Aber wie können wir wissen, daß der Künstler dieses Welt-Ich erkannt und von Angesicht zu Angesicht geschaut hat?

Wenn wir jemand zum erstenmal begegnen, der noch nicht unser Freund ist, so bemerken wir zahllose unwesentliche Züge, die beim ersten Blick unsre Aufmerksamkeit anziehen; und in dem Gewirr der verschiedenen Einzelheiten verlieren wir den, der unser Freund werden sollte.

Als unser Schiff an der japanischen Küste landete, befand sich unter den Passagieren ein Japaner, der von Rangoon in die Heimat zurückkehrte, während wir andern zum erstenmal in unserm Leben diese Küste betraten. Es war ein großer Unterschied in der Art, wie wir Ausschau hielten. Wir sahen jede kleine Besonderheit, und unzählige bedeutungslose Dinge zogen unsre Aufmerksamkeit an. Aber der Japaner tauchte sogleich in die Persönlichkeit, in die Seele des Landes ein, wo seine eigene Seele Befriedigung fand. Er sah weniger Dinge als wir, aber was er sah, war die Seele Japans. Zu ihr konnte man nicht gelangen, indem man eine möglichst große Masse von Einzelheiten ins Auge faßte, sondern durch etwas Unsichtbares, das tiefer lag. Weil wir all jene unzähligen Dinge sahen, sahen wir Japan nicht besser als er, im Gegenteil, die Dinge verbauten uns das eigentliche Japan.

Wenn wir jemand, der nicht Künstler ist, bitten, irgendeinen besonderen Baum zu zeichnen, so versucht er, jede Einzelheit genau wiederzugeben, aus Furcht, die Eigentümlichkeit könne sonst verloren gehen; er vergißt, daß die Eigentümlichkeit des Baumes nicht seine Persönlichkeit ist. Doch wenn der wahre Künstler kommt, so kümmert er sich nicht um die Einzelheiten und geht auf das, was wesentlich und charakteristisch für den Baum ist.

Auch unser Verstand sucht für die Vielheit der Dinge ein inneres, einheitliches Prinzip; er sucht sich von den Einzelheiten zu befreien und in den Kern der Dinge einzudringen, wo sie eins sind. Aber der Unterschied ist der: der Naturwissenschaftler sucht ein unpersönliches Einheitsprinzip, das sich auf alle Dinge anwenden läßt. Er zerstört zum Beispiel den menschlichen Leib, der etwas Individuelles ist, um der Physiologie willen, die unpersönlich und allgemein ist.

Aber der Künstler erkennt das Eigenartige, das Individuelle, das im Kern des Universalen ist. Wenn er den Baum ansieht, so sieht er im Baum das Einzigartige, nicht das allgemein Typische wie der Botaniker, der alles in Klassen einteilt. Es ist die Aufgabe des Künstlers, die Eigenart dieses einen Baumes darzustellen. Wie macht er das? Nicht indem er die besondere Eigentümlichkeit aufweist, die der Mißklang der Eigenart ist, sondern die Seele, die Persönlichkeit des Baumes, die Harmonie ist. Daher muß er den Zusammenklang dieses einen Dinges mit allen Dingen ringsum zum Ausdruck bringen.

Die Größe und Schönheit der orientalischen, besonders der japanischen und chinesischen Kunst besteht darin, daß die Künstler diese Seele der Dinge erkannt haben und an sie glauben. Das Abendland glaubt wohl an die Seele des Menschen, aber es glaubt nicht wirklich, daß das Weltall eine Seele hat. Doch dies ist der Glaube des Morgenlandes, und alles, was der Osten der Menschheit an geistigem Gut gebracht hat, ist von dieser Idee erfüllt. Daher haben wir Bewohner des Ostens nicht das Bedürfnis, auf Einzelheiten Nachdruck zu legen, denn das Wesentliche ist für uns die Weltseele, über die unsre Weisen nachgesonnen und die unsre Künstler zum Ausdruck gebracht haben.

Weil wir im Osten den Glauben an diese Weltseele haben, wissen wir, daß Wahrheit, Macht und Schönheit da zu finden sind, wo Schlichtheit ist, wo der innere Blick nicht durch Außendinge gehemmt wird. Daher haben all unsre Weisen versucht, ihr Leben einfach und rein zu gestalten, weil sie so in einer Wahrheit leben, die, wenn auch unsichtbar, doch wirklicher ist als das, was durch Umfang und Zahl sich aufdrängt.

Wenn wir sagen, daß die Kunst es nur mit persönlichen Wahrheiten zu tun hat, so wollen wir damit nicht die philosophischen Ideen ausschließen, die scheinbar abstrakt sind. Sie sind ganz heimisch in unsrer indischen Dichtung, da sie mit allen Fasern unsres persönlichen Wesens verbunden sind. Ich möchte hier ein Beispiel zur Erklärung geben. Das Folgende ist die Übersetzung eines indischen Liedes, das eine Dichterin des Mittelalters gedichtet hat und das das Leben besingt.

Ich grüße das Leben, das wie das keimende Saatkorn
Mit dem einen Arm hinauf in das Licht, mit dem andern hinab in das Dunkel greift;
Das Leben, das eins ist in seiner äußern Form und in seinem innern Saft;
Das Leben, das immer wieder emportaucht und immer wieder entschwindet.
Ich grüße das Leben, das kommt, und das Leben, das scheidet;
Ich grüße das Leben, das sich offenbart, und das in Verborgenheit schlummert;
Ich grüße das Leben, das wie der Berg in reglosem Schweigen gebannt ist,
Und das Leben, das wie ein Feuermeer auftobt;
Das Leben, das zart ist wie ein Lotus, und das Leben, das hart ist wie Donnerkeil.
Ich grüße das Leben des Geistes, um das Licht und Dunkel sich streiten.
Ich grüße das Leben, das seine Heimstatt gefunden, und das Leben, das draußen in der Fremde irrt;
Das Leben, das freudejauchzend dahintanzt, und das Leben, das leidmüde seine Straße schleicht;
Das ewig schaukelnde Leben, das die Welt zur Ruhe wiegt,
Das tiefe, stille Leben, das hervorbricht in brausenden Wogen.