Härt zu, begann er.
Nun hatten aber viele der Sünderwinkelsleute schandbarerweise ihre oberharzische Sprache verlernt. Zudem wird im Himmel gemeinhin nur Hochdeutsch gesprochen, weil das nicht so grob klingt. Und so fuhr Leimhus fort: Hört zu! (Das ö fiel ihm sehr schwer!)
Was Ihr alles vorgebracht habt, ist schön. Ich glaube Euch aber nur die Hälfte. Ihr meint, Finkenfangen wäre eine leichte Sache. Ihr irrt Euch. Jedenfalls ist es leichter, einer Wittfrau sechs Meter Holz zu stehlen oder den Schießer in der Grube um ein Paket Dynamitpatronen zu betrügen. Und mit Dynamit zu fischen, ist eine Gemeinheit und keine Kunst. Schwerer ist es schon, dem Oberförster die Forellen vor der Haustür wegzufangen. Ist aber auch kein Kunststück. Und ein Stück Wilpert schießen und hinterher drei Meineide schwören, auch nicht. Wenn aber einer im Wald einen guten Finken ausgemacht hat und ganz genau diesen bestimmten Finken und keinen beliebigen andern auf die Leimrute bringt, – ich sage Euch, wer das fertigbringt, der kann was.
Und nun begann Leimhus vom »Finkenstandern« und von den Finessen des Finkenfangs zu erzählen. Er mußte dabei notwendigerweise von einigen teuflischen Tierquälereien berichten. Aber er kam mit seiner Erzählung nicht zu Ende. Man war im Sünderwinkel belauscht worden. Dem Leimhus blieb das Wort im Munde stecken: der himmlische Ordnungshüter trat herein. Der Finkensteller verbarg das Gesicht. Ausgerechnet er mußte wieder als Sündenbock entlarvt werden. Als wenn ihn das Mißgeschick auch im Himmel verfolgte! Er war froh, nicht die allerschlechtesten Schlechtigkeiten ausgekramt zu haben. Eine Strafverfügung kam allerdings doch:
Der weiland Vogelsteller Leimhus wird verurteilt, zur Sühnung sündiger Taten und behufs endlicher Besserung bis auf Widerruf wie ein Lockfink an einen Pfahl gebunden zu werden.
Seitdem ists im Sünderwinkel sehr still und sittsam geworden. Und mit dem Finkenfang im Harzheimatland ists auch nichts mehr. Die Vogelsteller fürchten, im Himmel Leimhusens Verdammnis teilen zu müssen. – Die Finken aber singen seither viel lustiger.
Die Bergbachkönigin
Es muß einer schon Märchenaugen haben, wenn er ihr heimliches Krönlein sehen will. Aber soviel sieht jeder doch, daß sie ein königliches Kleid anhat: welcher Fisch im Bergbach auf und ab hat so schöne rote und orangegelbe Punkte auf dem Schuppenleib! Und so himmelblaue Ringe! – Das Rotfederle schmückt sich zum Hochzeitszug wohl mit roten Brustflossen und das Elritzel hat einen silbernen Bauch. Der Rotzkopf mit dem dicken Kopf und dem breiten Maul hat außer den goldenen Augen eigentlich nichts an Schönem, womit er prunken könnte, und der stille Schlammbeißer im Mühlengraben auch nicht viel: an die Schönheit der Bergbachkönigin reicht keines heran.