Als er die Hand auf die Türklinke legte, kam wieder alle Angst über ihn. Irgend etwas ging für ihn von dieser Tür aus, eine Art feindseliger Gegenwart. Er öffnete die Tür, durchschritt den von einer Petroleumlampe erhellten Gang und stieg die Treppe hinan. Der staubige Althäusergeruch erweckte manche Erinnerung in ihm. Vom ersten Stock vernahm er Kinderlachen, und er blieb stehen, weniger um zu horchen, als um einen Augenblick noch zu zögern. Sein Herz schlug sehr stark, und eine plötzliche Müdigkeit machte seine Knie zittern. Aus Furcht, überrascht zu werden, schritt er weiter. Die zweite und letzte Lampe des Stiegenhauses ward sichtbar. Da sie qualmte, drehte er sie herunter. Bei jedem Schritt wurden ihm die Schuhe schwerer. Er blieb oft stehen und sah, die Hand auf dem Gitter, in den Schacht der Treppe oder in sich selbst hinab. Wieder durchlebte er seinen nächtlichen Traum, der gewiß tragischer war als alle Wirklichkeit. Sicherlich hatte er noch große Angst vor dem, was er gesehen hatte, aber bald hatte er sich wieder in der Gewalt; und wenn er es ersehnt hatte, seine Mutter zu sehen, so geschah das aus Gründen, die schließlich mit jener nächtlichen Episode nichts zu tun hatten. Eine Gewißheit würgte ihn jetzt. Er würde eine bedrückende Nachricht vernehmen. Aber was? . . . Was? . . . Oh, was denn nur?

Aber dies geruhsame Haus, in dem gelacht wurde, schien kein solches Drama erlebt zu haben. War indes dieser Friede, einzig von der Unterhaltung der Kinder unterbrochen, nicht ein neuer Beweis? Er stellte sich in diesem Augenblick die Wohnung seiner Mutter vor. Fremde gingen von einem Zimmer ins andere und sprachen mit gedämpften Stimmen. Von neuem erschien ihm ein quälendes Bild. Auf den Fußspitzen stieg er die letzten Stufen empor. Er horchte, an die Tür gedrängt; unten ging wieder das Lachen an. Seine Brust war ihm wie in zu enger Kleidung eingeschnürt, sein Hals, wie umdrosselt, tat ihm weh. Er strich über die Tür hin, denn es war eher ein Streichen als ein Klopfen und ein so leises, daß kaum die ängstliche Schwinge eines Vögelchens davor erschrocken wäre. Er wartete. Nichts. Er war darüber froh, bedeutete es doch eine Gnadenfrist. Da er nun alles erfahren würde, hatte er keine Eile. Er atmete leise, mit Methode und besonderem Genuß, so wie man etwas kostet, das man liebt. Es war finster, aber wenn er den Blick hob, sah er durch eine Scheibe ein großes Stück gestirnten Himmels und erkannte das Sternbild der Kassiopeia. Wie Wasser vom Springbrunnen fiel die unendliche Stille von den vier Türen des Flures, und er blieb unbeweglich stehen, über sich das Raunen nächtlicher Mächte. Er wußte wohl, daß man sein Klopfen nicht gehört haben konnte, aber er wartete noch, um die Zeit, da noch Zweifel gestattet war, auszudehnen. Dies dauerte kaum einige Sekunden. Nun klopfte er entschlossen und erschrak über das Geräusch. Da rührte es sich, man kam. Die Tür wurde geöffnet, und ein großes Viereck von Licht fiel in das Dunkel. Seine Mutter stand vor ihm. Er zitterte vor Staunen und konnte kein Wort hervorbringen.

„Du bist es!“ sagte sie mit leisem Zurückweichen. Und als er mit gesenktem Kopf verharrte: „So tritt doch ein.“

Sie hatten kaum zwanzig Worte miteinander gewechselt.

Seine Mutter hatte ihre Arbeit wieder aufgenommen und nähte unter der Lampe. Sie beobachtete eine scheue Zurückhaltung und wartete auf die Worte, die er hartnäckig unterdrückte, wie man auf einen Chok wartet. Und sie sammelte ihre Gedanken zum Widerstand.

Er saß abseits vom Tische. Die Lampe, deren tütenförmiger Schirm das Licht dämpfte, beleuchtete nur seine Hände und Knie. Sein ganzer Oberkörper verlor sich im Dunkel, das der unsichtbare Plafond nicht aufhielt. Und für Augenblicke floh er in dies Dunkel so tief und lange hinein, daß das Zurückfinden in dies Zimmer, in dem er saß, und vor diese Dinge, in die Wirklichkeit dieser Lampe, für ihn das Erlebnis einer tatsächlichen Rückkehr bedeutete. Seine Mutter war da. Er konnte ihr stilles Antlitz betrachten, ihre schönen grauen Haare, ihre hellen Augen, die unmittelbar ihre ganze Seele ausdrückten. Von der Lampe strahlte eine stille Glückseligkeit aus, und wenn er den Blick ihr zuwandte, war er von einem unvergleichlichen Wohlsein umfangen. Er rekelte sich vor Zufriedenheit. Im Geist sah er die Gesichter seiner Freunde. Nie hatte er sie so geliebt. Er lächelte ihnen zu, als ob sie gegenwärtig wären. Wie freudig hätte er jenem, der ihm so viel Übles angetan, jetzt einen festen verzeihenden Händedruck gespendet. Sein ganzes Wesen zerschmolz im Verlangen, gut zu sein.

Er hatte einen lächerlichen Traum gehabt. Seine Mutter! Seine gute Mutter, die er so sehr liebte! Er konnte sich nicht satt sehen an ihr. Selbstsüchtig genoß er seine unbegründete Angst. Er schob den Augenblick des Gefühlsergusses hinaus, ja, er bedurfte nicht mehr dieser Entladung.

Nur mit den Lippen antwortete er auf die Fragen, die ihm seine Mutter stellte, ohne daß hinter seinen Worten sein heimlicher Gedankengang unterbrochen wurde.

Aber einen Augenblick schwieg er so andauernd, daß seine Mutter ihn ansah. Und da er seiner Tränen sich nicht mehr enthalten konnte, da ein unüberwindliches Schluchzen seinen Hals aufschwellte, streckte seine Mutter ihm die Arme entgegen: „Lieber Junge! Dir ist vergeben, weil du heimgekehrt bist.“

Und er verschwieg seinen Traum.