Harzheimat

Alles Gute, Schöne, Heilige umschließt mir dein Name, du liebe Harzheimat im Wiesengrund! Wenn ich dich nenne, tue ich es mit der Ehrfurcht, mit der man eine Mutter nennt: Denn ich bin dein Kind. Was das Leben aus mir schuf, ist deinem Schoße entsprossen. Aller guten Kräfte Urquell ist die Heimat. Wenn mein Schaffen sich mit dir verknüpft, nenne es Liebe, nenne es Dank.

Ich bin dein Kind geblieben, du Bergstädtlein im Grünen, und will nichts anderes sein. Dein Kind wie einst, das mit großen Augen die Wunder deiner Wälder in die Seele trank und dem du dich ins Herz grubst so tief und fest, daß ein ewiges Heimweh in ihm brennen blieb. – Als ich Jüngling war, war dies Heimweh ein schmerzvolles Zerren. Dem Manne ist es stilles Feiertagsgeläut, das aus einem fernen verlorenen Paradiese herüberschwingt. Bergblumen blühen dort, und Waldvögel singen. Auf grüne Wiesen schauen blaue Berge herab. Und über allem ist ein weiches Zusammenklingen von Fichtenrauschen und Bachgeplätscher. Das bist du, Paradiesgarten meiner Jugend, Harzheimat!

Als ich noch Bubenhosen trug, lagst du ein wenig hinterm Berge. Als wenn die Zeit in dir ihren Schritt verhalten hätte. Im Zwiebelturm der Kirche tackte noch das gleiche Uhrwerk, das schon in den Tagen von Richter und Rat die Stunden schlug. Und an dem verwitterten Zifferblatt drehte sich immer noch der eine Zeiger, mit dem sich nur die Alten zurechtfanden. Die Zeit weiß ich freilich nicht mehr, in der nur Saumpfade und grundtiefe Waldwege von draußen her zu dir führten, auf denen Eseltreiber das Brotkorn vom Lande heraufbrachten. Diese alte Zeit war dahin. Als der letzte jener Zunft gehörige Esel das Mißgeschick hatte, an einem Dämmerabend für einen Hirsch gehalten und von einem Wilddieb jämmerlich zuschanden geschossen zu werden, war längst eine neue angebrochen. Aber hinterm Berge lagst du immer noch. Ach, wärest du dort geblieben, Harzheimat!

Das Hinterwäldlertum stand gut zu deinem Gesicht. Ein rechtes Bergmädel bist du gewesen, das zwischen Wiese und Wald aufgewachsen war und in stillen Augen stille Träume spann. Das laute Leben jenseits der Berge paßte nicht in deinen Frieden hinein. Du trugst kein Verlangen nach ihm. Die Leute in dir fanden ihr Genüge darin, zweimal in der Woche durch den Briefträger Nachricht von draußen zu erhalten oder im Wochenblättchen vom großen und kleinen Geschehen in der Welt zu lesen. Und wenn Handwerksburschen oder Wandersleute Neuigkeiten mitbrachten und Säcke voll Lügen, war das alles Evangelium für dich.

Dann wurdest du größer und aufgeklärter und tastetest hinaus in die Fremde. Ein Postillon blies lustige Weisen. Ich kenne ihre Melodie noch:

Hab’ dir was mitgebracht,

Hab’ dir was mitgebracht,

Sollst du mal sehn …