Kommt doch heran, ihr Berge, und stützt ihn, daß er nicht einfalle! Und recken sich nirgends ein paar Fichten in die Wolken?
Ach nein, Jürgen Traumelin. Der Wald hier ist nicht dein Heimatwald. Es ist kein dunkelgrünes Hangauf und Hangab und kein fröhliches Weiterwellen Berg an Berg. Jedes Berglein hier ist abgemessen, steigt an, fällt ab und hört auf. Und an jedem Wald kannst du die Grenzpfähle stecken sehen. Es gibt kein Träumen in meilenlangem Fichtenduster. Der Buchenwald ist kahl und nicht für Traumelins geschaffen. Kein traulicher Waldwinkel lädt dich zu Gast. Und findest kein verschlafenes Flecklein Weltferne, kein Erlenbruch, in dem die Spechte hacken, keinen Rauschebach und keinen Bergquell.
Er wollte ein Stück Heimat suchen und suchte vergebens. Eine Scholle Erde nur, auf der er sich heimisch fühlen, die er liebkosen könnte und mit den Händen streicheln und der er hätte sagen können: Du bist wie meine Heimat! Du bist geheiligtes Land.
Es ward ihm keines beschert.
Heimatlos und doch unendlich heimathungrig irrte seine Seele durch Wolken und Weiten, ihre Ruhestatt zu finden daheim. Träume wurden Zauberinnen. Im Sonnengold der Erinnerung wandelte sich die ferne Harzheimat zum Zaubergarten, über dem strahlend der Maientag der Berge leuchtete. Und Wiese und Wald darin waren voll Sirenengesang. Jedes Fichtenrauschen ward ein Locken: Kehr wieder, Bergbube!
Komm doch! zwitscherten die Vögel. Und die Bergblumen nickten: Kehr um!
Wir warten auf dich! plätscherten die Bäche. O, fühlst du nicht, wie wir auf dich warten!
Tausend Bilder stürmten in des Heimwehkranken Seele, süß, betörend, verführerisch. Und blieb doch keine Frohheit in ihr zurück. Furchtbare Dämonen krallten sich in sie hinein, zogen, zerrten, rissen. Blutsauger waren sie und verführerische Gaukler. Sie spielten mit dem Bergjungenherzen ein grausames Spiel, wirbelten das verzagte Ding in goldene Himmel und ließen es abstürzen in Höllenschlünde.
In einsamen Stunden flüchtete der Knabe auf seine Kammer. Ach, einmal nur hinschauen in die Richtung, wo die Heimat liegt. Drüben muß es sein. Wenn doch nur ein einziges blaues Berglein hersähe! Aber eine schwarze Wolke lag vor dem Paradies. Und so war es Traumelins Schicksal, den bitteren Kelch Heimweh auszutrinken bis auf die Neige. Sein Leben war Qual. Jeder Heimatgedanke riß eine Wunde durch sein Herz.
An einem grauen Tag saß Jürgen Traumelin auf seinem Bettrand wie so oft. Seine Augen verloren sich in der Ferne. Heimliche Glocken läuteten irgendwo. Die Stimmen der Heimat lockten und sangen. Sie hatten ihre bestrickendsten Saiten aufgespannt. Da geschah das Wunder, daß dies Singen ihm nicht zum Schmerz wurde, sondern daß es heimlich in ihm mitzusingen begann. Die schwarze Wolke auf seinem Gemüt war ein wenig zur Seite gerutscht. Irgendwo lachte ein Sonnenstrählchen. Es war, als ob nach langer Zeit ein Glück leise ans Herz zu tippen wagte. Und als Traumelin die Treppe hinabstieg, flüsterte es über seine Lippen: Ich komme! Und es begab sich, daß zu dieser Stunde das Knäuel im Halse hinabzugleiten begann.