Die Sonne will versinken. Ihr letztes Leuchten streift über die Kämme der Berge. Es malt strahlende Säume um die Fichten, taucht die Wanderer ein in tiefes Orange und überzieht den Brocken drüben mit rotem Gold. Jedes Vorwärtsgleiten der Schneeschuhe ist funkelndes Gesprühe.

Nun ist der Sonne Gutenachtkuß verhaucht. In den Fenstern des Brockenhauses verlischt ein müdes Blinzeln. Dann ist auch für die Höhen die blaue Stunde gekommen, die Wälder und Täler längst erfüllte. Himmel und Schnee werden eins. Es ist Zeit, zur Hütte heimzukehren. Um die Dämmerstunde wachen die Berggespenster auf. Lebe wohl, du schöner Wald!

Die Skihütte

Sie liegt verschlafen im Bergwald.

Es ist nur eine kleine Gemeinde, die den verlorenen Pirschsteig zu ihr zu finden weiß. Im Sommer kommen ein paar Holzhauer hinauf. Sie bleiben nicht lange. Ein paar Tage weht das blaue, fichtennadelduftende Rauchfähnlein ihres Lagerfeuers um die Hütte. Dann ziehen sie wieder hinab. Und manchmal kehrt zu kurzer Rast der Förster bei ihr ein. Stille Gäste, die vom Bergwald das Schweigen lernten wie die Hütte selbst.

Sie hat keinen großen Namen. Und das ist gut. Ihr Zauber ist ihre Verborgenheit, ihre Schönheit die Einsamkeit. Der Bergwald umschmiegt sie mit Dunkel und hütet sie wie ein Berggeheimnis. Sie ist mit ihm verwachsen. Sie lebt sein verschwiegenes Leben mit ihm und kennt alle seine heimlichen Regungen.

Mit leisem Tritt umschleicht der Marder ihr Gemäuer. Im Holze bellt der Fuchs. Waldmäuslein rascheln im Grase: die Hütte vernimmts. Sie hört der Zippe schwermütige Melodien, den Lockruf des Schwarzspechtes, des Auerhahns klatschenden Flügelschlag. Fink und Meise und Goldhähnchen halten gute Nachbarschaft mit ihr. Und wenn die Quitschen vor ihrer Tür zu leuchtenden Korallen werden, kommen Krammetsvogel, Weindrossel und Dompfaff zu festlichem Schmaus. Dann wird’s Herbst. Der Wind im Wald singt in rauheren Tönen. Schneegänse ziehen über die Höhe. Im Forste schreit der Hirsch. Wenn er Winter wittert, führt er sein Rudel talab. Dann wird’s still um die Hütte. Die Fichten triefen von Regen und Nebel. Die Flechtenbärte an den Zweigen und Stämmen hängen in trübseligen Strähnen herab. Und trübselig guckt die Hütte drein. Über den Wald hin braust das Sturmlied des Windes. Wenn er es zu arg meint, rackelt es unwirsch an den Fensterläden der Hütte. Sie gähnt und träumt von warmen Sommernächten und Eulenruf und Unkenläuten im Wald.

Wenn die weißen Flocken vom Himmel wirbeln, geht ein heimlicher Zauberer durch den Bergwald. Der hat seinen Zauberstab auch über das Hüttlein geschwungen. Alle Traurigkeit ist aus seinem Gesicht geflohen. Wie freundlich es dreinschaut! Flugs hat es das schwarze Teerdach mit einer Glitzerdecke zugedeckt. Der Schornstein bekommt eine frischgeweißte Halskrause und das Blechdeckelchen auf dem Rauchrohr ein blitzsauberes Hütchen. Auf jede Türangel, jeden Balkenvorsprung wird ein Häuflein Schnee gestreut. Die Hütte versteht es, sich festlich zu schmücken. Sie will dem Bergwald nicht nachstehen. Sie hat frohen Besuch zu erwarten. Die Skiläufer kommen. Ihnen zu Ehren muß alles wohl gerüstet sein. Schnell wird noch der Hexenmeister Wind bestellt. Er pustet mit säuberlichem Gewehe einen strahlenden Marmorhof um die Hütte. Nun ist alles wohlbereit und zum Empfang hergerichtet.

Die Gäste mit den langen Brettern lassen nicht lange auf sich warten. Kommt nicht dort vom Fichtenhang schon der erste her?