„Wie ein Sänger in unsagbarer Schwermut,
Inmitten seiner Lieder, den Tränen erlag.“
Auf dem sehr dunklen Weg, der den See umsäumte, bemerkte er das Phosphoreszieren eines toten Fisches, und seine Gedanken nahmen eine andere Richtung.
Die große Stille der Nacht wirkte immer weiter, als gebäre sie sich endlos aus sich selbst.
Warum, warum kam sie noch nicht? Seit dem Vorabend waffnete er angesichts des Ereignisses seinen ganzen Wortschatz. Nun begann dieses Warten seine Vorbereitungen zu zerstören. Durch das häufige Wiederholen der Worte, die er sich zu sagen vorgenommen, verwirrten sie sich allmählich, und schon zweifelte er an ihrer Wirksamkeit. Wie um ihr Kommen herbeizuzwingen, erhob er sich ungeduldig, machte zwei Schritte und ließ sich auf die Bank zurückfallen. Er litt. So würde er also nicht mehr genug Zeit haben, um mit Muße diesen letzten Abschied zu genießen, nicht mehr genug Augenblicke an ihrer Seite verbringen. Es verlangte ihn, sie noch sehr lange anzusehen. Und wie viel hatten sie einander noch anzuvertrauen! Wer weiß, was er noch alles hören, welche einzigartigen Augenblicke er noch erleben würde! Nun wußte er kaum, warum er sich zu reisen entschlossen hatte. Je mehr die Lösung herannahte, desto mehr verwunderte er sich, sie erwünscht zu haben und daß er selbst es gewesen, der mit Geschick ihre Notwendigkeit erwies. Wie leicht war ihm der Sieg geworden! Nun folterten ihn wirre Wünsche. Ehe er ging, wollte er wissen, ob denn wirklich im Grunde ihrer Seele Bedauern war. Ein letztes Mal noch konnten sie einander ihre geheimsten Gedanken ausliefern. Sie würden beide völliges Reinemachen in ihren Seelen halten. Natürlich war dies nur eine Genugtuung, die er sich verschaffen wollte, das Ergebnis einer dunklen Unruhe, die in ihm wühlte. Denn nichts mehr konnte ihn hindern abzureisen. Das Boot, das ihn entführen sollte, lag unweit verankert. Der Atem des Meeres flog bis zu ihm heran, die Seeluft salzte seine Lippen. Wenn die Nacht sich über einen neuen Tag gesenkt hat, wird er schon weit weg und alles zu Ende sein. Seine dunkelsten Gedanken werden ihm wiederkehren, und von neuem wird er diesen großen Ekel empfinden, der ihm so wohlbekannt ist. Er wird es verwünschen, der Einsame zu sein, der, dem häuslichen Leben feind, sein höchstes Vergnügen darin findet, immer wieder kaum genossenen Wonnen zu entfliehen. Wie ein Schleier wird die Traurigkeit hinter ihm herwehen, dann aber werden erlebnisreiche Tage folgen. Er war im Vergessen erfahren. Diesmal zwar hatte es ihn tief gepackt. Aber die Reise forderte ihr Recht. Diese Frau und der Ort hatten alles gegeben, er selbst alles genommen und selbst alles gegeben. Andere Tage, andere Geschehnisse warteten nun seiner. Wie in früher Zeit würde er an sich und die Dinge denken können, frei ohne Bindung, allen Zufällen bereit, andere Städte, andere Länder, andere Wesen schauen. Er wird den Klang neuer Stimmen kennen lernen. Da er nirgendwo von irgend jemandem erwartet wurde und an nichts gefesselt war, durfte er sich hoffnungsfreudig für alles erwärmen, aller Gemeinsamkeit und allem Gefühlsüberschwang sich erschließen, grenzenlos sich von neuen Wünschen treiben lassen.
Und die Vielfalt des Universums kreiste hinter seiner Stirn.
Ein Teil seines Selbst war in diesem Hause gefangen. Er würde es befreien und singend von dannen ziehen. Er hatte rasch das Sklaventum der Gewohnheit durchschaut, aber sich feige abgekehrt vor all dem, was er zerstören mußte, um sich zu befreien. Eines Tages schließlich hatte er sich gesagt: Was tue ich hier? Wie hat sich dies begeben? Er verstand, daß er hier die Freude und ihre Hilfsquelle erschöpft hatte. Er blieb aus Lässigkeit, wie einer, der unbeweglich auf dem Platze verharrt, zu dem ihn irgendein Antrieb versetzt hat. Da er von den Renten der Leidenschaft lebte, erwartete er nur mehr Zahltage. „Es ist gut, daß ich reise,“ spottete er. „Ich bin ja frei, ich habe nichts versprochen, ich habe keine Schwüre getauscht.“ Diesen Gedanken hielt er fest, er erleichterte ihn. „Wahrhaftig, wir haben einander nicht das geringste Versprechen gegeben.“ Vom ersten Tage an mußte sie diese Lösung vorausgesehen haben. Außerdem hat sie die Notwendigkeit der Trennung begriffen, sie ohne den geringsten Vorwurf entgegengenommen.
Wenn er an die Zukunft dachte, an all das, was ihm noch bereitet war und was er noch nicht besessen, litt er vor ungeduldiger Erwartung. Er dehnte sich ins Unbekannte hin. Diese unausgesetzte Spannung und dunkle Anziehung war ein Teil seines Wesens. Niemals war er ganz in der Wirklichkeit der Dinge, aus denen sich sein gegenwärtiges Leben zusammensetzte. Selbst wenn er mit anderen Menschen sprach oder Taten vollbrachte, die scheinbar die ganze Aufmerksamkeit seines Geistes beanspruchten, ließ er den größten Teil seines Wesens anderswo umherschweifen. Er redete Worte, indes seine Augen sorgsam das Antlitz des Fragenden musterten, und zu gleicher Zeit entführte sein Geist ihn zu anderen Visionen.
Zuweilen wurde dies Bedürfnis, seinem inneren Ruf zu folgen, so unwiderstehlich, daß er sich tatsächlich ganz allmählich von dem Ort entfernte, den sein Körper eben einnahm. Sein Partner, der gewahrte, daß ihm nicht mehr zugehört wurde, stellte das Sprechen ein. Erst viel später bemerkte er selbst das Schweigen.
Er schien nur in der Erinnerung oder Vorausahnung zu leben. Seine Gegenwärtigkeit, seine lebendige Seele zauberte sich ein lautlos durch nächtliche Landschaft dahinsegelndes Fahrzeug vor, dessen Fahrgäste alle in Träumen lagen.