Sollten wir zunächst versuchen, den Begriff „Kunst“ zu definieren? Aber wenn man lebendige Dinge zu definieren sucht, so heißt dies im Grunde, daß man sein Gesichtsfeld einengt, um deutlicher sehen zu können. Und Deutlichkeit ist nicht ohne weiteres die einzige oder wichtigste Seite bei der Wahrheit. Die Blendlaterne gibt uns ein deutliches, aber nicht ein vollständiges Bild. Wenn wir ein Rad in Bewegung kennen lernen sollen, so macht es nichts, wenn wir die Speichen nicht zählen können. Wenn es nicht auf die Genauigkeit seiner Form, sondern auf die Schnelligkeit seiner Bewegung ankommt, so müssen wir uns mit einem etwas undeutlichen Bilde des Rades begnügen. Lebendige Dinge sind eng verwachsen mit ihrer Umgebung und ihre Wurzeln reichen oft tief hinab in den Boden. Wir können in unserm Erkenntniseifer die Wurzeln und Zweige eines Baumes abhauen und ihn in einen Holzklotz verwandeln, der sich leichter von Klasse zu Klasse rollen und in einem Lehrbuch darstellen läßt. Aber man kann doch nicht sagen, daß solch ein Holzklotz, weil er nackt und deutlich vor aller Augen liegt, vom Baum als Ganzem ein richtigeres Bild gäbe.
Daher will ich nicht versuchen, den Begriff der Kunst zu definieren, sondern ich will nach dem Grunde ihres Daseins fragen und herauszufinden suchen, ob sie um irgendeines sozialen Zweckes willen da ist, oder um uns ästhetischen Genuß zu verschaffen, oder ob sie entstanden ist aus dem Bedürfnis, unser eigenes Wesen zum Ausdruck zu bringen.
Man hat sich lange um das Wort „L'art pour l'art“ gestritten, das bei einem Teil der abendländischen Kritiker in Mißkredit gekommen ist. Es ist ein Zeichen, daß das asketische Ideal des puritanischen Zeitalters wiederkehrt, wo Genuß als Selbstzweck für sündhaft gehalten wurde. Aber jeder Puritanismus ist eine Reaktion. Er kann die Wahrheit nicht mit unbefangenem Auge und daher nicht in ihrer wahren Gestalt sehen. Wenn der Genuß die unmittelbare Berührung mit dem Leben verliert und in der Welt seiner künstlich und mühsam ausgearbeiteten Konventionen immer wählerischer und phantastischer wird, dann kommt der Ruf nach Entsagung, die das Glück selbst als eine Schlinge des Verderbens von sich weist. Ich will mich nicht auf die Geschichte der modernen Kunst einlassen, ich fühle mich hierzu durchaus nicht kompetent, doch ich kann als allgemeine Wahrheit behaupten: wenn der Mensch seinen Trieb nach Freude zu unterdrücken sucht und ihn in einen bloßen Trieb nach Erkenntnis oder Wohltun umwandelt, so muß der Grund darin liegen, daß seine Freudefähigkeit ihre natürliche Frische und Gesundheit verloren hat.
Die Ästhetiker im alten Indien trugen kein Bedenken zu sagen, daß Freude, selbstlose Freude, die Seele der Dichtkunst sei. Aber das Wort „Freude“ muß richtig verstanden werden. Wenn wir es analysieren, so zeigt uns sein Spektrum eine unendliche Reihe von Streifen, deren Farbe und Intensität je nach den verschiedenen Welten unendlich verschieden ist. Die Welt der Kunst enthält Elemente, die ganz offenbar nur ihr angehören und Strahlen aussenden, die ihre besondere Leuchtkraft und Eigentümlichkeit haben. Es ist unsre Pflicht, sie zu unterscheiden und ihrem Ursprung und Wachstum nachzugehen.
Der wichtigste Unterschied zwischen dem Tier und dem Menschen ist der, daß das Tier fast ganz in den Schranken seiner Bedürfnisse eingeschlossen ist, da der größte Teil seiner Tätigkeit zur Selbsterhaltung und zur Erhaltung der Gattung nötig ist. Es hat, wie der Kleinhändler, keinen großen Gewinn auf dem Markt des Lebens, sondern die Hauptmasse seiner Einnahme muß als Zins auf die Bank gezahlt werden. Es braucht den größten Teil seiner Mittel nur, um sein Dasein zu fristen. Aber der Mensch ist auf dem Markte des Lebens ein Großkaufmann. Er verdient sehr viel mehr, als er unbedingt ausgeben muß. Daher hat das Leben des Menschen ein ungeheures Übermaß von Reichtum, das ihm die Freiheit gibt, Verantwortung und Nutzen in weitem Maße außer acht zu lassen. An den Bereich seiner Bedürfnisse schließen sich noch weite Gebiete, deren Gegenstände ihm Selbstzweck sind.
