WIR stehen dieser großen Welt Auge in Auge gegenüber, und mannigfach sind unsre Beziehungen zu ihr. Eine derselben ist die Notwendigkeit zu leben: wir müssen den Boden beackern, uns Nahrung suchen, uns kleiden, und zu allem muß uns die Natur den Stoff liefern. Da wir unausgesetzt bemüht sein müssen, unsre Bedürfnisse zu befriedigen, sind wir in beständiger Berührung mit der Natur. So halten Hunger und Durst und all unsre physischen Bedürfnisse die stete Beziehung zu dieser großen Welt aufrecht.
Aber wir haben auch einen Geist, und dieser Geist sucht sich seine eigene Nahrung. Auch er hat seine Bedürfnisse. Er muß den Sinn der Dinge finden. Er steht einer Vielfältigkeit von Tatsachen gegenüber und ist verwirrt, wenn er kein einheitliches Prinzip finden kann, das die Verschiedenartigkeit der Dinge vereinfacht. Der Mensch ist so veranlagt, daß er sich nicht mit Tatsachen begnügen kann, sondern gewisse Gesetze finden muß, die ihm die Last der bloßen Zahl und Menge erleichtern.
Doch es ist noch ein drittes Ich in mir neben dem physischen und geistigen, das seelische Ich. Dies Ich hat seine Neigungen und Abneigungen und sucht etwas, das sein Bedürfnis nach Liebe erfüllt. Dies seelische Ich gehört der Sphäre an, wo wir frei sind von aller Notwendigkeit, wo die Bedürfnisse des Körpers und des Geistes keinen Einfluß haben, wo nach Nutzen oder Zweck nicht gefragt wird. Dies seelische Ich ist das Höchste im Menschen. Es hat seine eigenen persönlichen Beziehungen zu der großen Welt und sucht persönliche Befriedigung in ihr.
Die Welt der Naturwissenschaft ist nicht eine Welt der Wirklichkeit, sondern eine abstrakte Welt der Kräfte. Wir können sie uns mit Hilfe unsres Verstandes zunutze machen, aber wir können sie nicht mit unsrer Seele erfassen. Sie gleicht einer Schar von Handwerkern, die, wenn sie auch Dinge für uns als persönliche Wesen herstellen, doch bloße Schatten für uns sind.
Aber es gibt noch eine andre Welt, die Wirklichkeit für uns hat. Wir sehen sie, wir fühlen sie, wir nehmen mit all unsern Empfindungen an ihr teil. Doch wir können sie nicht erklären und messen, und daher bleibt sie uns ewig geheimnisvoll. Wir können nur in freudigem Erkennen sagen: „Da bist du ja.“
Dies ist die Welt, von der die Naturwissenschaft sich abwendet, und in der die Kunst ihren Sitz hat. Und wenn es uns gelingt, die Frage, was Kunst ist, zu beantworten, so werden wir auch wissen, was für eine Welt es ist, mit der die Kunst so nahe verwandt ist.
Es ist an sich keine wichtige Frage. Denn die Kunst wächst wie das Leben selbst aus eigenem Antrieb, und der Mensch freut sich an ihr, ohne daß er sich genau klar macht, was sie ist. Und wir könnten diese Frage ruhig im Untergrunde des Bewußtseins schlummern lassen, wo alles Lebendige im Dunkel gehegt und genährt wird.
Aber wir leben in einem Zeitalter, wo unsre Welt um und um gekehrt und alles, was auf dem Grunde verborgen lag, an die Oberfläche gezerrt wird. Selbst den Vorgang des Lebens, der ganz unbewußt ist, bringen wir unter das Seziermesser der Wissenschaft, — auf Kosten des Lebens selbst, das wir durch unsre Untersuchung in ein totes Museumsexemplar verwandeln.
Die Frage „Was ist Kunst?“ ist oft aufgeworfen und auf verschiedene Weise beantwortet worden. Solche Erörterungen bringen immer etwas von bewußter Absicht in ein Gebiet hinein, wo sowohl das Schaffen wie das Genießen spontan und nur halb bewußt ist. Sie gehen darauf aus, unser Kunsturteil mit ganz bestimmten Maßstäben zu versehen. Und so hören wir heutzutage Kunstrichter nach selbstgefertigten Regeln ihr vernichtendes Urteil fällen über das, was seit Jahrhunderten als groß und unsterblich anerkannt wurde.
Diese meteorologische Störung in der Sphäre der Kunstkritik, die ihren Ursprung im Abendlande hat, ist auch an unsre Küste nach Bengalen gekommen und trübt unsern klaren Himmel mit Nebel und Wolken. Auch wir haben angefangen, uns zu fragen, ob Schöpfungen der Kunst nicht danach beurteilt werden sollten, entweder wie weit sie geeignet sind allgemein verstanden zu werden, oder was für eine Lebensphilosophie sie enthalten, oder wieviel sie zur Lösung der großen Zeitprobleme beitragen, oder ob sie etwas zum Ausdruck bringen, was dem Geist des Volkes, dem der Dichter angehört, eigentümlich ist. Wenn also die Menschen allen Ernstes dabei sind, für die Kunst Normen und Maßstäbe aufzustellen, die gar nicht zu ihrem Wesen gehören, wenn man sozusagen die Herrlichkeit eines Flusses von dem Gesichtspunkt des Kanals aus beurteilt, können wir die Frage nicht auf sich beruhen lassen, sondern müssen uns in die Debatte einmischen.