Dies Gebet ist nämlich verschiedenen Stellen unserer ältesten Schriften, der Veden, entnommen. Es steht nirgends im Zusammenhange. Aber mein Vater, der sein Leben dem Dienste Gottes weihte, sammelte diese Worte aus dem unerschöpflichen Schatzhaus unsterblicher Weisheit, den Veden und Upanischaden.

Der nächste Vers lautet:

Mā mā hiṃsi. Triff mich nicht mit dem Tode.

Wir müssen uns genau den Sinn dieses Gebetes klar machen. Ich sagte, daß der erste Vers lautete: „Du bist mein Vater.“ Dies ist der Anfang und das Ende aller Wahrheit. In sie müssen wir ganz hineingeboren werden, wenn unser Leben seine Erfüllung finden soll.

Doch wenn es auch wahr ist, daß wir mit unserm Vater in alle Ewigkeit verbunden sind, so ist doch eine Schranke da, die uns hindert, diese Wahrheit ganz zu erfassen und dies ist die größte Quelle unsrer Leiden. Die Tiere haben auch ihre Schmerzen, sie leiden durch die Angriffe von Feinden und durch physische Unvollkommenheit, und dies Leiden spornt sie noch mehr an, nach Befriedigung ihrer natürlichen Lebensbedürfnisse zu streben und gegen Hindernisse anzukämpfen. Dies Streben und Kämpfen an sich ist Freude. Und wir können sicher sein, daß sie in Wahrheit ihr Leben genießen, weil durch jenen Ansporn ihre ganze Lebensenergie geweckt wird. Sonst würde ihr Leben wie das der Pflanzenwelt sein. Das Leben braucht zu seiner Erfüllung Hemmnisse, um im beständigen Kampf gegen diese materiellen Widerstände sich seiner eigenen Überlegenheit und Würde bewußt zu werden. Aber all diese Hemmnisse werden von den Tieren als Schmerz empfunden.

Allein der Mensch hat noch eine tiefere Leidensquelle. Auch er muß seinen Lebensunterhalt suchen und sich gegen all die Feindseligkeiten der Natur und der Menschen behaupten. Aber das ist nicht alles. Das Wunder ist, daß der Mensch, der in derselben Welt geboren ist, wie die Tiere, der dieselben Lebensprobleme zu lösen hat wie sie, noch etwas anderes hat, um das er kämpft und sorgt, obgleich er es nie ganz zu erfassen vermag. Nur in flüchtigen Augenblicken spürt er seine unmittelbare Berührung, und mitten im Genuß seines Reichtums, in Luxus und äußerem Behagen, umgeben von allen Schätzen dieser Welt fühlt der Mensch doch immer, daß diese Dinge ihm nicht genügen, und aus der Tiefe seines Herzens ringt sich das Gebet, das er nicht an die Naturkräfte der Erde richtet, an Luft oder Feuer, sondern an ein Wesen, das er nur dunkel ahnt — das Gebet: „Rette mich, triff mich nicht mit dem Tode!“

Wir meinen damit nicht physischen Tod, denn wir alle wissen, daß wir sterben müssen. Der Mensch fühlt instinktiv, daß dies Leben nicht sein endgültiges Leben ist, daß er nach einem höheren Leben trachten muß. Und dann ruft er zu Gott: „Laß mich nicht in diesem Tal des Todes. Hier findet meine Seele keine Befriedigung. Ich esse und schlafe, und finde doch weder Sättigung noch Ruhe. Ich darbe mitten in all diesem Reichtum.“ Wie das Kind nach der Nahrung schreit, die aus dem eigenen Leben der Mutter quillt, so schreit unsre Seele nach der ewigen Mutter: „Errette mich vom Tode, gib mir Leben von deinem Leben. Ich darbe! Hier finde ich keine Nahrung, und der Tod breitet schon seine Schwingen über mich. Errette mich!“

Vī́śvāni deva savitar duritā́ni párā suva! [[18]]

O Gott, mein Vater, nimm diese Welt von Sünden von mir! Wenn dies Selbst alles für sich zu gewinnen sucht, dann stößt es sich beständig wund. Denn das Leben der engen Selbstsucht ist gegen seine wahre Natur; sein wahres Leben ist ein Leben der Freiheit, und daher verletzt es unaufhörlich seine Flügel an den Käfigwänden. Das Selbst kann in solchem Gefängnis kein Genüge und keinen Sinn finden. Es ruft aus: „Ich gelange nicht zu meiner Erfüllung!“ Es schlägt gegen die Stäbe des Käfigs, und seine Schmerzen sagen uns, daß nicht das Leben des Ichs, sondern das weitere Leben der Seele sein wahres Leben ist. Dann rufen wir: „Zerbrich dies Gefängnis, ich sage mich los von diesem Ich. Zerbrich alle seine Sünden, all sein selbstsüchtiges Wünschen und Trachten, und nimm mich als dein Kind an, — dein Kind, nicht das Kind dieser Welt des Todes.“