Als noch der Dottersack an ihr baumelte, war sie ein unbeholfenes Forellenkind, das mucksstill in der Uferhöhle eines Murmelwässerleins lag. Es war dunkel in dieser Kinderstube. Das bißchen Tageslicht, das sich dort hinein verlor, mußte sich durch Fichtendämmerung und einen Vorhang von herabhängenden welken Wurmfarnwedeln und Rispensträhnen hindurchstehlen. Das Wurzelgewirr einer Fichte griff tief in die Höhle hinab und krallte mit hundert Fingern Kiesel und Geröll fest. Das gab schützenden Halt, wenn die Schneewasser kamen und das Dotterkindchen mitnehmen wollten. Seine Mutter hatte die Kinderstube mit Klugheit und Fürsorge ausgesucht.

Als das Nesthäkchen einen langen dunklen Winter lang so in der Höhle gelegen hatte und Wurmfarn und Rispen wieder grün wurden, fiel sein unbehilflicher Dottersack ab. Mit diesem Ereignis begann ihr Leben. Sie war ein flinkes Forellenprinzeßlein geworden, das flugs auszog, sich die Welt zu besehen. Es war lustig, sich zwischen Steinen und Geröll zu tummeln. Oder im ruhigen Wasser zu stehen, sich von Sonnengeflimmer überfluten zu lassen und nach winzigen Mücken zu schnappen! Und das hatte sie schnell gelernt.

Aber sie brachte nicht nur den richtigen Forellenhunger aus der Kinderstube mit. Sie kam bald hinter alle die kleinen Schliche und Kniffe, die eine Forelle kennen muß. Sie merkte, daß unruhige Wasser schlechte Sicht nach oben gewähren und den Flossen viel Arbeit machen. Sie war schon eingeweiht darin, daß ein sich bewegendes Etwas am Bach selten etwas Gutes bedeutete und man gut tat, sich zu verstecken. Sie wußte, daß Steine wohl Schutz boten, die Uferhöhle aber besseren gewährte. Sie konnte sich im Falle der Not auch schon richtig drücken, an einen Stein klemmen oder in eine Felsspalte und mit gekrümmtem Schwanz unbeweglich verharren, als ob sie ein zufälliges Stück vom Bachboden oder ein Bröcklein Tannenast war. Aber auch das wußte sie bald, daß der allerletzte Ausweg aus aller Bedrängnis immer der lebendige Strudel war, in den kein Harzjunge, kein Eisvogel und keine Wasseramsel hinabschauen konnte.

Sie hat sie alle kennengelernt und ihretwegen Reißaus genommen hundertmal bachauf und bachab.

Ein paar Sommer lang ist das Prinzeßlein dem Quellwässerchen treu geblieben. Dann wurde es größer. Der Hunger wuchs auch, und es zog hinab zum rauschenden Wildbach. In einem schwarzen Wasserloch fand es ein herrliches Jagdrevier. Das Wurzeldach einer Wetterfichte schattete darüber. Und so tief war die Höhle darunter, daß auch der längste Arm eines Wildfischers nicht hineinreichen konnte.

In dem Loch kam das Bergwasser zur Ruhe, hielt einen Augenblick inne, um Atem zu schöpfen vor der rastlosen Weiterfahrt. Dort wuchs das Prinzeßlein zur Königin heran. Sie verbarg sich unter dem Wurzeldach, lauernd, ob nicht das Wasser eine zappelnde Fliege hertrüge, eine Spinne, einen ringelnden Wurm, ein verunglücktes Waldkäferlein oder gar einen vorwitzigen Frosch. Ratsch – ratsch gings dann, das Wasser schlug einen schnellen, gurgelnden Wirbel, und die Buntgefleckte stand wieder am alten Platze, als sei nichts geschehen.

Im November, als im Bergwald der Brunftschrei des Rothirsches verhallt war, kam ihr die Wanderlust ins Blut, und eine geheimnisvolle Macht trieb sie talauf in junge Gewässer. Ein Wandergespan gesellte sich zu ihr, der der gleichen Naturstimme folgte und bachauf zog. Es war ein glatter Forellenkavalier. Er umschwärmte und umwarb sie. Da merkte die Bergbachkönigin, daß sie verliebt war. Und sie verlebten heimliche Liebesnächte unter Steinen und in Uferhöhlen. –

In einer schwarzen Nacht stand sie allein im ruhigen Wasser, verlassen von ihrem Galan. Über dem Bergwald wälzten sich Schneewolken. Da irrte ein Lichtschimmer am Bach herauf. Die Bergbachkönigin hielt neugierig still. Sie sah nicht die finsteren Schleichgestalten hinter dem Licht, ahnte nicht ihr Verhängnis.

Ein Stich fuhr ihr schneidend in den Rücken. Ihr Leib krümmte sich, mit letzter Kraft schlug der Schwanz. Sie wollte fliehen. Aber zu fest saß die Gabel des Wildfischers …

Der hob die Zappelnde heraus. Ihr Krönlein fiel klingend ins Wasser. Die Bergbachkönigin war Fischfleisch in roher Hand.