So mußte sich Leimhus in dem übriggebliebenen Kreis umtun. Er hielt sich zu denen, die auf der Erde selten das Vaterunser gebetet haben und denen trotz ihres jetzigen himmlischen Aufenthalts immer noch kein Heiligenschein wachsen wollte. Man sollte es nicht für möglich halten, welch’ stattliche Zahl alter Knaben dort sitzen geblieben waren. Ein Schuster hockte dort, der vor Zeiten das traurige Geschäft des Finkenblendens im Bergstädtchen zu besorgen hatte. Sogar ein paar Schnapphähne aus dem Dreißigjährigen Kriege räkelten sich da noch herum. Sie wollten Angehörige des ehrsamen Fähnleins der Harzschützen gewesen sein, hatten aber in ihrem Heimatland genotzüchtigt und gebrandschatzt wie die Tillyschen selbst. Das hat ihnen der Herrgott arg ins Kerbholz geschnitten. Denn wer seine Heimat nicht lieb hat oder ihr gar Schaden zufügt, verdient keine Gnade.
Dieser anrüchigen Runde also ward Leimhus zugewiesen.
Glickauf, sagte er und trat ein.
Als er das anzügliche Schild über dem Sünderwinkelspförtlein gelesen hatte, vermutete er, an den richtigen Ort geraten zu sein. Dennoch fragte er verlegen: Kumm ich hier racht? Dr liewe Gott hot mich hierhar beordert. Ich hääß Leimhus. Net von Rachts wahng. Aber mich hahnse unten su getääft.
Herrejeses! Do is ju dr Leimhus! – riefs ihm aus der Runde entgegen. Kumm mant rein. Dis is die Bucht for die Ewerharzer. Du host grod noch drinne gefahlt! Ober dos Vugelbauer loß mant draußen. Zessing un Haneflige warn in Himmel net geschtellt!
Un ahch käne Gimpels rut ahngeschtrichen! stichelte einer. Jetzt erst bemerkte Leimhus, daß er richtig noch einen Käfig in der Hand hielt. Er stellte ihn an der Pforte nieder und ward, ehe er die vielen Bekannten mit Handschlag begrüßen konnte, am Eingang von einem eisgrauen Männlein zurückgehalten. Das war ein Stadtschreiber gewesen. Der veruntreute vor langer Zeit im Bergstädtchen Witwengelder. Dieser schändlichen Sünde wegen hatte er schon mehrere Menschenalter lang ruhelos auf Erden umgehen müssen. Die Bergstadtleute erzählten sich gruselige Geschichten von ihm. Nun aber bekleidete er seit ein paar hundert Jahren den Posten eines Pförtners im Sünderwinkel. Er zählte auch zu denen, denen es nicht gelang, eine Stufe im Himmel höherzurücken. Zu seinen Obliegenheiten gehörte es, das Wer und Woher aller derer zu buchen, die in den Sünderwinkel verdammt wurden. Leimhus gab auf alle Fragen rechtschaffen Antwort. Als der Stadtschreiber aber fragte: Vorstrafen? da hatte Leimhus leider nicht so viel Finger an den Händen, um die richtige Zahl nennen zu können. Das Stadtschreiberlein mit dem weiten Gewissen merkte die Verlegenheit des Sünders, steckte den Federkiel hinter die Ohren und ließ den Neuankömmling eintreten, ohne alle Spalten in seinem Lebensbuch vorschriftsmäßig auszufüllen.
So zog Leimhus beglückt ein in das Gefilde der Halbseligen, froh, endlich zur Ruhe gekommen zu sein. Es war peinlich gewesen, mit schwarzer Seele zwischen allen Heiligen und Seligen hindurch den Weg in diese Ecke suchen zu müssen. Und ausgerechnet mußte er auch den Vogelkäfig in der Hand behalten haben! Nun verstand er erst, weshalb die Engelsbuben so hinter ihm hergekichert hatten.
Er argwöhnte nichts hinter diesem Lachen, weil er ganz in Gedanken und Träumen versunken war. Während er auf verschlungenen Himmelspfaden dahinschlenderte, hatte er nämlich Betrachtungen darüber angestellt, von welcher Art von Vögeln die Engel alle ihre Flügel hergeliehen hätten. Mit wehmütiger Freude erkannte er Finken- und Stieglitzenflügel, solche von Drosseln, Krammetsvögeln, Kreuzschnäbeln, Zeisigen und Bachstelzen. Er sah Hägerflügel, Ringeltaubenflügel, Bussardflügel und Flügel vom Taubenkrümmer. Die Engelsbuben trugen meist Zaunkönigsflügel oder grüne und blaue vom Blaumüllerle. Just als Leimhus ein paar wunderschöne Seidenschwanzfittiche bewundern wollte, war er am Ziel seiner Pilgerfahrt.
Er wurde in der neuen Umgebung schnell warm. Die Geistesverwandten sonderten sich ab und hockten zusammen. Es waren alle diejenigen, denen es in den Augen flackert und die man im Harzheimatland »Fatzen« oder »schlachter Dingerich« zu benennen pflegte. Es begann eine kurzweilige Unterhaltung unter ihnen. Sie tauschten ihre Erinnerungen aus. Jeder hatte davon ein mehr oder minder volles und mehr oder minder schwarzes Sündenköfferlein bei der Hand. Man kann nicht sagen, daß es himmlische Reden gewesen wären, die da geführt wurden. Um jedoch nicht ungebührlich zu erscheinen, geschah jede Unterhaltung im Flüsterton. Und wenn sie lachten oder feixten, steckten sie aus dem gleichen Grunde die Köpfe unter den Tisch. Das taten sie nun recht häufig, wie es von verstockten Sündern nicht anders zu erwarten ist. Sie hatten ihre erdenhafte Art noch nicht abgestreift. Der alte Adam in ihnen kehrte sich immer wieder heraus. Dann flogen ihre Gedanken ins Harzheimatland hinab. Ach, wenn sie hätten hinterherspringen können! Die himmlischen Ambrosiawölklein wandelten sich ihnen zu Harz- und Fichtennadeldüften. Sie zogen sie in durstigen Zügen ein. Das Bergmenschenblut wurde warm. Ihre Augen blitzten, und jeder erzählte von seinen erlaubten oder unerlaubten irdischen Abenteuern, prahlte mit Streichen und Schabernäcken, Boshaftigkeiten, Schlechtigkeiten, Tücken und just mit allem, was auf der Erde nicht hätte laut werden dürfen, geschweige denn im Himmel. Sie logen, daß sich im Harzheimatwald die Fichten bogen. Einem Trumpf folgte immer ein noch besserer. Der Herrgott hatte schon die Richtigen in den Sünderwinkel geschickt!
Schließlich war die Reihe an Leimhus, aus dem Kistlein seiner Erinnerungen auszupacken. Vom Vogelstellen im allgemeinen zu hören, war seinen Himmelskumpanen zu langweilig. Sie hatten diese Kunst mehr oder weniger alle geübt. Sie wollten es auch nicht glauben, daß Leimhus an einem Morgen zweihundert Zetscher gefangen und acht Tage weiter nichts als Zetscher gegessen habe. Er schlug seine Zuhörer erst wieder in Bann, als er vom Finkenfang erzählte.