Was ging hier nebenan vor? Es hörte nichts. Sein Vater war zurückgekehrt. Bedeutet das Glück? Unglück? Auf den Fußspitzen näherte es sich der Tür und floh, als es Geräusch hörte.
Seine Eltern betraten das Zimmer. Sein Vater hob es von der Erde auf und drückte es so stark gegen seine Brust, daß das Kind sein Herz gegen das seine schlagen fühlte.
SPAZIERGANG UND BEGEGNUNG
Das Wetter war schön und die Luft sehr milde. An einem Sonntag war es. Der Nachmittag rückte vorwärts, und seit Stunden wälzte sich unaufhörlich die Menge über den Hauptboulevard der Stadt. Ein Menschenstrom flutete abwärts, ein anderer wieder zurück. Wie im Meere eilige Strömungen die bewegte Flut durchqueren, ohne sich in ihr zu verlieren. — Junge Leute folgten einander und drängten durch die widerstrebende Masse. Von Zeit zu Zeit blieben Spaziergänger stehen, und ihr Rücken zerteilte wie ein Fels die menschliche Flut. Sie wurden heftig gestoßen und bald wieder vom Wirbel erfaßt. Da und dort öffnete ein Geschäftsladen seine Höhlung und nahm etwas von diesen Wellen in sich auf. Bei jeder Straßenüberquerung, wo der Sturzbach der Wagen sich gewaltsam staute, rückte der Menschenstrom zurück, schwoll an, wurde lebhafter und brandete dann in die freigelegte Hauptstraße. Die Fassaden der Häuser stießen farbige Schreie aus, und gewaltsam prägte sich die Lichtreklame, die von den Dächern in den Himmel hinaufgeschleudert wurde, den aufwärts gerichteten Blicken ein. Die Spaziergänger waren zahlreicher als die Buchstaben einer Zeitungsspalte. Fadenartig umwickelten sie Plakatkioske. Vor den Auslagen bildete sich eine Wand von Menschen. Wie Adler, die sich auf eine Herde stürzen, kreisten Wagen umher, schienen ihre Beute zu suchen, stürzten an die Masse heran und flohen mit ihrem Fang. Immer noch ging der Strom hin. Er floß über und schwoll durch den unablässigen Zuwachs seiner Nebenflüsse, der Straßen und Durchgänge; ohne sich sonderlich auszubreiten, kam er durch die Seen der Plätze, um sich dann an seinem Ziele, in dem Fächer einiger Vororte, zu verströmen.
Über all dies unterhielt sich unter diesen vielen Menschen ein junger Mann. Schon seit dem Morgen begeisterte ihn eine außergewöhnliche Freudigkeit. Sein Herz saß, wie er sich gern ausdrückte, am Ende einer Rakete, bereit loszugehen. Das Ereignis dieses schönen Tages, nach einer langen Reihe trauriger Tage, hatte ihm Vertrauen und Freude am Leben wiedergegeben. Aus dem fröhlichen Windhauch, der die grünen Blätter der Bäume bewegte, und von dem Geruch der eben frisch besprengten Alleen flog ihn ein Zauber an. Alles schien ihm verändert. Die Frauen waren fast alle begehrenswert, und die streitsüchtigen Männchen, die Gottesfriede beschlossen hatten, begegneten einander mit ungewohntem Wohlwollen. Schon am Morgen hatte er in einer kleinen Bar den allgemeinen Optimismus auf dem lachenden Antlitz eines guten, dicken Kerls leuchten sehen. Sogar der Werkelmann, dem er an seiner Straßenecke begegnet war, war ihm nicht so elend erschienen; lächelnd leierte er mit himmelwärts aufgeschlagenen Augen; er dachte nicht mehr daran, die Hände auszustrecken, und spielte sichtlich nur zum Vergnügen. Er sah noch immer den Mann dort neben der Haustüre mit seinem geröteten und dabei sanften Schnapsgesicht und bedauerte es, ihm nichts gegeben zu haben.
