Zorn entflammte ihn. Er verausgabte sich vor dieser stillen und abwesenden Frau. Verzweifelt konnte er aus seinem Kummer keinen Ausgang finden und verwundete sich an seinen eigenen Worten. Oh, daß sie doch spräche, daß sie ihm diesen Schrei entgegenschleuderte, den er mit aller Kraft ersehnte. Dieser Schrei, der aus ihrem auf immer gespendeten Sein entspränge und sie ihm für immer einen würde! War dies nicht wichtiger und wünschenswerter als alles andere? Wenn sie es zu wollen verstände, würde er nicht abreisen. Wenn sie sagte: Mein Freund, geh nicht fort, du bist ja in meinem Leben solch eine Notwendigkeit, daß ich mir ohne dich kein Dasein vorstellen kann. Meine Furcht und meine Freuden, all meine Gedanken und mein zu empfindsames Herz, all das, was ich bin, hat es so gut vermocht, in dich das Netzwerk zarter Wurzeln zu versenken und sich von dir zu nähren, daß ich wie eine Pflanze, die man abreißt, sterben werde, wenn du gehst. Du bist der stets gegenwärtige Gefährte, der Horizont, hinter dem es mir gleichgültig ist, ob Land ist oder nicht. Du bist an meiner Seite der Freund ohne Geheimnis, der immer bereit ist, die Gedanken zu empfangen, die sich eben in mir bilden. Du bist immer wieder der Beweis, aus dem sich mein Glaube nährt, der mich leben macht, und der Vorwand für jeden meiner Tage bist du! Mein Leben ist der Vasall des deinen, und ich lege meinen Kopf an deine Schultern, zum Zeichen meiner treuen Ergebung. Wie könnte ich ohne dich mich des Übels auf der Welt, und dem Tode anheimgegeben zu sein, erwehren? Nein, nein, du mein wachsamer Ritter, du wirst nicht ohne mich ziehen. Ich hänge mich an dich, ich werde dir durch alle Lande folgen. Ich hefte mich an deine Fersen, bis ans Ende der Welt.
Er berauschte sich heimlich an diesen Worten, die er so gerne aus ihrem Munde empfangen hätte. Er bemühte sich, sie hervorzurufen, und ließ gleichzeitig seinen Entschluß als unerschütterlich erscheinen. Er wollte, daß sie plötzlich aus unaufhaltsamer Notwendigkeit hervorbrächen und nicht aus der Fähigkeit, sich seinem Wunsche anzupassen. Aber das Beben seiner Stimme, das ihm für Augenblicke den Hals zuschnürte, verriet ihn. Vielleicht kannte sie seinen verzweifelten Wunsch und erwiderte ihn nicht? und er wiederholte sich: Sprich, sprich, du siehst ja schon, daß ich die Ketten trage, die du um meinen Körper legen willst. Soll ich hinknien, soll ich mich demütigen? Sprich, und wenn du es willst, werde ich geringer sein, als die Erde unter deinem Fuß. Gib nur ein Wort mir, ein armseliges Wort des Bedauerns vom Saum deiner Lippen. Durchdringe mein Schweigen, fühle mein Elend, das nicht Ausgang weiß. Warum habe ich diesen Abschied gewollt? War es nicht mein eigensinniger Hochmut oder mein geheimer Wunsch, der sie dazu gebracht hat, sie verführt hat, mich erst das ganze Ausmaß des Glückes erkennen zu lassen, das ich eben durch diese Handlung verlieren sollte! O du Spieler, den nichts verhindern kann, das Beste seiner Güter im verhaßten Spiel zu wagen. Freundin du, lies in meinen Augen! Laß mich nicht gehen! Ich bin schon jetzt in Verbannung geraten. Über den unendlichen Ozean trauere ich dir nach! O wie weit bist du, und ich werde dich niemals wiedersehen. Halte mich zurück, noch ist es Zeit. Eine schmerzvolle Traurigkeit überkommt mich, wie ich diese Einsamkeit dort drüben mir bereitet sehe. Liebe, kleine sanfte Freundin, höre mich doch!
