Die Existenz meines Körpers erklärt die Naturwissenschaft aus allgemeinen Gesetzen. So erkenne ich, daß mein Körper nicht eine isolierte Schöpfung ist, sondern ein Teil eines großen Ganzen. Dann komme ich zu der weiteren Erkenntnis, daß auch das Denken meines Verstandes im Einklang mit allen Vorgängen in der Welt steht, und so kann ich mit Hilfe meines Verstandes all die großen Gesetze, die das Weltall regieren, erkennen.
Aber die Naturwissenschaft verlangt, daß ich hier stehen bleibe. Für sie haben Körper und Geist ihren Hintergrund in dem Weltall, aber für die Persönlichkeit gibt es keinen solchen Hintergrund. Jedoch unser Gefühl wehrt sich gegen solche Behauptung. Denn wenn diese unsre Persönlichkeit keine ewige Beziehung zur Wahrheit hat, wie alles andre, was für eine Zufallserscheinung ist sie denn? Wozu ist sie denn überhaupt da und wie ist ihr Dasein möglich? Diese Tatsache meiner Persönlichkeit bedarf zu ihrer Stütze der Wahrheit der unendlichen Persönlichkeit. Durch die unmittelbare Wahrnehmung des Ichs in uns sind wir zu der großen Entdeckung gekommen, daß es ein unendliches Ich geben muß.
Dann stellt sich uns die Frage: Wie ist unsre Beziehung zu diesem unendlichen Ich? In seinem innersten Herzen findet der Mensch die Antwort, daß es die engste aller Beziehungen, daß es die Beziehung der Liebe ist.
Es kann keine andere sein, denn es gibt keine vollkommene Beziehung außer der der Liebe.
Die Beziehung zwischen König und Untertan, zwischen Herr und Diener, zwischen dem Gesetzgeber und denen, die dem Gesetz gehorchen, — alle solche Beziehungen sind einseitig und dienen einem besonderen Zwecke. Sie umfassen nicht das ganze Wesen. Aber die Beziehung zwischen dem Einzel-Ich und dem Welt-Ich muß vollkommen sein. Denn nur in der Liebe findet unsere Persönlichkeit vollkommene Befriedigung, und daher muß auch unsre Beziehung zu der unendlichen Persönlichkeit die der Liebe sein. Und so hat der Mensch gelernt zu sagen: „Unser Vater“. Gott ist nicht nur unser König oder unser Herr, er ist unser Vater.
Das heißt, es ist etwas in Ihm, woran wir teilhaben, etwas Gemeinsames zwischen diesem ewigen Ich und dem endlichen kleinen Ich.
Aber man könnte noch fragen, warum wir denn das Wort Vater gebrauchen, das doch eine persönliche Beziehung zwischen menschlichen Wesen ausdrückt? Warum suchen wir nicht nach einem anderen Wort? Ist dies nicht zu klein und begrenzt?
Das Wort Vater schließt in unsrer Sanskritsprache den Begriff Mutter mit ein. Sehr oft gebrauchen wir dies Wort in seiner Dualform Pitarau, das„ Vater und Mutter“ bedeutet. Der Mensch wird in die Arme der Mutter geboren. Wir kommen nicht einfach so auf die Erde, wie der Regen aus der Wolke kommt. Das Große für uns ist, daß wir von Vater und Mutter ins Leben geleitet werden. Es zeigt, daß unsre Beziehung zur Welt von vornherein eine persönliche ist. Und so finden wir auch unsre Beziehung zum Unendlichen. Wir wissen, daß wir aus der Liebe geboren sind, unsre ersten und nächsten Beziehungen sind die der Liebe, und wir fühlen, daß unser Verhältnis zu den Eltern das wahre Symbol ist für unser ewiges Verhältnis zu Gott. Diese Wahrheit müssen wir uns jeden Augenblick gegenwärtig halten. Wir müssen wissen, daß wir auf ewig mit unserm Vater verbunden sind. Dann erheben wir uns über die Nichtigkeit der Dinge, und die ganze Welt bekommt für uns einen Sinn.
Daher ist das erste Gebet, daß wir Gott als Vater erkennen. Du, der du die unendliche Welt von Sternen und Welten schaffst, ich kann dein Wesen nicht erfassen, und doch weiß ich eines ganz gewiß: Du bist Pitā, bist mein Vater.
Das Kindchen weiß noch nicht viel von dem, was die Mutter tut, aber es weiß, daß es seine Mutter ist.