Mit dieser Erkenntnis haben wir auch den Sinn und Zweck unsres Daseins gefunden. Beständige Selbsthingabe ist die Wahrheit unsres Lebens, und je vollkommener unsre Selbsthingabe ist, um so vollkommener ist unser Leben. Wir müssen dies unser Leben in all seinen Ausdrucksformen zu einem Gedicht gestalten; es muß von unsrer Seele zeugen, die unendlich ist, und nicht nur von unserm irdischen Besitz, der keinen Sinn in sich selbst hat. Das Bewußtsein des Unendlichen in uns tut sich in der Freude kund, mit der wir uns aus der Fülle unsres Überflusses hingeben. Dann ist unser Leben ein unaufhörliches, selbstentsagendes Sichausströmen wie das Leben des Flusses.
Laßt uns leben. Laßt uns die wahre Lebensfreude kosten, die Freude des Dichters, dessen Seele sich in sein Gedicht ergießt. Laßt uns unser unvergängliches Wesen in allen Dingen um uns her zum Ausdruck bringen, in der Arbeit, die wir tun, in den Dingen, die wir gebrauchen, in den Menschen, mit denen wir zu tun haben, in unsrer Freude an der Welt, die uns umgibt. Laßt unsre Seele alles um uns her mit ihrem Wesen füllen und in allen Dingen Gestalt werden und ihren Reichtum offenbaren, indem sie das hervorbringt, was der Menschheit ewig Bedürfnis ist. Dies unser Leben ist mit den Gaben des unendlichen Gebers angefüllt. Die Sterne singen ihm ihr Lied, der Morgen überströmt es täglich mit segnendem Licht, die Früchte bieten ihm ihre Süße dar, und die Erde breitet ihren Grasteppich aus, damit es darauf ruhe. So laßt seine Seele bei dieser Berührung der unendlichen Seele in den vollen Strom ihrer Musik ausbrechen.
Daher sagt der Dichter der Ischa-Upanischad:
„Wenn du in dieser Welt schaffst und wirkst, so solltest du wünschen, hundert Jahre zu leben. So und nicht anders soll dein Wirken sein. Laß nicht dein Werk an dir haften.“
Nur wenn wir unser Leben voll leben, können wir darüber hinauswachsen. Wenn die Lebenszeit der Frucht erfüllt ist, die Zeit, wo sie im Winde tanzend und in der Sonne reifend den Saft aus dem Zweige sog, dann fühlt sie in ihrem Kern den Ruf des Jenseits und bereitet sich zu einem weiteren Leben. Aber die Weisheit des Lebens besteht in dem, was uns die Kraft gibt, es aufzugeben. Denn der Tod ist das Tor zur Unsterblichkeit. Daher heißt es: Tu deine Arbeit, aber laß nicht deine Arbeit dich festhalten. Denn die Arbeit ist nur Ausdruck deines Lebens, solange sie mit seinem Strom fließt; doch wenn sie sich festklammert, wird sie zum Hemmnis und zeugt nicht von deinem Leben, sondern nur von sich selbst. Dann ist sie wie der Sand, den der Fluß mitführt: sie hemmt den Strom deiner Seele. Die Tätigkeit der Glieder gehört zur Natur des physischen Lebens, doch wenn die Glieder sich im Krampf bewegen, so sind die Bewegungen nicht in Harmonie mit dem Leben, sondern eine Krankheit, wie eine Arbeit, die einen Menschen umklammert und seine Seele erdrosselt.
Nein, wir dürfen unsre Seele nicht töten. Wir dürfen nicht vergessen, daß unser Leben das Ewige in uns zum Ausdruck bringen soll. Wenn wir unser Bewußtsein des Unendlichen entweder durch Trägheit verkümmern lassen oder durch leidenschaftliches Jagen nach vergänglichen und nichtigen Dingen ersticken, so sinken wir ins Ur-Dunkel des Gestaltlosen zurück wie die Frucht, deren Same tot ist. Das Leben ist unaufhörliche Schöpfung, es findet seinen Sinn, wenn es über sich hinaus ins Unendliche wächst. Doch wenn es stillsteht und Schätze aufhäuft und immer wieder zu sich selbst zurückkehrt, wenn es den Ausblick auf das Jenseits verloren hat, so muß es sterben. Dann wird es aus der Welt des Wachstums ausgestoßen und zerfällt mit all seiner Habe in Staub. Von solchem Leben heißt es in der Ischa-Upanischad: „Die ihre Seele töten, gehen dahin ins Dunkel der sonnenlosen Welt.“
Auf die Frage: „Was ist die Seele?“ gibt die Ischa-Upanischad folgende Antwort:
„Sie ist das Eine, das, obgleich bewegungslos, schneller ist als der Gedanke; die Sinne können es nicht erreichen; während es stillsteht, überholt es die, die dahineilen; in ihm sind die fließenden Kräfte des Lebens enthalten.“
Der Geist hat seine Schranken, die Sinnesorgane sind jedes für sich mit seinen Aufgaben beschäftigt, aber es ist ein Prinzip der Einheit in uns, das über die Gedanken des Geistes und über die Funktionen der Körperorgane hinausgeht, das in seinem gegenwärtigen Augenblick eine ganze Ewigkeit umfaßt, während durch seine Gegenwart der Lebenstrieb die Lebenskräfte immer weiterdrängt. Weil wir dies Eine in uns fühlen, das mehr ist als alles, was von ihm umfaßt wird, das im beständigen Wandel seiner Teile sich gleich bleibt, können wir nicht glauben, daß es sterben kann. Weil es eins ist, weil es mehr ist als seine Teile, weil es ein beständiges Überleben, ein beständiges Überfließen ist, fühlen wir, daß es jenseits der Schranken des Todes ist.
Dies Bewußtsein der Einheit und Ganzheit über alle Schranken hinaus ist das Bewußtsein der Seele. Und von dieser Seele sagt die Ischa-Upanischad: „Sie bewegt sich, und sie bewegt sich nicht. Sie ist fern, und sie ist nah. Sie ist in allem, und sie ist außerhalb von allem.“