Das Glockenhaus ist kein wolkenstürmender Bau. Nur ein Spitzlein auf einem Berg. Und es ist nichts an ihm, das anspruchsvoll wäre oder über das Maß des Zweckmäßigen hinausginge. Man könnte es arg nüchtern nennen. Aber es hat seinen eigenen Stolz. Wie ein Wartturm guckt es auf die Bergstadt hernieder. Zu seinen Füßen muß sich die Kirche ducken: Die Herrin zu Füßen des Dieners. Aber das Glockenhaus ist darum nicht hochmütig. Es hält mit dem Kirchturm gute Nachbarschaft. Seit Jahrhunderten haben sie sich guten Morgen und gute Nacht geboten. Sie sind einander so nahe, daß eins dem andern in die Fenster gucken kann. Keins hat vor dem andern eine Heimlichkeit zu verbergen. Der Kirchturm kennt jede Bretterplanke am Glockenhaus und sieht die Roststreifen unter jedem Nagel. Das Glockenhaus weiß genau, wieviel Schieferplatten den Zwiebelbauch des Kirchturms beschuppen. Wenn der Wind nicht ein unterhaltsames Liedlein von einem zum andern hinüberpfeift, haben sie sich nicht viel zu erzählen. Sie sind aneinander gewöhnt und alt geworden und reden nicht unnütz.
Dann guckt das Glockenhaus verschlafen zu, wie sich am Kirchturm langsam die goldenen Zeiger über das Zifferblatt drehen. Oder es horcht auf, wenn’s im Gehwerk drüben knarrt und die Hämmer quietschend zum Stundenschlag ausholen. In blinden Gucklochscheiben blinzelt die Sonne. Auf Messingknauf und Wetterfahne machen die Stare Kapriolen. Das Glockenhaus lächelt.
Und dann schaut es ein wenig in die Kirche hinein. Die Sonne malt Goldstreifen über Bänke und Gestühl. Das rote Altartuch leuchtet. Man sieht die Stille in der Kirche.
Nebenan im Pfarrhaus hat die Frau Pastorin die Betten zum Sonnen ausgelegt. Der Herr Pastor hat sein Hauskäppel aufgesetzt. Er sitzt im Studierstübchen und schreibt. Die Wolken aus seiner langen Pfeife weben duftigen Tüll vor das Fenster. Manchmal steckt er die kurze an. Dann steigt er in den Hof hinab und hackt Holz. Oder schlendert behaglich durch den Garten, ein Feierstündlein zu halten und nach Himbeeren und Salat zu sehen. Gehen Bergstadtmenschen vorüber, ist ein freundliches Grüßen und Wiedergrüßen.
Im Nachbargarten flattert Wäsche. Irgendwo hängt ein Mütterchen die Käsehorte neben der Hintertür auf und legt säuberlich die weichen weißen Käse zum Trocknen auseinander.
Das Glockenhaus hat viel Kurzweil an solcherlei kleinen und beschaulichen Dingen. Es ist nichts Aufgeregtes im Bergstädtchen. Frauen gehen mit der Mehlbutte zum Backhaus. Oder haben die Kiepe aufgehuckt, um darin die Einkäufe für die Woche zu bergen. Oder holen in klappernden Eimern Wasser vom Bottich. Sie schwatzen und stehen und gehen ihrer Wege. Männer begegnen sich und tippen mit dem Finger oder dem Pfeifenmundstück ein Glückauf an die Mütze.
Manchmal bringen Wanderer Unrast mit. Vor Zeiten waren Wandersleute seltene Gäste im Bergstädtchen. Jetzt aber kommen sie in Trupps und in Horden. Sie singen Wanderfrohsinn durch die Straßen oder johlen. Das Glockenhaus hat sich an alles gewöhnt. Aber ein bedenklicher Knacks ging doch durch sein Gebälk, als zum ersten Male eine fremde Knabenschar zum Takt eines politischen Haßliedes durch die Bergstadt zog. Der Einpeitscher ging nebenher. In den Augen der Knaben war nichts von Wanderlust. Als ob ihre Seelen mit Gift geätzt wären. Der Einpeitscher wußte das. Aber dies Gift war sein Lebensinteresse. Wandern und Politik, Politik und Knaben: Das hatte das Glockenhaus noch nicht erlebt, solange es denken konnte. Und es schüttelte den Kopf ob der Wirrnis solcher Zeit.
Stiller noch als der Sommer ging vor Zeiten der Winter durch die Harzheimatberge. Das Bergstädtchen tat einen langen Winterschlaf. Und das Glockenhaus schlief mit. Sie wachten erst auf, wenn zu Fastnacht die Bergleute und Hüttenleute mit Musik zur Kirche zogen und aus allen Häusern der Duft von heißem Schmalz und Öl und von frischgebackenen Fastnachtskrappeln durch die Straßen strich und bis hinauf auf den Glockenberg wehte. Die Wiesenhänge ringsum waren unberührte Reine, durch die der Fuchs seine Schnürfährte zog. Aber dann kamen die langen Bretter in die Berge. Mit dem Winterschlaf wollte es nichts mehr werden. Die Bergstadtfrauen schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, als sie ihre Geschlechtsgenossinnen aus der Großstadt in Männerhosen einherstolzieren sahen. Und das Glockenhaus hat verwundert dreingeschaut ob der vielen bunten Wolljacken in den Straßen unten. Nun sind ihm auch das vertraute Bilder geworden. Auf allen Hängen zerfurchen Männlein und Weiblein den Schnee und treiben Sport mit den Brettern oder mit dem Kostüm. Das Glockenhaus hat helle Augen für Zünftiges und Unzünftiges. Drüben am Sprunghügel hupfen die Bergstadtbuben. Das Klappen der Schneeschuhe beim Aufsprung tönt bis zum Glockenberg herüber.
Das bunte Winterleben geht fort, bis Wind und Regen den Schnee auch aus den höchsten Schneisen des Bergwaldes fortleckten. Die Schneeschuhläufer stellen die Bretter in die Ecke. Für eine Weile sind die Bergstadtleute unter sich. Dann hat das Glockenhaus nicht viel zu gucken. Das Leben im Bergstädtchen geht wieder seinen gemessenen Gang. Frauen schwatzen. Männer begegnen sich. Fuhrwerke bollern. Manchmal kommt ein Leierkastenmann. Und die Kinder rufen hinter ihm her:
Orgel – orgel – nort – nort – nort,