„Sang, o Sang, deine unendliche Schwermut erreicht die des traurigen Mondes und vermählt sich ihr in Tränen. Ich belaste dich mit meinem unwahrscheinlichen Schmerz, mit meinen unauslöschlichen Wünschen und jenem unsterblichen Durst, der mich verzehrt. Äußerster Teil meines Selbst, wie der bebende Stengel eines Kelches bist du, der meine verzweifelt trunkene Seele der öden Unendlichkeit hinopfert. Steige, steig an! Höher noch! Verschütte weithin diesen Kelch, und möge dein bitterer Regen über die ganze Erde fallen. Blähe zornvoll deinen Hals, du dunkler Sänger, und laß deinen Hauch nicht verklingen. Schon nähern aus dem Innern der Zimmer sich den Fenstern blasse Gesichter. Männer kommen, ihre Unruhe in deinem Sang zu kühlen und von ihm Erleichterung zu erbitten.“
In dem außergewöhnlichen Frieden dieser Stunde ertönten immer wieder die Triller, und der Gesang erreichte schmerzvolle Fülle und Macht. Der Mann, der ihm lauschte, fühlte sich durch ihn für Augenblicke wie emporgehoben, auf Gipfel entführt und sanft in den Höhen gewiegt. Ganz seiner Verzückung hingegeben, sah er nicht mehr nach dem Hause, bis ein leises Geräusch ihn erbeben ließ. Die Läden der Tür öffneten sich langsam, und eine Frau erschien im vollen Licht. Er stand auf, sein Herz schlug schnell. Es war das letzte Mal! Damit sie ihn sähe, trat er aus dem Dunkel. Ihn bemerkend, überquerte sie laufend, vorgeschnellt wie ein Segel, die große Rasenfläche.
Er empfing sie in seinen Armen, die sich unwillkürlich geöffnet hatten. Auf der Bank sitzend, hielten sie sich in langem Schweigen eng aneinandergepreßt. Über ihre stummen Lippen hinweg vereinigte sich im Dunkeln ihr Geist. In der Majestät einer großen Andacht fühlten sie, wie das gelebte Leben zu ihnen zurückkehrte. Sie erahnten darin selbst den Augenblick, wo sie wieder zu sprechen beginnen mußten.
Er sog den Duft ihres Haares ein und liebkoste ihren so zarten Hals; sie aber, an seine Schulter gepreßt, rührte sich nicht. Von fernher hörten sie das Rollen eines Zuges, den langhingezogenen Schrei einer Dampfpfeife. Ihre Seelen weiteten sich an der Entfernung, dann verflüchtigten sich die Geräusche, starben wie ein Röcheln hin, und das Mondlicht schien noch mit vermehrtem Glanz in die wiedergewonnene Stille zu gleißen. Lichtpünktchen glitzerten in den Büschen, winzige Strahlenbündel entstanden und erstarben auf der Wasserfläche des Sees.
Mit kaum wahrnehmbarer Stimme brachte er Worte hervor. Doch wie verloren in die Bilder des Traumes und Halbschlummers, blieb sie unbeweglich. In der großen Stille fürchtete er so sehr den Klang seiner eigenen Stimme zu hören, daß sein Gespräch erstarb. Er machte entfernte Anspielung auf seine Abreise, unhörbar atmete sie und antwortete nicht. Ein Wort, deutlich und scharf, stach plötzlich hervor. Beschämt schwieg er, es ausgesprochen zu haben. Das Schweigen wartete. Sie warf sich zurück und hob die Augen. Dieser Abend war der letzte Abend. Ganz leise sagte sie: „Es ist das letzte Mal.“ Er antwortete nichts, denn schon quälte ihn der heuchlerische Gedanke, das Wort in die Stille, aus der es noch hervorstach, zurückzustoßen. Auch wollte er den Gedanken ersticken, der sich in ihm zu entwickeln versuchte. Er sprach und sprach, wiederholte noch einmal die Notwendigkeit seiner Abreise. Man erwarte ihn dort, er müsse fort, könne sich nicht weichlich in sein eigenes Glück einnisten. Man durfte nicht alles dem opfern, was nur so neben dem Leben hinging.
Dem Gefühl mußte man widerstehen, dem Verstand die Oberherrschaft sichern. Wohl verstanden . . . Gewiß . . . Er verlor den Boden und wurde ungeschickt, weil er ohne Überzeugung sprach.
Und haben wir denn nicht das Beste unserer Selbst getauscht? Was könnten wir uns mehr noch geben? Sie neigte zum Zeichen der Zustimmung das Haupt. Man erwartet mich dort. Ja, man wird sich schon über die Lässigkeit, mit der ich mich in Bewegung setzte, verwundern. Wie rasch doch die Zeit vergangen ist! Nun sind es schon zwei ganze Monate, seit ich da bin. Zwei Monate!
Ich werde alle die verlorene Zeit einbringen müssen . . . Verlorene Zeit . . . O nein, die Worte täten mir unrecht. Ich wollte sagen . . . aber du verstehst mich ja, du, die feinfühligste der Frauen?
Sie blieb still und schien ihn kaum zu hören. Mit welcher Ruhe nahm sie diesen Entschluß auf, der ihn jetzt schreckte. Wie wenig schien sie unter ihm zu leiden. Würde sie ihm auf seiner langen Reise auch nicht im geringsten nachtrauern? Hatte er die verbrachten Tage einem eitlen Schein geopfert, so weit sie mißbraucht? Ein bitterer Gedanke prägte sich in seine Züge ein. Doch nein, sie würde zittern, sich erregen, ihm in den Arm fallen. Er feuerte sich an, ihre Ruhe zu stören, und begann von neuem. Weil wir stark sind und es so gewollt haben, zerreißen wir lächelnd die leisen Bande, die uns vereinen. Wir werden nichts mehr gemeinsam haben. Du wirst selbst die Erinnerung an mein Gesicht verlieren. Wenn wir uns eines Tages begegnen, werden wir vorgeben, einander fremd zu sein. Wir werden uns nicht selbst betrügen und, allgemeine Gesetze verachtend, es verstehen auseinander zu gehen, wenn wir das Vergnügen erschöpft haben. Ich weiß nicht, was für ein Mensch ich später sein werde, und derjenige, der heute mit dir ist, hat keinerlei Recht auf jenen. Auch werde ich nicht anteilloser Zuschauer des Verfalles sein, der dem zerbrechlichen Bau deiner Schönheit droht. Ich trage von dir ein vollkommenes Bild, das die Zeit vergeblich schwärzen wird, mit mir fort.