ihn in einer Festung von Gewohnheiten verschließt. Aber dies heißt in Wahrheit, sich den vollen Genuß seines Besitzes unmöglich machen. Es ist Geiz. Die lebendigen Ideale dürfen nicht die Berührung mit dem wachsenden, wechselnden Leben verlieren. Nicht innerhalb sie sorglich hütender Schranken sind sie wahrhaft frei, sondern draußen auf der Landstraße des Lebens mit all ihren Abenteuern und Möglichkeiten neuer Erfahrungen.