Die Energien des Menschen, die in zwei getrennten Bahnen, der des Nutzens und der der Selbstoffenbarung, nebeneinander herlaufen, haben immer das Bestreben, sich zu treffen und zu vereinen. Um unsre Gebrauchsgegenstände lagert sich nach und nach eine ganze Schicht von Gefühlen, die die Kunst einladen, sie zu offenbaren. Und so tut sich im verzierten Schwert des Kriegers sein Stolz und seine Liebe kund, und im prunkenden Weinkelch die Kameradschaftlichkeit festlicher Gelage.

In der Regel zeichnet sich das Bureau des Rechtsanwalts nicht gerade durch Schönheit aus, und das ist begreiflich. Aber in einer Stadt, wo die Menschen stolz sind auf ihr Bürgertum, müssen die öffentlichen Gebäude durch ihre Bauart diesen Stolz zum Ausdruck bringen. Als der Sitz der britischen Regierung von Kalkutta nach Delhi verlegt und dies die Hauptstadt wurde, beratschlagte man über den Baustil, den die neuen Gebäude haben sollten. Einige waren für den indischen Stil der Mongolenzeit — den Stil, der aus der Vereinigung des mongolischen und des indischen Geistes entsprungen war. Man übersah dabei die Tatsache, daß jede echte Kunst ihren Ursprung im Gefühl hat. Sowohl das mongolische Delhi wie das mongolische Agra bringen in ihren Bauten menschliche Persönlichkeit zum Ausdruck. Die Mongolenkaiser waren Menschen, nicht bloße Verwaltungsbeamte. Sie lebten und starben, liebten und kämpften in Indien. Das Andenken an ihre Herrschaft lebt nicht in Trümmern von Fabriken und Amtsgebäuden, sondern in unsterblichen Werken der Kunst, nicht nur der Baukunst, sondern auch der Malerei, der Musik, des Kunsthandwerks in Stein und Metall und der Webekunst. Aber die britische Regierung in Indien hat nichts Persönliches. Sie ist amtlich und daher abstrakt. Sie hat nichts in der wahren Sprache der Kunst auszudrücken. Denn Gesetz, mechanische Tüchtigkeit und Ausbeutung gestaltet sich nicht zu steinernen Heldengedichten. Lord Lytton [[1]] , der zu seinem Unglück mit mehr Phantasie ausgestattet war als ein indischer Vizekönig braucht, versuchte eine der mongolischen Staatsfeierlichkeiten, die Durbar [[2]] -Zeremonie, nachzumachen. Aber solche Staatsfeierlichkeiten sind Kunstwerke. Sie haben ihren natürlichen Ursprung in der wechselseitigen persönlichen Beziehung zwischen dem Volk und seinem Monarchen. Wenn sie nachgemacht werden, tragen sie alle Anzeichen der Unechtheit.

Wie sich Zweckmäßigkeit und Gefühl in verschiedenen Formen zum Ausdruck bringen, sehen wir, wenn wir die Kleidung des Mannes mit der der Frau vergleichen. Der Mann vermeidet im allgemeinen alles Überflüssige, was nur als Schmuck dient. Die Frau dagegen wählt von Natur das Dekorative, nicht nur in ihrer Kleidung, sondern auch in ihrem Benehmen und in ihrer ganzen Lebensart. Sie muß schön und harmonisch sein, um das zu offenbaren, was sie in Wahrheit ist, denn sie ist durch die Aufgabe, die sie in dieser Welt hat, konkreter und persönlicher als der Mann. Sie will nicht nach ihrem Nutzen gewertet werden, sondern nach der Freude, die sie gibt. Daher ist sie immer darauf bedacht, nicht ihren Beruf, sondern ihre Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen.

Da nun der Ausdruck der Persönlichkeit und nicht der irgendeiner abstrakten oder analysierbaren Sache auch das Hauptziel der Kunst ist, so bedient sie sich mit Notwendigkeit der Sprache der Malerei und Musik. Dies hat uns zu der falschen Annahme geführt, daß die Hervorbringung von Schönheit das Ziel der Kunst sei. Doch die Schönheit ist für die Kunst nichts weiter als ein Mittel, sie ist nicht ihr ganzer und letzter Sinn.

