Der Wandel der Zeiten hat auch den Weg ins Glockenhaus gefunden. Es gehen keine Läutejungen mehr hinauf ins Glockenhaus. Das Läuten ward ein Amt. Das Geschlecht der Läutejungen ist ausgestorben. Es schnitzt keiner mehr seinen Namen ins Gebälk. Und reitet auch keiner mehr auf der Brüstung der Luken und läßt seine Beine baumeln zwischen Himmel und Erde. Sie läuten auch nicht mehr dreimal am Tage. Es ist mancherlei anders geworden im Glockenhaus. Die große Glocke holte der Krieg. Sie ward zu Metall zerschlagen. Ihr Klang zerklirrte und starb. Verwaist blieb die kleine zurück. Wie ein Armesünderglöcklein verrichtete sie in den Jahren des Krieges ihren Dienst. Verzagt klangs vom Glockenberg herab. Die kleine Glocke ward zum Symbol der Armut und Not.
IM ERSTEN JAHR ANNO 1693 CHURFUERSTLICHE REGIRUNG ERNESTI AUG HERTZOGEN ZU BRAUNSCH U LUENEB BISCHOF ZU OSNEBRUG & IST DISE KLOCK GEGOSSEN V NICOLAUS GREVEN IN HANNOVER.
Sie sah während ihres Erdendaseins Kampf, Elend und Hungersnot. Unter ihren Augen haben die Horden Belsunces und Vaubecourts im Bergstädtchen geplündert. Aber alles das und die Kriege nachher waren kleine Begebenheiten gegenüber dem Jammer des großen Krieges. Und als das Glöcklein den Frieden in die Berge rief, klangs wie ein Erlösungsschrei aus tiefster Not.
Wußte nicht, daß sein Friedensgeläut der Grabgesang des Vaterlandes sein sollte. Wußte auch nicht, daß bald hernach sein eigenes Stündlein schlug: Es kamen neue Glocken, – stählerner Ersatz. Man hängte sie in das alte Gestühl. Die kleine Bronzeglocke ward herabgenommen. Sie fand einen neuen Platz abseits. Es brauchte keiner darüber zu schreiben: Abgetan! Man sah es dem Platz an.
Gräme Dich nicht, du Glöcklein. Das ist neue Zeit. Viel Altes, Gutes, Echtes ist in die Ecke gedrückt und hat dem Neuen weichen müssen gleich dir. Glücklich, wer in sich das Bewußtsein seines Wertes bewahrt und den Glauben an sich nicht verliert!
Wenn die Stahlglocken läuten, kann das Bronzeglöcklein im Verbannungswinkel nicht an gegen das stählerne Bellen. Es wird überschrien. Ein feines Stimmchen abseits singt sein Lied für sich:
Bellt nur, ihr Aufdringlichen, die ihr mich verdrängtet! Ersatz seid ihr und unecht. Euer Maul ist groß. Ihr wollt mich überschreien. Wer seinen Unwert verdecken will, schreit. Eure Stimme ist unedel. Ihr wollt etwas scheinen, wozu ihr nicht geboren seid. Stahl ist Krieg. Ihr taugt nicht zum Gottesdienst. Kinder einer zweifelhaften Zeit seid ihr, die manches über den Haufen warf, was sie bereuen wird. Doch, es sind noch Menschen im Bergstädtchen, die Sinn behielten für echte Werte und das Alte ehren. Sie lieben mich. Sie horchen auf meine Stimme. Ich läutete ihren Ahnen und Urahnen, die im Gottesacker am Berg schlafen. Ich bin die alte Zeit, in der nur das Wahre, Echte, Erzene galt! Schreit nur: Diese Wahrheit tötet ihr nicht!
So singt die kleine Bronzeglocke im Winkel, und es ist ein richtiges Zänklein ins Glockenhaus gekommen.
Aber es soll euch nicht gelten, ihr Bergstadtleute. Aus dem Glockenhaus weht kein Hader zu euch hinab. Die alte Glocke ist verständig. Sie weiß, daß sie das Opfer der Not und der Elendszeit ward. Sie weiß auch, daß nirgends in der Welt diese Zeit drückender war als in euren Bergen, auf denen wohl die Tanne grünt, aber kein Brotkorn wächst. Sie will nicht rechten. Nur manchmal muß sie ihr Herz ausschütten. Und ich sage euch: es ist heilsam, dann und wann ihrer Stimme zu lauschen und darüber nachzudenken, was sie zu erzählen hat. Wenn es ein Großes zu beläuten gilt, wird der Zwist im Glockenhaus schweigen. Und immer einig werden die drei ungleichen Schwestern sein in dem Gebet:
Holder Friede, süße Eintracht