Zerstreut ging er dahin, ließ unbesorgt und ziellos seine Blicke umherschweifen und lockerte die Trense seiner Gedanken. Er wurde nicht böse, wenn man ihn anstieß. Alles interessierte ihn und schien ihm zuzurufen: die Farbe eines Kleides, der Klang einer Stimme, die Klarheit eines Antlitzes, die Spur eines Parfüms. Er blieb oft stehen und wandte den Kopf, ohne der Gewalttätigkeiten zu achten, denen er sich dadurch in jedem Augenblicke aussetzte. Er glich dem sorglosen Kinde, das während der Schlacht unter dem Kugelregen der Kämpfenden Blumen pflückt. Wenn ein Ellbogen in seine Rippen drang, ein ungeschickter Fuß auf den seinen trat, sagte er sich: „Geschieht dir schon recht, warum gibst du auch nicht acht, eben wärst du beinahe wieder unter diesen Autobus geraten, als du über den Boulevard gingst, aber schon hast du es wieder vergessen; eine ganz gelungene Quetschung mit krachenden Knochen und verspritzten Eingeweiden steht dir ja auf der Nase geschrieben und ist dir ganz sicher.“ Aber er war seinen Leidenschaften gegenüber wehrlos und setzte seinen Weg fort, indem er, abenteuerlich gelaunt, voll wirrer Ideen die Augen rechts und links umherschweifen ließ.
Es gab hier um ihn her so viele Dinge zu sehen, daß er mit seinen Blicken den Himmel, das Jagdgebiet der Götter, verschonte.
Leute nähern sich ihm. Alle denken sichtbar an etwas Bestimmtes. Aber ihre Gedanken vermengen sich nicht. Jeder Vorübergehende schlägt seinen Weg ein und trägt die kleine geschlossene Welt seiner ihm allein vertrauten Gedanken, sein undurchdringbares Geheimnis in sich verborgen. Jeder ist ein geschlossenes Buch, das eine Geschichte enthält, die niemand lesen kann. So gehen sie auf dem wohlbekannten Boulevard mit der Sicherheit blind Geborener dahin. Was könnte sie in Erstaunen versetzen? Alles befindet sich an seinem Platz, und der gewohnte Anblick verschleiert mitleidig die tiefern Dinge. Wozu auch sich immer um den Anfang und das Ende sorgen, wenn der gegenwärtige Augenblick so freundlich ist. Jeder fühlt sehr stark, daß schönes Wetter und er frei ist. Sonntags läßt es sich gut leben. Die Erde gehört jedem, und keiner vermag ihr etwas zu rauben. Man existiert ohne jede Mühe. Der Hauch der Lungen, die Maschinerie der Beine funktioniert, ohne daß man sich darum bekümmern muß. Man braucht sich nur laufen zu lassen. Jeder Vorübergehende weiß, daß er den ganzen Tag um seiner selbst willen leben wird, daß er Herr eines Körpers ist und ihn zu seinem eigenen Gebrauch, zu seinem eigenen Vergnügen verwenden kann. Bis zum Morgen werden die Minuten sich aneinanderreihen und mit vollen Händen eine der andern Freiheit spenden. Auch ist es nicht nötig, eine neue Art des Fühlens und des Schauens zu erfinden. Die Freude ist allüberall, und man braucht sich nur zu bücken, um sie aufzuheben. Wir haben ein für allemal die Dinge bei ihrem Namen genannt, und das Weltall mag sein Geheimnis, das uns nicht interessiert, für sich behalten; wir werden uns nicht mehr verfolgen lassen. Der Tod? — laßt uns lachen! —: eine Erfindung der Pfaffen. Und wenn es ihn schon wirklich gibt, so ist er ein Verhängnis, das so entfernt und unwahrscheinlich ist, daß man es nicht nötig hat, daran zu denken, und dann . . . bis dahin kann so mancherlei passieren; weiß man es denn?