Infolgedessen hat man oft die Frage erörtert, ob nicht die Form mehr als der Stoff das wesentliche Element der Kunst sei. Mit solchen Erörterungen kommt man ebensowenig zum Ziel, als wollte man ein bodenloses Faß mit Wasser füllen. Denn man geht dabei von der Vorstellung aus, daß die Schönheit das letzte Ziel der Kunst sei, und da der Stoff an sich nicht die Eigenschaft der Schönheit haben kann, fragt man sich, ob nicht die Form der wesentliche Faktor der Kunst sei.

Aber auf dem Wege der Analyse werden wir das wahre Wesen der Kunst nie entdecken. Denn das wahre Prinzip der Kunst ist das Prinzip der Einheit. Wenn wir den Nährwert gewisser Speisen wissen wollen, so müssen wir die Bestandteile, aus denen sie sich zusammensetzen, untersuchen; aber ihr Geschmackswert besteht in ihrer Einheit und läßt sich nicht analysieren. Sowohl Stoff wie Form sind Abstraktionen, die wir vornehmen; der Stoff für sich genommen fällt der naturwissenschaftlichen Betrachtung zu, die Form als solche fällt unter die Gesetze der Ästhetik. Aber wenn sie unlösbar eins sind, finden sie die Gesetze ihrer Harmonie in unsrer Persönlichkeit, die ein organischer Komplex von Stoff und Form, Gedanken und Dingen, Motiven und Handlungen ist.

Daher sehen wir, daß alle abstrakten Ideen in der wahren Kunst nicht am Platze sind; um Zutritt zu gewinnen, müssen sie persönliche Gestalt annehmen. So kommt es, daß die Dichtkunst Worte zu wählen sucht, die voll von Leben sind, Worte, die nicht nur der bloßen Mitteilung dienen und durch beständigen Gebrauch abgegriffen sind, sondern in unserm Herzen Heimatrecht haben. Zum Beispiel ist das deutsche Wort „Bewußtsein“ noch nicht aus seinem scholastischen Verpuppungszustand zum Schmetterlingsdasein vorgedrungen, daher kommt es in der Poesie selten vor, während das ihm entsprechende indische Wort cetana lebendige Kraft hat und in der Dichtkunst ganz heimisch ist. Dagegen ist das deutsche Wort „Gefühl“ von Leben durchblutet, aber das bengalische anubhūti findet in der Dichtung keinen Zutritt, weil es nur Sinn, aber keinen Duft hat. Und so gibt es auch naturwissenschaftliche und philosophische Wahrheiten, die Farbe und Geschmack des Lebens gewonnen haben, und andere, die abstrakt und unpersönlich geblieben sind. Solange sie dies sind, müssen sie wie ungekochte Gemüse beim Festmahl der Kunst draußen bleiben. Solange die Geschichte sich die Naturwissenschaft zum Vorbild nimmt und sich in Abstraktionen bewegt, bleibt sie außerhalb der Domäne der Literatur. Aber wenn sie Begebenheiten darstellt, stellt sie sich dem Epos an die Seite. Denn die Darstellung von Begebenheiten bringt uns die Zeit, in der sie sich zutrugen, persönlich nahe. Durch sie wird jene Zeit für uns lebendig; wir fühlen ihren Herzschlag.

Die Welt und des Menschen Persönlichkeit stehen sich Antlitz in Antlitz gegenüber wie Freunde, die ihre innersten Geheimnisse austauschen. Die Welt fragt den innern Menschen: „Freund, siehst du mich? liebst du mich? — nicht als einen, der dir Nahrung und Genuß verschafft, nicht als einen, dessen Gesetze du entdeckt hast, sondern als persönliches Wesen?“

Der Künstler antwortet: „Ja, ich sehe dich, ich kenne und liebe dich, — nicht weil ich deiner bedarf, nicht weil ich deine Gesetze zu meinen eigenen Machtzwecken brauchen will. Ich kenne die Kräfte, die in dir wirken und treiben und die zu Macht führen, aber das ist es nicht. Ich sehe und liebe dich da, wo du mir gleich bist.“