Meine Orgel ist kaputt.

Oder es kommen wandernde Musikanten, die Braker, trätern ihren Vers und fangen in ihren Trompeten und Bombardons die Geldstücke auf, die ihnen aus den Fenstern zugeworfen werden. Oder fahrende Leute mit bunten Wagen kommen, mit denen ein Stück Romantik in die Ereignislosigkeit des Bergstädtchens hineinrollt.

Manchmal geht der Ausrufer durch die Straßen, ein obrigkeitliches Dekretlein auszurufen oder eine Tanzmusik anzukündigen. Der Wind zerpflückt die Worte. Das Häusel auf dem Glockenberg ist auch nicht begierig auf derlei Sachen. Es wundert sich nur, daß der Ausrufer nicht mehr den langen und blankknöpfigen Büttelrock trägt wie in alten Zeiten. Damals sah er viel würdevoller aus. Die Bergstadtjungens, die auf verbotenen Wegen ruschelten, hatten Angst vor ihm. Nun steckt er in schlichtem, bürgerlichem Röcklein. Aller Respekt ist dahin. Von der Würde seines Amtes zeugt nichts mehr als eine abgeschabte Aktentasche und die Klingel. Er versteht sie meisterlich zu schwingen. Aber trotz aller Meisterschaft will aus der Amtsschelle nur ein dürres Bimbim heraus. Wie könnte es auch anders sein. Dem Glockenhaus ist es schon lieber, wenn ihm an jedem Sommertag die Kuhherde mit melodischerem Geläut aufwartet. Wenn der Kuhhirt getutet hat, ist auf allen Straßen im Bergstädtchen ein unruhiges Gequirle. Es ordnet sich gemach zum Zuge und strebt ins Freie. Auf blanken Fellen glänzt die Sonne. Glockenbügel malen grüne Striche in den rotbraunen Zug.

Nach den Kühen läutet die Kälberherde hinaus. Ziegen und Schafe tappeln hinterdrein.

Das Glockenhaus gibt den Tieren das Geleite nach draußen und macht einen Morgenspaziergang in die Umwelt. Es sieht die Landstraßen im Tal sich schlingen und drehen und sich auf Bergeshöh verlieren, Wiesenpfade sich verlaufen im Irgendwo des Gehölzes. An Waldsäumen und Fichtenkämmen tastet sich sein Blick hinauf zu blauen Höhen und Wolken. Aus Wälderdunkel, darin hier und dort sich das Rauchfähnlein eines Holzhauerfeuers in die Luft kräuselt, gleitet sein Auge gemach wieder hinab in lichtes Wiesengrün. Von weit draußen grüßen Forsthäuser her. Bäche blänkern daran vorüber. Und da ist auch der Mühlengraben, der mitblänkern will. Fischen nicht die Jungens schon wieder Elritzen in ihm? Und dort schmiegt sich die Mühle ans Bergstädtchen. Wenn das Tor zum Mühlenrade offensteht und die Sonne in den Radschacht scheint, blitzt silbernes Geglitzer bis zum Glockenhaus hinauf.

Das ist von seinem Morgenausflug aus den Bergen heimgekehrt ins Bergnest. Unten in der Schule ist Pause. Die Jugend quirlt auf dem Schulhof durcheinander. Das Glockenhaus freut sich an dem Gebalge der Jungen und an dem Ringelreihen der Mädchen. Es kennt sie alle von der Stunde an, in der zum ersten Male der Wald über ihre Wiege hinrauschte. Sie wachsen unter seinen Augen heran und durchjauchzen eine frohe Bergjugend zwischen Wiesen und Wäldern und Bächen. Aus Mädeln und Buben werden große Menschen. Das Leben greift nach ihnen. Es packt sie nicht alle mit sanften Händen an. Die Mädel schlüpfen unter im warmen Nest einer Häuslichkeit. Die andern gehen harter Hantierung nach. Das Glockenhaus begleitet sie auf allen Wegen, auf denen sie ihr Brot suchen. Es gibt ihnen ein herzhaftes Glückauf mit, wenn sie sich rüsten zu saurer Schicht im Schacht. Es ist mit ihnen, wenn sie Axt und Säge auf die Schulter nehmen oder mit Holzkarren und Kiepen steile Hohlwege hinaufanken, im Bergwald untertauchen und heimkehren mit schwankender Last. Es schaut ihnen zu, wenn sie auf den Wiesen rings sich mühen, das Heu zu bergen und in schweren Bündeln hangab zu schleppen.

Seit Jahrhunderten sind ihm alle Bilder mühseliger Bergmenschenarbeit vertraut. Geschlechter sind gekommen und gegangen. Die Arbeit voll Sorge und Plage ist immer die gleiche geblieben. Und sie wird für alle immer die gleiche bleiben, solange die Tanne grünt und Erz wächst und bis auf die Stunde, in der die Mühseligen ihren Lauf im Tal beschließen. Dann ist der große Feierabend gekommen. Sie falten die müden Hände. Man trägt sie hinaus zu denen, die vor ihnen den gleichen Pilgerpfad der Mühe und Arbeit wandelten. Dann schaut ihnen das Glockenhaus mit großen Augen nach. Unter seinem Spitzdach haben sich die Schalluken geöffnet. Lebewohl! rufen die Glocken. Und bis in fernes Bergesblau schwingt ihre Klage:

Droben bringt man sie zu Grabe,

Die sich freuten in dem Tal …

Der Klang verhallt. Im Glockenhaus bleibt ein Sinnen zurück. Im Wald drüben, der hinter dem Kirchturm einen samtgrünen Hintergrund malt, jagen Kreuzschnäbel durch die Wipfel. Die Graudrossel singt. Bergwiesen blühen. Die Bäche spinnen ihr Plätscherlied in Ewigkeiten fort. Die Heimat lebt. Menschen sterben. –