Der Jagder

Lasterhafte Zungen reden ihm nach, er habe die Namen seiner dreizehn Kinder nicht gewußt. Aber er wußte, daß sie alle einen gottgesegneten Hunger hatten. Und noch besser wußte er, daß es ein Kunststück war, mit einem Bergmannstaglohn dreizehn hungrige Mäulchen sattzukriegen. Bei Kartoffeln und Salz und trockenem Brot werden die Wangen schmal.

Es müßte dem Jagder kein Herz unter dem Kamisol geschlagen haben, wenn er nicht in sechsundzwanzig Kinderaugen den Hunger hätte flackern sehen. Aber er sah es gut genug. Und wenn er deshalb zu Zeiten seinen alten Vorderlader unter dem Heu hervorsuchte, Pulverhorn und Zündhütchen in den Brotbeutel steckte und auf verschwiegenen Pfaden in den Bergwald stieg, wars nicht die Jagdleidenschaft allein, die ihn hinaustrieb. Hunger tut weh.

Es gehen im Bergstädtchen viele Geschichten um vom Jagder. Es hat sich um ihn ein krauser Kranz von Wahrheit und Dichtung und voll abenteuerlicher Romantik gewunden. Aber eins wissen alle Histörchen zu berichten: Daß er seinen Schild, wenn es auch ein unrechtmäßig geführter war, rein hielt. Er war keiner von jenen Aasjägern, die mit gehacktem Blei das Alttier vom Kalbe wegschossen und mit Wilpertfleisch Wucher und Schacher trieben. Er hätte auch den Finger nicht krumm gekriegt, wenn ihm ein hochbeschlagenes Muttertier vor die Flinte gekommen wäre. Denn er nahm neben Pulver und Blei sein Herz mit in den Bergwald.

Er wußte jeden Wechsel im Revier. Kein Rudel war ihm fremd. Und knurrte der Magen zu sehr oder puckerte das Blut zu arg: er ging selten auf vergebliche Pürschen. Sein Vorderlader war von grausam großem Kaliber. Wenn er Dampf machte, ging ein Donnern über die Berge. Und wenn seine Bleikugel saß, saß sie gut und erlöste ihr Opfer rasch. Oder sie verprallte an irgendeiner Klippe, klatschte in irgendeine Fichte und tat keiner Kreatur ein Leid.

Der Wald war des Jagders Kirche und Fleischkammer.

Wenn Sonntags die Glocken läuteten, erreichte ihn ihr Klingen sicher irgendwo auf Bergeshöhen, wo er seine Waldandacht hielt auf seine Art. Nicht immer mit der gespannten Büchse, aber stets mit dem hellen, freien Auge des Naturmenschen, dessen Gott in Waldesmitten wohnt.

Zeisige singen die Liturgie, Wald und Weite halten die Predigt.

Und der Jagder ließ sie zu sich sprechen. Es war nicht jederzeit Hingabe und Genießen in dem wohlgepolsterten Kirchenstuhl des guten Gewissens. Denn nicht alle Sonntagmorgen gingen die Förster unten im Bergstädtlein zum Frühschoppen.

Ja ja, die Grünen!