Er wußte, daß er sich niemals irgendwo würde festsetzen können. Sein Geist hatte eines Tages einen Traum begonnen, den er nicht zu Ende führen sollte. Von Zeit zu Zeit würde er innehalten, um ihm nachzusinnen, zu kurzem Ausruhen die Augen aufschlagen und dann wieder wie von der Strömung eines Flusses erfaßt und hinweggetragen sein. Mächte seines inneren Menschen hatten ihn immer gehindert, sein ganzes Wesen hinzugeben. Ein Teil seiner Persönlichkeit blieb der Mitteilung verschlossen. Niemals würde ihn jemand kennen lernen, wie er war. Ja selbst neben jener, die er so sehr geliebt, hatte er im Überschwang der Hingabe, gleichzeitig mit dem großen Wunsch, sich in ein anderes Wesen zu versenken, in Augenblicken stürmischster Leidenschaft empfunden, daß ein Teil seines Selbst stumm und kraftlos verharrte und gleichsam seinem Abenteuer fremd blieb. Kein Mensch, den er gekannt und mit dem er verkehrt hatte, konnte die Schwelle seiner Seele übertreten. Der Mittelpunkt seines Wesens lebte geheimnisvoll in dunklen Tiefen. Er schwor oft jene Zone tätigen Lebens herbei, die er selbst kaum kannte und in der sich ein wundersames Leben entwickelte.

Er betrachtete das Haus, nichts regte sich. Wieder nahmen ihn seine Gedanken gefangen.

Vorhin hatte er ein wenig Trauer, ein unbestimmtes Bedauern empfunden. Jetzt frohlockte er, und Trunkenheit begeisterte ihn. „Dies ganze Leben, das noch nicht niedergeschrieben ist!“ dachte er. Bewegung, Zeit, die sich verflüchtigt, alle Dinge wandelnd, Glück, ein Mensch zu sein, rastlos durcharbeitet, ein Mensch, dem jeder Tag etwas nimmt und beschert! O Baum, der nicht endet im Wachstum, o Buch, in dessen zahlreichen Kapiteln endlos die Lösung hinausgeschoben ist. Nichts Abgeschlossenes bin ich, wie ein Kadaver, der zu letzten Grenzen gelangte. Zwischen meinem lebendigen Sein und den Gefilden, in denen sich mein eigenes Drama abspielt, hört der Zusammenhang nicht auf. Wie ein Quell eng von Pflanzen umschlossen, sprudle ich zwischen den Menschen. Ich setze mich mit jener eigensinnigen Regelmäßigkeit kraftvoller Meteore fort. Der kommende Tag ist mir immer ein Fenster, das sich leis auf Täler öffnet, eine Türe, die sich auf- und zutut, um einen Lichtstrahl einzulassen, den die Augen der Menschen noch nicht geschaut haben.

Möge der Atem des Weltalls ohne Unterlaß meine Einsamkeit umflügeln. Peitscht mich, ihr großen Stürme! Nichts wird jemals stark genug sein, in ein Zimmer mich zu sperren und über mich den Deckel fallen zu lassen. Ich bin die Spule, die einen Faden nährt, der endlos sich abwickelt.

Selbst mein Schlaf, in dem farbige Lichtbilder kreisen, ist nur Anschein der Ruhe.

Brenne du mein Leben! Steile und klare Flamme du, sei um sich greifendes Feuer! Stärke, Kraft du, ganz bereit, sich auszugeben, Ungeduld zu leben, all die Jugend, all dieser Schwung, für einen Körper, der zu klein ist, all dies zu fassen!

Wie langsam doch alles hinlebt und wie langmütig die Folgen aller Dinge sind. Wie doch der Weg zu dem, was verheißen, voll Schlaftrunkenheit ist! Alles verwirklicht sich so langsam, daß die Bewegung selbst unsichtbar wird, und das ganze Universum für Augenblicke eine bewegungslose Ausdehnung zu sein scheint. Hatte er nicht zuweilen das mächtige Verlangen, den Gesetzen dieses Wachstums zu entrinnen, sich durch seine Maschen zu winden, die Zeit zu überschreiten, mit einem Schlage die ganze Wirksamkeit zu erschöpfen, das ganze Kapital zu realisieren? Oh, nicht mehr von einem Tag zum andern übergehen in weichlichem Hinausschieben und Hindehnen, sondern plötzlich sein, aufrecht und bereit, ein Mensch, der neu aus sich selbst hervorsprudelt.

Aus dem Herzen der reglosen Nacht sandte mit einemmal der nächtliche Sänger, wie zum Vorspiel, einige Rufe.

In der Seele des Menschen, der sich da befand, tat sich eine weite Stille auf. Das Ohr in das Dunkel gewandt, sich seiner ganz zu erlaben, horchte er dem wunderbaren Gesang. Der Vogel ließ einige Noten fallen und hielt inne, bald drängten sich die Töne und reihten sich nun ohne Unterbrechung aneinander. Sie waren voll und wohlklingend, und der ganze Park schwelgte mit ihnen. Aus dem Dunkel stieg der Sang gegen die Helle, und die große Stille der Nacht tauchte ringsum alles in Reinheit. Das pathetische Schluchzen stieg von den Bäumen, der Erde, von den Wassern auf. Es wußte um die Märchenträume, die Wassertiefe, die Macht der Säfte. Alle Blätter zitterten darauf, es zu hören, aus der heißen Erde strömte es in die Sommernacht, drang längs der verzweigten Äste hinauf, entriß alle Pflanzen ihrer Schlaftrunkenheit, nährte sich von ihrem Mark, um dann rasch und stark, wie die großen Wasserfälle, in einem Satz die kühnen Wipfel der höchsten Pappeln zu überspringen, in den heiteren Höhen des erleuchteten Himmels sich zu verlieren.

Die Seele des jungen Menschen weitete sich mächtig. Er wuchs in seinen Tiefen. Mühelos verbreitete er sich in alle niederen Räume seines Wesens. Sein Herz in der geweiteten Brust nährte sich von einem strahlenden und herrlichen Leben. Unaufhörlich rieselte die Klage des verzweifelten Vogels hin. Sie ragte einsam in die Welt. Und der Mann, feuchten Auges im Dunkel verloren, erlebte sie, als brächte er selbst sie hervor. Ihm entströmte der Sang, und besser als irgend Worte, drückte er die Heftigkeit seiner allzu geliebten Trauer aus. Die Töne quollen bald scharf, bald dumpf, und seine plötzliche Verzweiflung vereinte sich ganz mit ihrem Wellengang. Er sah nach rückwärts gebogen die Perlenreihe der Töne endlos gegen die leuchtende Wolke aufsteigen.