Die Tiere brauchen bestimmte Kenntnisse, die sie für ihre Lebenszwecke anwenden müssen. Aber damit begnügen sie sich auch. Sie müssen ihre Umgebung kennen, um Obdach und Nahrung finden zu können, sie müssen die Eigentümlichkeiten bestimmter Dinge kennen, um sich Wohnungen bauen zu können, die Anzeichen der verschiedenen Jahreszeiten, um sich dem Wechsel anpassen zu können. Auch der Mensch braucht bestimmte Kenntnisse, um leben zu können. Aber der Mensch hat einen Überschuß, von dem er stolz behaupten kann: das Wissen ist um des Wissens willen da. Dies Wissen gewährt ihm reine Freude, denn es ist Freiheit. Dieser Überschuß ist der Fonds, von dem seine Wissenschaft und Philosophie lebt.
Wiederum hat auch das Tier ein gewisses Maß von Altruismus: den Altruismus der Elternschaft, den Altruismus der Herde und des Bienenstocks. Dieser Altruismus ist unbedingt nötig zur Erhaltung der Gattung. Aber der Mensch hat mehr. Zwar muß auch er gut sein, weil es für die Gattung nötig ist, aber er geht weit darüber hinaus. Seine Güte ist nicht eine magere Kost, die nur gerade genügt, um sein sittliches Dasein kümmerlich zu fristen. Er kann mit vollem Recht sagen, daß er das Gute um des Guten willen tut. Und auf diesem Reichtum an Güte, — die die Ehrlichkeit nicht darum schätzt, weil sie die beste Politik ist, sondern weil sie mehr wert ist als Politik und es sich leisten kann, aller Politik Trotz zu bieten — auf diesen Reichtum an Güte gründet sich die Sittlichkeit des Menschen.
Auch die Idee „L'art pour l'art“ hat ihren Ursprung in dieser Region des Überflusses. Wir wollen daher versuchen festzustellen, welche Tätigkeit es ist, aus deren Überschuß die Kunst entsprießt.
Für den Menschen wie für die Tiere ist es ein Bedürfnis, ihre Gefühle der Lust und Unlust, der Furcht, des Zorns und der Liebe zum Ausdruck zu bringen. Bei den Tieren gehen diese Gefühlsausdrücke wenig über die Grenzen der Nützlichkeit hinaus. Aber wenn sie auch beim Menschen noch in ihrem ursprünglichen Zweck ihre Wurzel haben, so sind sie doch aus ihrem Boden hoch in die Luft emporgewachsen und breiten ihre Zweige nach allen Richtungen weit in den unendlichen Himmel. Der Mensch hat einen Vorrat an Gefühlskraft, den er für seine Selbsterhaltung nicht verbraucht. Dieser Überschuß sucht seinen Ausfluß in der Kunstschöpfung, denn die Kultur des Menschen baut sich auf seinem Überfluß auf.
Der Krieger begnügt sich nicht mit dem Kampf, zu dem ihn die Notwendigkeit zwingt, er hat auch das Bedürfnis, seinem gesteigerten Kriegerbewußtsein durch Musik und Schmuck Ausdruck zu geben, was nicht nur nicht notwendig, sondern unter Umständen geradezu selbstmörderisch ist. Ein Mensch von starker Religiosität verehrt seine Gottheit nicht nur mit aller Andacht, sondern sein religiöses Gefühl verlangt nach Ausdruck in der Pracht des Tempels und in dem reichen Zeremoniell des Gottesdienstes. Wenn in unserm Herzen ein Gefühl erregt wird, das weit hinausgeht über das, was der Gegenstand, der es hervorbrachte, in sich aufnehmen kann, so schlagen seine Wogen wieder auf uns zurück und erwecken unser Bewußtsein von uns selbst. Wenn wir arm sind, ist unsre ganze Aufmerksamkeit nach außen gerichtet, auf die Gegenstände, die wir zur Stillung unsres Bedürfnisses erwerben müssen. Aber wenn unser Reichtum weit größer ist als unsre Bedürfnisse, so fällt sein Licht auf uns zurück, und wir haben das frohlockende Gefühl, daß wir reich sind. Daher kommt es, daß von allen Geschöpfen nur der Mensch sich selbst kennt, weil sein Erkenntnistrieb sich draußen nicht ausgibt und so zu ihm selbst zurückkehrt. Er fühlt seine Persönlichkeit intensiver als andere Geschöpfe, weil seine Fähigkeit zu fühlen durch die Gegenstände außer ihm nicht erschöpft wird. Dies Bewußtsein seiner Persönlichkeit will sich zum Ausdruck bringen. Daher offenbart der Mensch in der Kunst sich selbst und nicht die Gegenstände. Diese haben ihren Platz in wissenschaftlichen Lehrbüchern, wo er selbst sich ganz verbergen muß.