Der Jagder gehörte nicht zu den Rabiaten. Er suchte im Guten mit ihnen auszukommen. Die Leute sagen, es sei sogar ein recht gemütliches Verhältnis zwischen ihm und den Förstern gewesen. Dennoch soll man sein Schicksal nicht herausfordern. So hielt es der Jagder als für das Klügste, im Revier weder Berufenen noch Unberufenen unter die Augen zu kommen. Wenn auf irgendeinem Waldwege, in irgendeiner Schneise das allerletzte Restlein eines Tabakwölkchens hängen geblieben war, stieg ihm ein unbehaglicher Verdacht in die Nase. Er wurde mißtrauisch wie der Fuchs, dem auf verbotenen Raubzügen die Witterung eines Menschen in den Windfang weht und der nun seine Vorsicht verdoppelt.

Es wäre schade um den schönen Vorderlader! Sie haben ihn so manches Mal vergeblich gesucht …

War es nicht genug, daß sie ihm daheim so und so oft in die Kochtöpfe geguckt, Boden und Keller durchsucht und manche Spießerkeule mit fortgenommen haben? Wenn sie an seinem Häusel vorbeigingen, schnupperten sie, obs im niederwehenden Schornsteinrauch nicht nach Wilpertbraten duftete. Es war ein ewiges Mißtrauen zwischen ihnen. Und so konnten sie sich trotz aller Freundschaft eigentlich gegenseitig nicht gut riechen, der Jagder und die Grünen.

Als sie es ihm zu bunt machten, vergrub er das Pökelfaß mit dem gesalzenen Wildfleisch säuberlich unter dem Moos eines Dickichts draußen im Walde. So fanden sie nichts mehr bei ihm. Aber das Pulver blieb trocken. Der Stutzen rostete nicht.

Er prahlte nicht mit seiner Passion. Er machte auch keinen Hehl daraus. Sein Sonntagsstaat und Stolz war eine grüne Jägerjoppe mit Hirschhornknöpfen und der Schützenhut mit dem Birkhahnspiel hintendrauf. Es lebe, was auf Erden stolziert in grüner Tracht …

Die Fensterläden seines Hauses, das sie im Bergstädtchen heute noch das Jagderhaus heißen, waren mit bunten Jagdbildern bemalt. Wenn ich als Junge am Jagderhaus vorüber mußte, waren diese Bilder mein ganzes Entzücken. Ich kenne sie alle noch: Den Schützen mit Bergmannskittel und Schachthut, der einen schwarzen Bart hatte wie der Jagder selbst, den Schweißhund, den flüchtenden Zwölfer (ha, der Stolz!), den Auerhahn. Jeder Fensterladen hatte sein Bild, und eins war immer schöner als das andere. Die Leute sagen, der Jagder habe die Grünen damit ärgern wollen. Ich glaubs aber nicht. Der eine freut sich an einem roten Schlips, der andere an einem armseligen Öldruck. Warum soll der Jagder nicht seine Freude an seinen Fensterläden gehabt haben? Sie waren sogar ein Stückchen Kunst, und ihr Ursprung war eine Liebe. (Wenns auch eine verbotene war.)

Nun haben sie ihn lange begraben. Sie betten die Toten so, daß ihr Antlitz gegen Morgen gewendet ist. Von dorther grüßt den toten Jagder der Bergforst aus blauer Höhe. Es war sein liebstes Revier. Nichts Schöneres hätte er sich wünschen können, als den ewigen Schlaf zu schlafen im Angesicht dieser trotzigen Urwelt, der sein Herz gehörte.

Auf dem Hai, das just über die Wälder der Vorberge herschaut, starb sein Enkel den Wilderertod.