Dies heißt, die Seele erkennen als jenseits aller Schranken des Nahen und Fernen, des Innen und Außen. Ich habe dies Wunder aller Wunder erkannt, dies Eine in mir, das das Zentrum alles wahren Seins für mich ist. Aber ich kann mit meiner Erkenntnis hier nicht stehenbleiben. Ich kann nicht sagen, daß es über alle Grenzen hinausgeht und doch von mir selbst begrenzt wird. Daher heißt es in der Ischa-Upanischad:
„Wer alle Dinge in der Seele und die Seele in allen Dingen sieht, der braucht sich nicht mehr zu verbergen.“
Wir sind in uns selbst verborgen, wie eine Wahrheit in den einzelnen Tatsachen verborgen ist. Wenn wir wissen, daß dies Eine in uns zugleich das Eine in allen ist, dann erst haben wir die letzte Wahrheit erkannt.
Aber diese Erkenntnis von der Einheit der Seele darf kein bloßes abstraktes Wissen sein. Nicht jene negative Art des Universalismus, die weder sich selbst noch andern angehört. Nicht eine abstrakte Seele, sondern meine eigene Seele muß ich in andern erkennen. Ich muß erkennen, daß, wenn meine Seele ausschließlich mein wäre, sie noch nicht zu ihrem wahren Wesen gelangt wäre, daß aber wiederum, wenn sie nicht zuinnerst mein wäre, sie überhaupt keine Wirklichkeit hätte.
Auf dem Wege der Logik wären wir niemals zu der Wahrheit gelangt, daß die Seele, die das Prinzip der Einheit in uns ist, in der Vereinigung mit andern ihre Vollendung findet. Wir haben diese Wahrheit durch die Freude, die sie gibt, erkannt. Denn unsre Freude ist, uns in andern wiederzufinden. Wenn ich liebe, mit andern Worten, wenn ich mein eigenes Wesen wahrer und reiner in andern erkenne als in mir selber, dann bin ich froh, denn das Eine in mir kommt zu seiner Verwirklichung, indem es sich mit andern vereint, und darin hat es seine Freude.
Daher braucht das Prinzip der Einheit in Gott die Vielen, um die Einheit zu verwirklichen. Gott gibt sich in Liebe allen hin. Die Ischa-Upanischad sagt: „Du sollst genießen, was Gott hingibt.“ Er gibt beständig hin, und ich bin voll Freude, wenn ich fühle, daß er sich selbst hingibt. Denn diese meine Freude ist die Freude der Liebe, die aus meiner Selbsthingabe an ihn entspringt.
Da, wo die Upanischad uns ermahnt, diese Hingabe Gottes zu genießen, fährt sie fort: „Laß dich nicht gelüsten nach dem Besitz anderer.“ Denn die Begierde hemmt die Liebe. Sie geht in einer der Wahrheit entgegengesetzten Richtung und gelangt zu der Täuschung, daß unser Ich unser letztes Ziel sei.
Daher hat die Verwirklichung unsrer Seele eine sittliche und eine religiöse Seite. Das Sittliche besteht in der Übung der Selbstlosigkeit, in der Zügelung der Begierden; das Religiöse in Mitgefühl und Liebe. Beide Seiten sollten nie getrennt, sondern immer vereint geübt werden. Die Entwicklung der rein sittlichen Seite unsrer Natur führt uns zu Engherzigkeit und Härte, zu Intoleranz und Pharisäertum; die einseitige Entwicklung des Religiösen führt uns zum Schwelgen im ungezügelten Spiel der Phantasie.
Indem wir dem Dichter der Upanischad soweit gefolgt sind, haben wir den Sinn alles wahren Seins gefunden: Die Endlichkeit ist die Form, in der sich der Unendliche hingibt. Die Welt ist der Ausdruck einer Persönlichkeit, ebenso wie ein Gedicht oder ein anderes Kunstwerk. Der Höchste gibt sich selbst in seiner Welt und ich mache sie zu der meinen, wie ich mir ein Gedicht zu eigen mache, indem ich mich selbst darin wiederfinde. Wenn meine eigene Persönlichkeit das Zentrum meiner Welt verläßt, so verliert diese in einem Augenblick ihr ganzes Wesen. Daraus erkenne ich, daß meine Welt nur in Beziehung zu mir existiert, und ich weiß, daß sie meinem persönlichen Ich durch ein persönliches Wesen gegeben ist. Die Naturwissenschaft kann wohl ihre Feststellungen darüber machen, wie dieses Geben vor sich geht, aber die Gabe selbst erfaßt sie nicht. Denn die Gabe ist die Seele, die sich der Seele schenkt, daher kann nur die Seele sie sich durch Freude zu eigen machen, aber nicht die Vernunft durch Logik.
Daher ist es immer das sehnlichste Verlangen des Menschen gewesen, den Höchsten zu erkennen. Vom Anfang seiner Geschichte an hat der Mensch in der ganzen Schöpfung die Berührung eines persönlichen Wesens gespürt und versucht, ihm Namen und Gestalt zu geben; er hat sein Leben und das Leben seines Geschlechts mit Sagen von ihm umwoben, ihm Altäre gebaut und durch unzählige heilige Bräuche Beziehung zu ihm hergestellt. Dies Ahnen und Fühlen eines persönlichen Wesens hat dem zentrifugalen Triebe im Menschenherzen den Impuls gegeben, in einem unerschöpflichen Strom von Gegenwirkung hervorzubrechen in Liedern und Bildern und Gedichten, in Statuen und Tempeln und Festlichkeiten. Dies Gefühl war die Zentripetalkraft, die die Menschen bewog, sich in Haufen und Stämmen und Gemeindeorganisationen zusammenzuschließen. Und während der Mensch seinen Acker pflügt und seine Kleider webt, heiratet und Kinder aufzieht, sich um Reichtum abmüht und um Macht kämpft, vergißt er nicht, in Worten von feierlichem Rhythmus, in geheimnisvollen Symbolen, in majestätischen Steinbauten zu verkünden, daß er im Herzen seiner Welt dem Unsterblichen begegnet ist. Im Leid des Todes und im Schmerz der Verzweiflung, wenn das Vertrauen verraten und die Liebe entweiht wurde, wenn das Dasein fade und sinnlos wird, streckt der Mensch, auf den Trümmern seiner Hoffnungen stehend, die Hände zum Himmel, um durch das Dunkel seiner Welt hindurch die Berührung dieses Einen zu spüren.