Sein Schlafgewand ist weiß und rein. Jedes Fichtennädelchen, jedes Rindengeschuppe und Flechtengekräusel ist mit Glitzersternchen umsponnen. Es geht ein heimliches Flimmern durch den Wald, das seinen Ernst lichter macht. Aber nirgends ist eine aufdringliche Helle. Wie in einem Dom ist’s. Er baut sich auf aus Silber und Marmor. Durch grünviolette Scheiben fließt zartfarbenes Dämmerlicht in seine Säulenhallen. Wenn die Sonne hineinschaut, sprüht in Smaragden und Rubinen ein Festgeleucht. Dann ist Feiertag im Dom. Alle Kerzen sind angezündet. Der Wald betet.

Bleibe stehen, o Wanderer, und bete mit. Verhalte den Atem, daß du die Andacht nicht störst. Laß deine Schneeschuhe langsam gleiten, daß ihr Knirschen nicht die Stille zerreißt.

Fühlst du das Pochen des Blutes in der Brust?

Bleibe stehen. Und so du ein Gottsucher bist, wird dir der Wald von silbernen Altären herab eine Bergpredigt halten, die du nicht vergißt. Harre aus bis zum feierlichen Amen. Dann wirst du beglückt von dannen ziehen. Und wirst die Fäuste ballen, wenn Johler und Schreier vorüberfahren, die mit ihrem Lärm den Gottesfrieden schänden.

Aber laß die Horden.

Wem dieser Wald nicht die Lippen stumm und die Augen weit macht, der sei dir zu erbärmlich.

Laß sie, und fahre aus dem Kirchendämmer des Gehölzes hinaus und hinauf aufs freie Moor. Über dir wölbt sich Berghimmelunendlichkeit. Bäume und Bäumchen sind zu Boden gedrückt. Rauhreif hat sie verhext. Buckelige Kobolde hocken da. Es schnarchen ungeschlachte Riesen, kauern schlafende Moorhexen, schlummern vermummelte Prinzen und Prinzessinnen. Feuersprühende Drachen schnauben, greuliche Saurier recken sich, – Gott sei Dank, daß sie starr wurden, just als sie zum Sprung ausholten.

Wenn du Märchenaugen hast und zu glücklicher Stunde hier oben weilst, wird dir auch die Bruchbergkönigin erscheinen. Sie kommt auf einem weißen Hirsch aus dem Walde hergeritten. Über ihren Schultern hängt kostbarer Hermelin. Ein silbernes Krönlein strahlt auf ihrem Blondgelock. Sie reitet schweigend über das Moor. Die Bäume neigen sich vor ihr. Sie nickt ihnen einen milden Gruß zu. In ihren Blauaugen spiegelt sich die weiße Welt.

Nun ist sie vorbei. Du stehst noch und starrst und hältst den Atem an, möchtest vor ihrer Schönheit in die Knie sinken, ihr die Hände küssen oder gar den Mund, und denkst an den Edelknaben und Schön-Rohtraut oder an Tom, den Reimer … Aber sie ist längst vorbei. Du suchst ihre Spur vergebens. Doch du merkst, daß sie dich verzaubert hat. Heimliche Sehnsucht bleibt in dir brennen. Ewig wirds dich zurückziehen in das Reich der schönen Königinne.