Zur Offenbarung einer Idee ist Form unbedingt nötig. Aber die Idee, die unendlich ist, kann nicht in Formen ihren Ausdruck finden, die schlechthin endlich sind. Daher müssen die Formen sich beständig wandeln und bewegen, sie müssen vergehen, um das Unvergängliche zu offenbaren. Der Ausdruck als Ausdruck muß bestimmt sein, und das kann er nur in der Form; aber als Ausdruck des Unendlichen muß er zugleich unbestimmt sein, und das kann er nur in der Bewegung. Daher geht die Welt in allen ihren Gestalten immer über diese hinaus, sie zerbricht immer wieder achtlos ihre eigenen Formen, um zu sagen, daß sie ihren ganzen Sinn doch nie fassen können.
Der Moralist schüttelt traurig den Kopf und sagt, daß die Welt eitel ist. Aber diese Eitelkeit ist nicht Leere, nein, diese Eitelkeit selbst schließt Wahrheit in sich. Wenn die Welt stillstände und damit endgültig würde, dann würde sie zu einem Gefängnis verwaister Tatsachen, die die Freiheit der Wahrheit verloren hätten, der Wahrheit, die unendlich ist. Daher hat der moderne Denker darin recht, daß in der Bewegung der Sinn aller Dinge liegt, weil dieser Sinn nicht gänzlich den Dingen selbst innewohnt, sondern dem, worauf sie hindeuten, wenn sie über ihre Grenzen hinauswachsen. Dies meint die Ischa-Upanischad, wenn sie sagt, daß weder das Vergängliche, noch das Ewige für sich einen Sinn hat. Erst wenn wir sie im Einklang miteinander erkennen, gelangen wir über das Vergängliche hinaus und erfassen das Ewige.
Weil diese Welt die Welt unendlicher Persönlichkeit ist, ist es das Ziel unsres Lebens, uns in eine vollkommene und persönliche Beziehung zu ihr zu setzen. So lehrt die Ischa-Upanischad. Daher beginnt sie mit dem Verse:
„Wisse, daß alles, was in dieser Welt lebt und webt, von der Unendlichkeit Gottes getragen wird, und genieße das, was er dir hingibt. Begehre keinen andern Besitz.“
Das heißt, wir sollen erkennen, daß die Bewegungen dieser Welt nicht sinnlos und zufällig sind, sondern zu dem Willen eines höchsten Ich in Beziehung stehen. Ein bloßes Wissen um die Wahrheit ist unvollkommen, da es unpersönlich ist. Aber Freude ist persönlich, und der Gott meiner Freude ist Bewegung, Handeln, Selbsthingabe. In dieser Hingabe hat der Unendliche die Gestalt des Endlichen angenommen und ist daher Wirklichkeit geworden, so daß ich meine Freude in ihm haben kann.
Im Schmelztiegel unsrer Vernunft verschwindet die Welt der Erscheinungen, und wir nennen sie Täuschung. Dies ist die negative Seite des Erlebens. Aber unsre Freude ist positiv. Eine Blume ist nichts, wenn wir sie zergliedern, aber sie ist in Wahrheit eine Blume, wenn wir uns an ihr freuen. Diese Freude ist etwas Wirkliches, weil sie etwas Persönliches ist. Und die Wahrheit kann in ihrer Vollkommenheit nur durch unsre Persönlichkeit erkannt werden.
Und daher lehrt die Upanischad: „Weder Verstand noch Worte können ihn fassen. Aber wer die Freude Brahmas erkannt hat, für den gibt es keine Furcht mehr.“
Das Folgende ist die Übersetzung eines andern Verses aus der Ischa-Upanischad, der von der passiven und aktiven Natur Brahmas handelt:
„Er, der Fleckenlose, Körperlose, Unverwundbare, Reine, dem kein Übel anhaftet, geht in alles ein. Der Dichter, der Beherrscher des Geistes, der in allen Gestalten Lebende, aus sich selbst Geborene, spendet den endlosen Jahren vollkommene Erfüllung.“
Die negative Natur Brahmas ist Ruhe, die positive ist Bewegung, die in alle Zeiten wirkt. Er ist der Dichter, dessen Instrument die Seele ist, er offenbart sich in Schranken, und diese Offenbarung hat ihren Grund nicht in irgendeinem äußern Zwange, sondern in der Überfülle seiner Freude. Daher ist er es, der durch endlose Zeiten all unser Verlangen stillen kann, indem er sich selbst hingibt.