Sie verharrt wortlos gesenkten Hauptes, scheinbar in Unkenntnis des Ortes und des Vorgangs. Kein Zweifel mehr, sie ahnt nicht einmal diesen Schmerz, der ihr so nahe ist. Er sah ein Zimmer vor sich mit vielen Tapeten. Eine Lampe verschmolz in warmer Helle die Dinge, Winter war es und Abend. Es war sehr kalt draußen. Sie las, nahe dem Kamin.
Tränen trübten seine Augen.
Seine Angebetete gab ihn auf. All seine Kraft verließ ihn und schien sich in die Erde zu verlieren. Schwach und ängstlich war er wie ein Kind. Er glaubte an nichts mehr. Er wünschte nichts mehr. Das einzige, was ihm irgend wert gewesen wäre, er hatte es nicht besessen. Er würde es nie besitzen. Die Welt schien ihm verabscheuungswürdig. Alle Erinnerungen des Lebens, die ihm wiederkehrten, stießen ihn bis zum Abscheu ab. Der Ekel malte sich in seinen Zügen. O wie war er der Welt müde, durch die so viele Menschen gegangen waren, in der so viele noch sich aufhäufen. O Welt, von aller Befleckung der gebrauchten Dinge gezeichnet, die du kein Plätzchen hast, das nicht die Spuren irgendeiner Anwesenheit aufweist, Erde, aus der die Reinheit verbannt ist, Erde, über und über beschmutzt mit Ungeheuerlichkeiten, Luft selbst, die ich atme, auch du vergiftet vom Hauch der Menschen und Tiere durch diesen schrecklichen Geruch des Magens! Azur, der jungfräuliche Azur, wie man dich nennt, auch du bist nach allen Richtungen durchstreift und durchnarbt von ihren schmutzigen Gedanken, wie fette Fleischsülze.
Er unterbrach sein Schweigen, um sehr leise zu sagen: „Die Nacht ist kalt, friert dich nicht?“ Der Klang seiner Stimme war so seltsam, daß sie die Augen hob. Sie blieb lange nachdenklich und sagte, als ob sie laut weitersänne: „Gewiß, du hattest nicht das Recht, die Vergnügungen des Augenblicks deinen großen Hoffnungen zu opfern. Ich weiß, daß es wichtigere Dinge gibt, als die kleinen Fügungen unseres eigenen Lebens, und ich denke wie du, daß es gut ist, daß ein jeder von uns sich einen Teil für unbekannte Forderungen der Zukunft vorbehalte.“ Wie sie sich seine Worte gut gemerkt hatte!
Er antwortete: Solch ein Glück, wie es immer wieder neu aus ihm erstand, forderte eben seinen Preis! „Aber meine Freude konnte nur aus der deinen entstehen. Die aber mochte spärlich gewesen sein.“
„Freund, o Freund!“
Er fühlte, wie sehr sie noch an ihm hing, und fühlte, wie sich eine Entspannung in ihm vollzog. Mit diesen süßen Gedanken würde er hinweggehen.
„Du nimmst mich ganz mit dir. Du läßt von mir nichts, als die Stätte der Erinnerung. Ich weiß, daß du mich mit jener Heftigkeit geliebt hast, die man nicht lange empfinden kann. Die Leidenschaft brennt, ohne sich aufzusparen. Auch ich liebte dich, du mein einziger Freund auf dieser Welt. Wie oft bin ich abends, ganz angekleidet, nach einer langen Träumerei, die nur von dir erfüllt war, eingeschlummert, vergaß die brennende Lampe und erwachte des Morgens durch das Sonnenlicht. Die ersten Tage werden sehr traurig sein. Kummervoll werde ich mich durch das Haus schleppen, in den Park gehen, um einem Phantom nachzujagen, und auf dieser Bank die Augen schließen, um dich zu sehen. O wie qualvoll die ersten Tage sein werden. Du tatest, was du wolltest. Ich mache dir keinen Vorwurf. Wenn es dir eines Tages gefällt, hierher zurückzukehren, wirst du mich so wiederfinden, wie du mich verlassen hast, immer noch deiner Laune ergeben.“