Daß gemeinhin nur solche Landsleute in diesem Winkel aufgenommen wurden, hätte einer nicht nur aus dem bedenklichen Eingangsschild schließen können. Wenn er genau zusah, konnte er unter dem Spruch noch ein handschriftlich hinzugefügtes Sprüchlein entdecken. Das hieß folgendermaßen:
Es krine die Danne,
Es waxe das Aehrz,
Gott schenke Uns alle
Ein frehliges Hertz.
Der liebe Gott hatte zuerst wieder über diese Schmiererei schelten wollen. Doch dann lächelte er. Und er dachte: Ein feines Sprüchlein haben sie sich ausgesucht. Es liegt Heimatstolz und Heimatliebe darin. Sie ehren die Gaben, die du ihrer Heimat zudachtest. Und sie bitten um das Beste, das du Menschen schenken kannst: ein fröhliches Herz. Welche Lebensweisheit! Nicht Gut und Geld wünschen sie. Sie sind zufrieden mit dem Segen ihrer Berge und finden ihr Glück in der Fröhlichkeit des Herzens.
So dachte der liebe Gott und ließ das Sprüchlein bestehen. Und da er kein Kleinigkeitskrämer ist und nur das Herz ansieht, stieß er sich auch nicht an der mangelhaften Rechtschreibung. Der den Wahlspruch einstmals in einer Heimwehstunde hinkritzelte, hatte zu seinen Lebzeiten nur alle Sonnabende die Pochjungenschule besuchen können und wußte mit der Spitzhacke besser Bescheid denn mit der Feder. Er wollte kein Kunstwerk malen: nur seine Liebe ausschütten, wie sie in der Sprache der Heimat über seine Lippen kam.
Der Sünderwinkel war vom Herrgott nicht als Verdammungsort gedacht. Er sollte eine Läuterungsklause sein. Nicht alle, die hier ihren Platz angewiesen bekamen, blieben darin. Nur die Hartgesottensten waren seßhaft. Da die Ecke aber nie leer wurde, tuschelte man im ganzen Himmel, jeder geborene Oberharzer müsse zu seinen Lebzeiten entweder Wildschütz, Holzfrevler, Fischdieb oder Vogelsteller gewesen sein. Manche alles das zusammen.
Leimhus hoffte, im Sünderwinkel auch seinen alten Hausgenossen Jagder anzutreffen. Aber der Jagder befand sich bereits in einer geweihteren Ecke, die dem Allerheiligsten schon näher lag. Er hatte dort mit vielen anderen Invaliden, die einstmals als Zeichen Schlägel und Eisen oder die Wolfsangel führten, ein geruhsames Feierabendstüblein inne.