Er war bisher gegangen, ohne rings etwas zu sehen, bis die Abendfrische ihn frösteln machte und er seine Augen hob, um sie selbsttätig umherschweifen zu lassen. Rasch gab er ihrer Neugier nach. Er stand an der Flanke eines Hügels, der ein Tal überragte. In der Ebene unten sah er am Rande eines gelbgoldigen Flußbettes einen Maierhof mit seinen Nebengebäuden. Ein fast unsichtbarer Rauch stieg langsam gegen den Himmel, der nun in blassem Blau schimmerte; eine kaum fühlbare Brise hatte die Wolken hinweggefegt.

Er war ergriffen. Soweit Auge und Ohr reichen konnten, stieg etwas Lächelndes und Friedliches mit dem durchsichtigen Rauch hinan — stieg — denn es war nichts Bewegungsloses, wie etwa eine lastende Ruhe auf der Erde, sondern ein Lebendiges, ein Lebhaftes und Strahlendes, das an eine sehr langsame und feiervolle Himmelfahrt gemahnte. Das ganze Weltall war nur mehr ein wohl angemessener Rahmen um dieses Schauspiel, und die Bäume, die in ihre Blätter eingenistet waren, schienen eine Freude, uralt und unergründlich wie die Welt selbst, in sich zu wahren.

Er setzte sich auf die Böschung, pflückte ein Gras und kaute daran. Dann glaubte er das Geräusch eines Wagens zu vernehmen und erhob sich.

Er durchquerte einen kleinen Fichtenwald, der so dunkel war, daß er unwillkürlich seine Hände aus der Tasche zog. Er drehte den Kopf nach rechts und nach links. Er lebte mit einemmal in einer Art Exzeß im Innersten seines Ichs. Einmal wandte er sich aufmerksam, horchte auf und ward lebhaft bewegt. Er hatte schon den Wald verlassen, als er, die Augen aufschlagend, auf dem Gipfel einer kahlen Erhöhung einen Baum entdeckte, einsam und riesenhaft, der sich sehr stark von jenem Teil des Himmels abhob, wo die letzten Strahlen der Sonne verdämmerten, und der wie in tragischer Geste seine Zweige in alle Richtungen warf. Ein unangenehmer Eindruck machte sich ihm fühlbar, und er sah die nächtlichen Bilder wieder. Gelesenes, das von Vorahnungen handelte, die später die Tatsachen bestätigten und die ihm nichtssagend erschienen waren, gingen ihm aufs neue durch den Kopf. Sein Urteilsvermögen beschäftigte sich nicht mit diesen Geschichten, sein Verstand hatte nichts übrig für sie. Wenn sie auch plötzlich an der Oberfläche seiner Erinnerungen erschienen, er schenkte ihnen deshalb nicht mehr Aufmerksamkeit. Aber hinter den Gedanken, die in seiner Stirn lebten, nahe den Augen oder ferner, vielleicht viel ferner, meinte er unklar das Vorhandensein einer drückenden Erinnerung zu spüren.

Die Nacht war herabgesunken. Er schritt hin und dachte dabei, daß der Mensch im Dämmern beseelter sei. Ein Gefühl voll Ernst und Tiefe erregte ihn. Er fühlte sich einer Majestät zugehörig, die er sich fortan zu wahren versprach. Er bedauerte, so oft knabenhaft, ja selbst frivol gewesen zu sein. Wie hatte er sich doch diesen schalen Vergnügungen hingeben können! Er dachte mit Verachtung und Unbehagen an diese fraglichen Gefährten seiner Zerstreuungen.

Nun näherte er sich. Hier war es, wo er im dichten Gras, unweit des Grenzsteines, auf den er sich, um zu lesen, gesetzt, eine kleine Schere verloren hatte, ein Andenken, das ihm lieb war, und während er so hinging, forschte er das Dunkel ab. Das Glockengeläute kam bis zu ihm heran. Er erbebte: schon so nahe war er! Da hatte er Angst, und seine Brust schnürte sich zusammen. Er horchte erschrocken. Ein Begräbnis oder eine Hochzeit? Wer kann das unterscheiden! Als er klein war, hatte er, zum Fenster hinausgelehnt, oft diesen Glocken gelauscht. Er war nur Kind gewesen, und schon hatte Unzufriedenheit in seinem Gemüt gewohnt. Die Stirn an die Scheiben gepreßt, hatte er bei Einbruch der Nacht die Bäume, hauptsächlich jene Akazie betrachtet, die sie alle überragte. Die Gärten waren voller Schatten gewesen, und wenn er die Augen hob, hatte er die Unendlichkeit grenzenlos vor sich herfliehen gefühlt. Anders als mit dem Gedanken hätte er diesen Raum füllen wollen, über den Hügeln schweben mögen, um für immer sein Leben jenem Zentrum des Weltalls zu verschwistern, das seine Augen und sein Instinkt da oben im funkelnden Himmel errichtet hatten. Er hatte vor Traurigkeit gefroren, ein so Geringes gegenüber dem Großen zu sein, das er ahnte. Seine Mutter hatte ihn dann gerufen: diese gütige Lampe, die willkommenbietende, der Anblick der vertrauten Möbel beschwichtigten bald in ihm die Bedrückung, die die Weite und der Abend ausgeströmt.

Seither hatte er den Vorsatz und dann die Gewohnheit angenommen, sich zwecklose Betrachtungen zu untersagen. Die Stadtglocken beunruhigten ihn längst nicht mehr, und er verhöhnte böse jede romantische Schwermut. Wenn es ihm dennoch manches Abends widerfuhr, unbeweglich im Dunkel am Fenster zu sitzen, bis er allmählich alle Erdenschwere verlor, so geschah dies in einer fortgesetzten Steigerung seiner Seele nach oben, in einem Aufschwellen seines ganzen Wesens, das nach jeder Rückkehr in sich selbst die Fülle der Gegenwart wieder entdeckte.

Vor ihm strahlten Lichter auf. Dies war der Marktflecken, den seine Mutter bewohnte. Von seiner Höhe überragte er ein ganzes Gebiet von Ebenen, Flüssen und weißen Landstraßen. Die Häuser wuchsen mit dem Felsen zusammen, der sie trug. Die Kirche war ganz oben, Gott so nahe als möglich.

Er kam durch einen Garten, wo Wäsche aufgehängt war. Die Unzahl der Sterne machte den Schatten durchscheinend, und man sah, wie die Grashalme sich regten. Er vernahm ein Geräusch. Ein ihm unbekannter Hund sprang aus seiner Hütte, schnupperte an ihm, ohne zu bellen. Eine große Angst übermannte ihn. Mit jedem Blick in diesen Garten, der ihm so vertraut gewesen, lächelte ihm eine Erinnerung, die in seinem Gedächtnis schlummerte. Die Dinge schienen ihm da so voll von einem verborgenen, fremdartigen Leben, das er nie vermutet hatte. Er hielt inne, und sogleich ward er der unendlichen Stille der Nacht in all ihrer Größe bewußt. Ja, vielleicht war es die Gewalt dieser Ruhe gewesen, die seinen Schritten Einhalt geboten. Lange sog er den Duft ein, dem die Kühle der Stunde eine unirdische Reinheit verlieh.