Aber wenn sie aufgestellt und verbrämt war, ward sie zum Teufelswerkzeug:
Wenn die Zugzeit begann, war Leimhus wohl vorbereitet. Früh, wenn im Bergstädtchen noch alles schlief, stand er auf und nahm Witterung. Schwamm Nebel über Wald und Wiesen und wehte der Wind aus Westen, schmunzelte er. Die Aussichten waren günstig. Er tappte in die Vogelbude zurück. Auch dort schlief noch alles. Nur der Kernbeißer war wach und warnte mit mißtrauischem hsp! hsp! Unsanft wurden die Lockvögel vom Nagel genommen und in Rucksack, Handkoffer oder sonst ein wenig verräterisches Behältnis getan. Ehe der Morgen graute, standen Lockvögel und Stellbüsche an ihrem Ort. Leimhus verzog sich in den Hintergrund.
Im Aufstellen der Fanggeräte war er kein Pfuscher. Er verfügte über das nötige Pfündlein Erfahrung und wußte, daß Zeisige, Kreuzschnäbel und Dompfaffen nicht auf die niedrigstehende Dorre flogen. Deshalb wurden Klatte oder Dorre an eine Stange gebunden und hoch aufgerichtet. (Doch nicht zu hoch, die Feldpolizei hatte gute Augen!)
Stieglitze und Hänflinge dagegen flogen gern zur Erde. Für sie blieb das Stellbüschlein, wohl gespickt mit Leimruten, am Boden stehen. Der Lockvogel stand daneben. Er sang sich das Leid und die Sehnsucht nach Freiheit aus der Brust. Sein Ruf ward vielen seiner Genossen zum Verderben. Was an Leimhusens Leimruten hing, war ihm verfallen. Die Gefangenen wurden herabgenommen und in den Brotbeutel gesteckt. Damit war ihr Los entschieden: ade Wald, Sonne, Freiheit! Fortan spann sich ihr Leben ab auf zwei armseligen Sprunghölzchen. Ein enger Käfig voll Schmutz und Ungeziefer war ihre Welt. Die Schwingen, fröhlichen Flug gewohnt durch Luft und Wälderweite, flatterten sich am Käfiggitter blutig. Das Gefangensein wurde langsame und grausame Hinmarterung.
Viele freilich zogen das bessere Los und starben, ehe sie noch der Vogelsteller daheim aus dem Brotbeutel nahm. Ungezählt viele, die der Herrgott schuf dem Wald zur Lust und allen Menschen zur Freude. Sie wurden Opfer der Tücken eines Herzlosen.
Ob die kleinen Toten ihn nicht wie eine furchtbare Anklage umschwirrt haben, als auch dem Leimhus sein Stündchen schlug? Ob das Gewissen lebendig wurde, als das Leben sterben wollte?
Irgendwo in der Fremde ist er verkommen. Unstät, heimatlos. Im Bergstädtchen wußte keiner, wo er geblieben war. Saß er im Gefängnis? Zog er mit der Vogelkiepe durchs Land?
Derweilen sie sich noch die Köpfe zerbrachen, pilgerte seine Seele dunkle Pfade, die nicht heimkehren ins Jagderhaus. Er drehte keine Leimruten mehr auf. Nahm auch keine mehr zwischen seine Zähne und zog mit dem Schuhriemen den Leim wieder von den Ruten. Seine Lippen spitzten sich nicht mehr zum Lockpfiff.